Kurz vor dem Höhepunkt am Rosenmontag und Faschingsdienstag waren die Abende von Freitag bis Sonntag vollgestopft mit närrischen Veranstaltungen, die stets gut besucht waren. Neustadt war zwar noch nie eine Faschingshochburg und hat auch keinen Verein, der sich der "Narretei" verschrieben hat. Aber Fasching wurde trotzdem gefeiert, besonders in der Zeit zwischen 1950 und 1965. Das hat einen guten Grund.

Noch waren die Folgen des verlorenen Zweiten Weltkrieges spürbar. Es herrschte Wohnungsnot und große Arbeitslosigkeit. Neustadt hatte Flüchtlinge und Heimatvertriebene aufgenommen. Die Einwohnerzahl war durch diese in den Jahren von 1949 bis 1950 auf 12813 angewachsen. Das waren 3205 mehr als 1939! Zentralheizungen in den Häusern gab es kaum. Die Wohnungen hatten meistens Einzelöfen, die mit Holz und Kohle befeuert wurden.

Die Arbeitsbedingungen waren im Vergleich zu heute hart. Es galt noch die 48-Stunden-Woche. Auch am Samstag wurde regelmäßig gearbeitet. Die Versorgungslage war mäßig und mit heute nicht vergleichbar. Es war ein entbehrungsreiches Leben. Die Familien waren dankbar, wenn sie täglich etwas auf dem Tisch hatten, sich im Winter in einem warmen Zimmer aufhalten konnten und einigermaßen "über die Runden" kamen.

Mal raus aus dem Alltag

Und so waren die Neustadter froh, wenn sie mal vom Alltag ausbrechen und bei Faschingsveranstaltungen ein paar unbeschwerte, fröhliche Stunden verleben konnten. In den 1950er bis 1990er Jahren sorgten etliche Neustadter Vereine, Verbände und die Gastronomie mit Kinderfaschingsumzügen und Veranstaltungen für Jung und Alt wie Kappenabenden für viel Vergnügen.

Der Faschingsdienstag war für die Kinder immer eine große Attraktion. Darauf hatten sie sich schon das ganze Jahr über gefreut. Nach der Schule zogen sie in ihren Faschingskostümen von Geschäft zu Geschäft und sagten ihr Faschingssprüchlein auf. Dann bekamen sie von den Geschäftsleuten meistens eine Kleinigkeit, ein paar Bonbons, ein Plätzchen vom Bäcker, einen Wurstzipfel vom Metzger oder einen Radiergummi vom Schreibwarenhändler. Es gab aber auch Geschäftsleute, wo sie leer ausgingen. Da war die Enttäuschung natürlich groß.

Nachmittags fand dann ein kleiner Faschingsumzug, vom SPD-Ortsverein Neustadt organisiert, statt, dies vor allem zwischen 1960 und 1971. Die Federführung hatte Hellmut Grempel, der von 1985 bis 1991 Oberbürgermeister der Stadt Neustadt war. Da versammelte sich das jugendliche Faschingsvolk auf dem Marktplatz. In ihren bunten Kostümen, verkleidet als Cowboy, Indianer, Zorro, Piraten, Prinzessinnen, Rotkäppchen oder Clowns bot es ein farbenprächtiges Bild.

Angeführt von einem Fahrzeug, auf dem ein Faschingsprinzenpaar saß, führte der bunte Faschingszug mit einer Musikkapelle zum Gesellschaftshaus "Jägersruh". Hier konnten sich die Kinder und Jugendlichen bei entsprechender Faschingsmusik im Saal so richtig austoben. Die Cowboys verbreiteten mit lautstarken Schüssen aus ihren mit Schießplättchen gefüllten Pistolen Lärm und Rauch.

Abends fand dann im Jägersruhsaal der "Faschingskehraus" des SPD-Ortsvereins statt. Wer von den vergangenen Faschingsveranstaltungen noch nicht genug hatte, konnte sich letztmals an diesem Abend ins Vergnügen stürzen. Nicht wenige wachten dann nach einer durchzechten Nacht mit einem mächtigen Brummschädel auf - und der tat den ganzen Aschermittwoch lang weh.

Ab den 1950er Jahren gab es eine Vielzahl von größeren Faschingsfeiern in der Jägersruh, im Schießhaussaal und im Grüntal, veranstaltet von der Turngemeinde, dem Schachclub, dem Sängerkranz "Eintracht", dem Gesangverein "Germania", dem Heimkehrer-Verband und der Glockenberger-Vereinigung. Erinnert sei an den Sudetenfasching, den Grenzlandfasching und die Feiern der Handballer, des Tischtennisclubs, der Zöllner und des Ski-Clubs. 1951 und 1952 führten die Glockenberger gemeinsam mit den Schützen und der Turngemeinde einen Großfasching durch.

Das Motto damals: "Unno Stadt stett Kuopf - von 1900 bis heute!" Vor allem der Glockenberger Fasching in den 1960er und 1970er Jahren war legendär. Mottos wie "Künstlerparty" (1966), "Geisterspuk im Schützenhaus" (1967) oder "Ein Rummel an der Haifischbar" (1970) lockten bis zu 1000 Besucher in den Saal des Schützenhauses der Privilegierten Schützengesellschaft. Kein Wunder, bekannte Kapellen sorgten für überschäumende Stimmung, der Saal war immer toll dekoriert und an den Bars konnte geflirtet und gebechert werden. Mitunter musste der Saal sogar für weitere Besucher gesperrt werden.

Lag es an den Diskotheken?

In den 80er und 90er Jahren ließ das Interesse am Fasching merklich nach. Auch der große Aufwand und das finanzielle Risiko schreckte manche Vereine. Sicherlich lag das auch an den vielerorts entstandenen Diskotheken, in denen sich die jungen Leute jedes Wochenende vergnügten.

Geblieben sind der "Wilhäädo Faschingsumzug", der sich nach der Eingemeindung Wildenheids im Veranstaltungskalender fest etabliert hat, sowie mehrere Kinderfaschings. Als größter und beliebtester hat sich seit vielen Jahren der Kinderfasching des Ski-Clubs Neustadt am Faschingsdienstag in der Frankenhalle entwickelt - und der muss wegen der Corona-Pandemie erneut ausfallen. Zum Trost hat sich der Ski-Club Neustadt für heute einen Online-Kinderfasching ausgedacht.