Bitterkalt war es am Dienstagmorgen in Coburg - und trotzdem wurde es Franziska Bartl richtig warm ums Herz. Auslöser: viele kleine Kerzen, die plötzlich an verschiedenen "Stolpersteinen" in der Innenstadt flackerten. Wer sie aufgestellt hat, ist nicht bekannt - auch wenn der Vermutung nahe liegt, dass Franziska Bartl und ihre engagierten Mitstreiter vom Arbeitskreis "Lebendige Erinnerungskultur" etwas damit zu tun haben. "Nein, wir waren das nicht", sagt Franziska Bartl auf Tageblatt-Anfrage, "aber wir freuen uns sehr über diese offenbar private Aktion."

"Wir waren es auch nicht", sagt Marion Sommer, deren Familie in der Ketschendorfer Straße 2 die "Villa Victoria" gehört. Das Gebäude war einst im Besitz von Abraham Friedmann, der nach dem Ersten Weltkrieg mit viel harter Arbeit zu Vermögen kam - erst als Leiter der damaligen Bezirksschlächterei, später bei der Großschlächterei Großmann. In den Augen der Nazis war Friedmann als wohlhabender Jude eine "idealtypische Zielscheibe", wie es der Kultur- und Museumswissenschaftler Hubertus Habel einmal umschrieb. Nach Hitlers Machtergreifung wurde Friedmann gequält - und systematisch in den Ruin getrieben. Er starb 1938 im Exil in Paris. Heute erinnert eine kleine Messingtafel, ein "Stolperstein", in der Ketschendorfer Straße an ihn - und auch dort flackerte jetzt plötzlich ein Licht.

Für Franziska Bartl sind die von wem auch immer aufgestellten Kerzen eine "sehr schöne Bestätigung" der Arbeit des Arbeitskreises. "Wir wollen ja erreichen, dass die Erinnerung von möglichst vielen Menschen wachgehalten wird." Umso erfreulicher seien solche Eigeninitiativen - zumal sie in einem Jahr passiert sind, in dem vieles anders ist. Wegen der Corona-Pandemie konnte der traditionelle Rundgang des Arbeitskreises am 9. November nicht stattfinden. Normalerweise werden bei diesem Rundgang am Jahrestag der Pogromnacht mehrere "Stolpersteine" angelaufen. Dort wird an die jeweiligen Opfer gedacht sowie eine weiße Rose niedergelegt und eine Kerze aufgestellt. "Die Teilnehmerzahl ist von Jahr zu Jahr größer geworden", erinnert sich Franziska Bartl. Aber dann kam Corona - einen Rundgang gab es heuer nur virtuell (abrufbar auf der Internetseite des Evangelischen Bildungswerks www.ebw-coburg.de).

Noch bevor eine Bilanz möglich ist, auf welche Resonanz der Rundgang gestoßen ist, freut sich Franziska Bartl jetzt aber schon einmal über die große Geste mit den kleinen Kerzen. "Denn in Corona-Zeiten stellt sich ja auch die Frage: Was macht das alles mit der Kultur, und was macht es mit der Erinnerungskultur?"

Was sind "Stolpersteine"?

Hintergrund In vielen Städten gibt es "Stolpersteine". Sie gehen auf eine Idee des Künstlers Günter Demnig zurück: Mit kleinen Gedenktafeln aus Messing wird den Opfern des Nationalsozialismus gedacht; die Tafeln werden am letzten Wohnort oder der letzten Wirkungsstätte des jeweiligen Opfers in den Boden eingebracht. In Coburg wurden erstmals 2009 "Stolpersteine" verlegt; heute gibt es mehr als hundert. Eine Auflistung findet sich auf www.coburg.de. Infos zum Projekt selbst gibt es auf www.stolpersteine.eu.

Reinigung Die Coburger Jusos rufen an diesem Samstag, 14. November, zum Reinigen der Stolpersteine auf. Im Aufruf heißt es: "Der Mensch ist erst dann wirklich tot, wenn sein Name vergessen ist - sorgen wir also dafür, dass die Erinnerung an diejenige, deren Stolpersteine wir wieder lesbar machen, nicht vergeht!" Aufgrund der Corona-Pandemie ist diesmal eine sehr genaue Planung erforderlich. Wer - ab 14 Uhr - mitmachen möchte, meldet sich vorab bei den Jusos, am Besten über deren Facebookseite. os