Es geht um nicht weniger als die Zukunft des Kapitalismus in seiner heutigen Ausprägung, der nach Einschätzung von renommierten Soziologen und Ökonomen am Ende ist. Philip Kovce, Publizist, Forscher und Mitglied im Think Tank 30 des Club of Rome, ist davon überzeugt, dass die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens die heute vorherrschende Gesellschaftsordnung grundlegend verändern würde.

"Der auf Fremdbestimmung basierende Kapitalismus müsste sich neu orientieren. Die Machtverteilung würde sich verändern, niemand wäre mehr ohnmächtig, weil sein Einkommen vom Arbeitsplatz abhängt", antwortet er auf eine entsprechende Frage von Grünen-Stadtrat Wolfgang Weiß. Die Grundlage für eine lebhafte Diskussion, zu der das evangelische Bildungswerk und die Initiative Kulturimpuls Grundeinkommen Coburg eingeladen hatten, war die Vorstellung des Buches "Was fehlt, wenn alles da ist?". Die Autoren
sind der Deutsche Philip Kovce und der Schweizer Daniel Häni.


Daniel Häni ist beschäftigt

Eigentlich wollten sie beide die Lesung in Coburg bestreiten. Gekommen war nur Kovce.
Daniel Häni arbeitet momentan in Genf an einem Projekt mit, das "die größte Frage der Welt als Guinness-Weltrekord auf das größte Plakat der Welt" bringen möchte. Damit soll auf die am 5. Juni in der Schweiz anstehenden Abstimmung über die mögliche Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens aufmerksam gemacht werden. Die Schweiz ist das erste Land der Welt, in dem es eine solche Volksabstimmung geben wird.

Philip Kovce beschäftigt sich seit 2006 intensiv mit dieser Problematik. Der Auslöser dafür war eine Veranstaltung in Coburg, wie er erzählt. "Ich wurde gebeten, einen älteren Herrn zu einem Vortrag bei den Coburger Rotariern zu fahren." Dieser ältere Herr war Benediktus Hardorp, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer, der sich als ein Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens herausstellte. Fortan beschäftigte auch Philip Kovce sich mit dem Thema.


Die vier Aspekte des Grundeinkommens

Vier Aspekte machen das Grundeinkommen aus: Es wird in existenzsichernder Höhe gewährt. Daraus folgt, dass es keinen Arbeitszwang mehr gibt. Das bedingungslose Grundeinkommen stellt einen Rechtsanspruch dar. Das trifft auch heute schon auf soziale Hilfe zu, die Bedarfsgemeinschaften gewährt wird - allerdings an Bedingungen geknüpft. Schließlich macht das bedingungslose Grundeinkommen eine "Schnüffelbürokratie" unnötig, wie Philip Kovce erläutert. Weil Kritiker immer wieder das Argument vorbringen, die Menschen würden angesichts monatlicher Zahlungen nur noch faul herumhängen und nichts mehr arbeiten, stellt der Autor die suggestive Frage an das Publikum: "Würden Sie das tun?" - um gleich selbst darauf zu antworten: "Das trauen wir immer nur den anderen zu." Tatsächlich brauche jeder Mensch ein Existenzminimum. "Warum sollte man das aber an Bedingungen knüpfen?" Wer mehr als dieses Minimum haben wolle, der werde dafür auch arbeiten.
Zum Thema Kinder, das bei der Diskussion aufkam, sagte der Autor, dass auch sie selbstverständlich Anspruch auf ein Grundeinkommen hätten. "Damit wäre eine Familiengründung nicht mehr - wie heute - an ökonomische Voraussetzungen geknüpft."


"Das Geld ist da"

Auf die Frage nach der Finanzierung des Grundeinkommens antwortete Philip Kovce: "Das Geld ist heute schon da. Die Geldströme müssen nur anders organisiert werden. Es ist eine Frage unseres Wollens." Dass es auch in Zukunft Dinge geben wird, die niemand oder nur wenige tun wollen, stellt der Autor nicht in Frage. Vieles könne durch Technik ersetzt werden. Wo das nicht möglich ist, müssten sogenannte Drecksarbeiten besser bezahlt werden als andere.


Sozial plus liberal

Wie aber steht es um den Fachkräftemangel? "Das bedingungslose Grundeinkommen ist nicht für alles ein Problemlöser. Menschen müssen für Tätigkeiten, die das Überleben sichern, begeistert werden." Dass Gewerkschafter mitunter kritisieren, durch das bedingungslose Grundeinkommen werde der Sozialstaat ausgehöhlt, weiß Philip Kovce. Tatsächlich sei es aber so, dass das Grundeinkommen ein Zusammenführen von Sozialem und Liberalem möglich mache.

Und wann wird das bedingungslose Grundeinkommen in Deutschland eingeführt? "Es wird dann kommen, wenn es längst selbstverständlich ist, dass es gebraucht wird, und wenn wir es wirklich wollen." Denn: "Wäre das bedingungslose Grundeinkommen eine Utopie, würde es nicht bekämpft. Utopie ist hingegen kein Grundeinkommen."