Der Alptraum eines Dirigenten beginnt mit einem Anruf wenige Tage vor dem geplanten Konzert. Am anderen Ende der Leitung: ein erkrankter Tenor, der seinen Auftritt absagt. Verdis "Messa da Requiem" ohne richtiges Orchester aufzuführen, ist schon schwierig genug. Ohne Tenor-Solist würde es zum Ding der Unmöglichkeit für den "Konzertchor Coburg Sängerkranz" und den Dekanatschor Kronach mit ihrem gemeinsamen Dirigenten Marius Popp.

Viele Telefonate später und nach einer weiteren Absage hat Popp dann tatsächlich einen Tenor gefunden, der Zeit und die fragliche Partie im Repertoire hat.Die Aufführung des Verdi-Requiems in der Coburger Heilig-Kreuz-Kirche und tags zuvor in Seibelsdorf im Landkreis Kronach ist gerettet.

Ungewohntes Klanggewand

Aber nicht nur dieser kurzfristigen Umbesetzung wegen steht das Konzert unter ganz besonderen Vorzeichen.
Denn so hat Coburg diese Totenmesse noch nie gehört. Wer Verdis sakrales Meisterwerk im vertrauten orchestralen Gewand kennt, dürfte beim Blick auf das an diesem Abend aufgebotene höchst ungewöhnliche Instrumentalquintett ein wenig skeptisch werden. Fünf Musiker an Kontrabass, E-Piano, Horn, Pauke sowie Marimbaphon und großer Trommel sollen klanglich herbei zaubern, wofür ansonsten mindestens 50, 60 Instrumentalisten benötigt werden?

Genau für diese Besetzung aber hat der Berliner Chorleiter und Hochschuldozent Michael Betzner-Brandt seine Adaption geschrieben. Fünf Musiker, die ein komplettes Sinfonieorchester ersetzen sollen - das spart natürlich Geld und hat in diesem konkreten Fall auch noch den Vorteil, dass dieses Quintett mühelos hinein passt in den doch recht begrenzten Raum zwischen Hauptschiff und Chorraum der Heilig-Kreuz-Kirche.


Carlo Benatti am E-Klavier, Paul Cervenec am Kontrabass, Martin Osterhammer am Horn, Günther Peppel am Marimbaphon und an der großen Trommel sowie Norbert Röder an den Pauken holen aus dieser Bearbeitung heraus, was überhaupt heraus zu holen ist.

Ausdrucksvolle Tonsprache

Warum Betzner-Brandt ausgerechnet ein Marimbaphon und nicht beispielsweise ein Harmonium als klangliches Fundament gewählt hat, ist dennoch kaum zu verstehen. Immer wieder tritt die charakteristische Klangfarbe des virtuos gespielten Marimbaphons in den Vordergrund.

Dass die Aufführung dennoch die Zuhörer beeindruckt, liegt an der außergewöhnlichen Ausdruckskraft von Verdis Tonsprache und am Geschick des Dirigenten, den Spannungsbogen der Partitur auch in dieser bisweilen abenteuerlichen Bearbeitung hörbar werden zu lassen.

Die Instrumentalisten wie die Choristen und Vokalsolisten folgen Marius Popps immer wieder beschwörender Gestik mit großem Engagement. Stets sind Konzertchor Coburg und Dekanatschor Kronach bemüht, seinen differenzierten Gestaltungswillen möglichst präzis in Klang zu verwandeln.

Stehende Ovationen

Sorgfältig achtet Kronachs Dekanatskantor darauf, den Ausdruck feinfühlig zu differenzieren. Die Sopranistin Consuelo Gilardoni, die Mezzosopranistin Nadiya Petrenko, der kurzfristig eingesprungene Tenor Kyunam Choung und der Bassist Frano Lufi bilden ein stilistisch gewiss nicht immer homogen agierendes Quartett, das die Zuhörer freilich durch seinen intensiven Gestaltungsernst in Bann zieht. Besonders die lyrisch leisen Stellen geraten sehr eindringlich - etwa das "Recordare Jesu pie" des Soprans und des Mezzosoprans, das "Ingemisco tamquam reus" des Tenors oder das "Voca me cum benedictus" des Basses.

Am Ende gibt es stehende Ovationen der Zuhörer für eine in vielerlei Hinsicht ungewöhnliche Aufführung von Giuseppe Verdis Requiem.