Warum gehen Menschen im 21. Jahrhundert überhaupt noch in die Oper? Weil sie sich locken lassen vom Marketing-Effekt großer Sängernamen? Weil sie dementsprechend auf möglichst viele und möglichst brillant gesungene Spitzentöne warten? Vielleicht aber gehen sie doch auch deshalb noch in die Oper, weil an besonderen Abenden etwas zu erleben ist, was Fernsehen oder Kino so nicht zu bieten haben: große Gefühle, nicht aus der Konserve, sondern live auf der Bühne.


Brudermord auf offener Bühne


Zu einem solchen besonderen Abend wird die Premiere von Claude Debussys Meisterwerk "Pelléas et Mélisande" am Coburger Landestheater. Eine Dreiecksgeschichte mit tragischem Ende, Brudermord inklusive - so ließe sich der Plot dieser Oper reißerisch beschreiben. Wer genauer hinsieht, genauer hinhört, entdeckt jedoch ein psychologisch fein verästeltes Kammerspiel. Genau so bringt Gastregisseur Jakob Peters-Messer das Werk auf die Bühne des Landestheaters.


Drama im Geisterhaus


Dazu haben Markus Meyer (Bühne) und Sven Bindseil (Kostüme) die perfekt passende Ausstattung geschaffen. Das Drama um Pelléas und Mélisande spielt in einem Geisterhaus, das auf der geschickt eingesetzten Drehbühne immer wieder neue, immer wieder neu verwirrende Konstellationen sichtbar werden lässt - Treppen, die ins Nichts führen, Räume, in denen die Grenzen zwischen Innen und Außen (alp-)traumhaft verschwimmen. Die Kostüme unterstützen die Interpretation mit prägnanter Symbolik.


Im Labyrinth ungeklärter Fragen


In diesem Szenario erzählt Jakob Peters-Messers die Geschichte der verbotenen Liebe zwischen Pelléas und Mélisande als ein präzis austariertes Spiel der Andeutungen und Mutmaßungen, ein Liebesdrama im Labyrinth ungeklärt bleibender Fragen.


Erste Literaturoper der Musikgeschichte


Debussys "Pelléas" gilt als erste Literaturoper der Musikgeschichte. Und genau so fasst Peters-Messer das Werk auch auf - indem er die faszinierend dichte Verzahnung von Text und Musik sichtbar werden lässt. Das freilich kann nur gelingen, weil das Solistenensemble bis hin die kleinsten Rollen hinein bestens besetzt ist. Sängerdarsteller - dieser Begriff wird bisweilen allzu unbedacht benutzt. Hier aber trifft er wirklich zu.


Faszinierende Sängerdarsteller


Michael Lion mit nuancenreichem Bass als greiser König Arkel und Gabriela Künzler als Mutter der Brüder Pelléas und Golaud flankieren das Solistentrio, das im Zentrum steht. Der junge schwedische Tenor Joel Annmo zieht mit warm timbrierter Stimme ebenso in Bann wie mit fein differenziertem Spiel.


Intensive Darstellung



Als Mélisande beeindruckt Verena Usemann mit nuancenreicher vokaler Diktion ebenso wie mit ihrer intensiven Darstellung einer verletzlichen jungen Frau, deren Anziehungskraft sie immer wieder zum Objekt des Begehrens werden lässt.


Große Ausdruckskraft


Rainer Scheerer schließlich verkörpert Golaud, den Halbbruder von Pelléas, mit packender Intensität. Gesang und Spiel durchdringen sich bei ihm mit großer Ausdruckskraft. Wie er immer mehr zum Opfer seiner Eifersucht wird und schließlich Pelléas mit dem Schwert ermordet, lässt Scheerer mit großem Nachdruck deutlich werden. Thomas Unger als Arzt und Luise Hecht Golauds kleiner Sohne Yniold komplettieren das Ensemble mit präzisen Rollenstudien.


Überregionales Interesse


Die Qualität einer Opernaufführung hat bisweilen nur sehr wenig zu tun mit der Größe einer Bühne. Das beweist das Landestheater Coburg immer wieder, seit Intendant Bodo Busse und Generalmusikdirektor Roland Kluttig künstlerisch die Richtung vorgeben. Von Glucks "Iphigenie auf Tauris" zum Amtsantritt Busses über Janáceks "Katja Kabanowa", Puccinis "Madama Butterfly" und Wagners "Lohengrin" spannt sich der Bogen der bemerkenswerten Opernaufführungen, die zunehmend auch überregionales Interesse finden.


Raffinierter Farbenreichtum


Debussys "Pelléas et Mélisande" bereichert diese Palette um einen außergewöhnlichen Akzent. Mit scheinbar müheloser Souveränität führt Coburgs Generalmusikdirektor Roland Kluttig das Philharmonische Orchester und die Solisten auf der Bühne. Kluttig beweist mit seiner Deutung, dass sich der raffinierte Farbenreichtum von Debussys Partitur auch mit einer schlanken Orchesterbesetzung fein differenziert ausloten lässt. Faszinierend, wie feinsinnig und präzis das Philharmonische Orchester musiziert. Homogen und dennoch stets klar konturiert klingt das Streichorchester, präzis gesetzt die Akzente der Holzbläser, fein ausgewogen die Farben der Blechbläser.


Ausdauernder Beifall


Nur zögernd löst sich das Premierenpublikum am Ende aus dem Bann dieser Aufführung, dankt dann aber umso ausdauernder für einen bemerkenswerten Opernabend.




Debussy Opern-Drama und seine Interpreten



Theater-Tipp Claude Debussy "Pelléas et Mélisande", 23., 25. April, 7., 15., 22., 30. Mai, 6., 14. Juni, 1. Juli, 19.30 Uhr, Landestheater Coburg

Produktionsteam Musikalische Leitung: Roland Kluttig;
Inszenierung Jakob Peters-Messer; Bühne: Markus Meyer; Kostüme Sven Bindseil; Chor einstudierung Lorenzo Da Rio; Dramaturgie Renate Liedtke

Besetzung Arkel, König von Allemonde: Michael Lion
Pelléas, Enkel Arkels: Joel Annmo
Mélisande: Verena Usemann
Golaud, Enkel Arkels: Rainer Scheerer
Geneviève: Gabriela Künzler
Yniold, Golauds Sohn aus erster Ehe: Luise Hecht
Ein Arzt: Thomas Unger
Chor des Landestheaters (Einspielung)
Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg

Darum geht es Golaud findet die um ihre Krone trauernde Mélisande. Er wirbt um sie und holt sie an den Hof König Arkels. Dort lernt Pelléas, Golauds Bruder, Mélisande vor der Hochzeit mit Golaud kennen und das Drama nimmt seinen verstörenden Lauf