Der wöchentliche Nachtwächterauftritt in der Thermalbadstadt glich diesmal fast einem Pilgerzug. Karl-Heinz Engelhardt und sein Sohn Christian-Andreas führten die gut 100 Schaulustigen stressfrei durch die stimmungsvoll erleuchtete Altstadt mit diversen Zwischenstopps an markanten Punkten. Da ein Mindestabstand kaum einzuhalten war, bestand Maskenpflicht, das verkürzte Programm wurde ohne Gesang und ohne die anschließende Einkehr durchgeführt. Aber, so Engelhardt senior, man wolle sich den Spaß dennoch nicht nehmen lassen.

Er gab zunächst einen Überblick über die ursprünglichen Aufgaben der Nachtwächter, die der Wachordnung aus dem Jahre 1829 entstammten. So wurden damals vier Wächter herumgeschickt, von denen jede Nacht zwei herumgegangen sind und an den angewiesenen Orten die Stunden abrufen mussten. Außer diesen Lautewächtern patrouillierten in jeder Nacht im Sommer acht und im Winter 16 Männer aus der Bürgerschaft als sogenannte "Stille Wächter". Sie mussten auf Feuer, nächtliche Unfuge und verdächtige Personen achtgeben. Zu ihren Obliegenheiten gehörte, Stadttore und Gasthäuser zu kontrollieren und das Anzünden der Straßenlaternen sowie das Löschen des Lichtes am nächsten Morgen.

Weckdienst waren sie auch

Vom 16. Jahrhundert bis 1896 wurde das Nachtwächteramt in Rodach hauptamtlich wahrgenommen. Die Hauptaufgabe der Nachtwächter war, für Ruhe und Ordnung zu sorgen, Diebe zu stellen, ausbrechendes Feuer rechtzeitig zu melden sowie die vollen Stunden anzublasen und einen Stundenvers zu singen. Von 22 Uhr bis 4 Uhr patrouillierten sie im fränkischen Städtchen. Auch die Weckfunktion wurde ihnen nach einem bestimmten Zeitplan übertragen: Um 1 Uhr galt dieses den Wäscherinnen, um 2 Uhr den Bäckern und um 4 Uhr den Fuhrleuten. Des Weiteren gehörten Kühehüten und Grabschaufeln zu den Wächteraufgaben.

Der knapp einstündige Rundgang führte dann vom Haus des Gastes zum Draesekehaus und entlang der Stadtmauer zur Johanniskirche. Vater und Sohn Engelhardt wechselten sich dabei im Vortrag der gereimten Verse ab, wobei auch geschichtliche Aspekte zur Sprache kamen. So erfuhren die Besucher, was die Zerstörung der Kirche mit Wallenstein zu tun hatte oder die Witwe von Superintendent Christian Hohnbaum mit der Nachtwächterzunft.

Die letzten Stationen waren dann der Pulverturm und die Nachtwächtergasse, durch die es dann in die Innenstadt zurückging. Anhaltenden Applaus hatten noch zwei Reimzugaben zur Folge, wobei Engelhardt sen. speziell für Frauen Rezepte parat hatte, "ihre Männer richtig zu behandeln".

"Ich mache weiter"

Ungebrochen ist die Motivation von Karl-Heinz Engelhardt, weiterhin als Nachtwächter in Bad Rodach die Runden zu ziehen. Sein nächstes großes Ziel ist das Jahr 2022. Dann feiert die Zunft das Jubiläum des 40-jährigen Bestehens, und da will er in jedem Fall dabei sein. Am liebsten mit seinem Sohn, wie er sagt, aber das hängt von dessen Einsätzen bei der Heldritter Sommeroperette ab. Hauptberuflich ist der 40-jährige Christian-Andreas Engelhardt Opernsänger. 2004 gewann er den ersten Platz des Förderpreises der Stadt Coburg und gehört seit der Spielzeit 2007/08 dem Ensemble des Theaters Bremen an. Hier war er unter anderem zu erleben als Jaquino in "Fidelio", als Max in Webers "Der Freischütz" sowie als Steuermann und Erik im "Fliegenden Holländer". Mehr als 60 Produktionen sind es bis heute, in denen der Heldentenor, der gerne auch mal als Bariton eingesetzt wird, mitgewirkt hat.