Pünktlich zum Muttertag endete am Wochenende das infolge von Covid 19 verhängte strikte Besuchsverbot in Pflegeheimen. Da das Menschliche im Vordergrund stehen müsse und ihm der familiäre Bereich besonders wichtig sei, sollten Angehörige die Chance bekommen, die Bewohner wieder sehen zu können, hatte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder in der Vorwoche angekündigt.

Vorab informiert

Das Altenheim der Flender'schen Spitalstiftung mitten in der Seßlacher Altstadt hatte sich auf die vorsichtige Öffnung unter strengen Auflagen gut vorbereitet. Ein Faltblatt informierte die Kontaktpersonen der Bewohner vorab über die Vorgehensweise. "Falls vorhanden, haben wir alle per E-Mail informiert und das Informationsblatt unterschreiben lassen", so die Leiterin Diane Alka. Die Einrichtung darf nur vom Hinterausgang her mit Mundschutz betreten werden. Hier sollen sich alle Besucher zunächst die Hände desinfizieren und auf einen Mitarbeiter warten. Zu allen Personen ist ein Mindestabstand von 1,5 Metern zu wahren.

Zeiten werden zugeteilt

Nur ein fester Gast pro Bewohner ist erlaubt, die Zeiten innerhalb des Besuchskorridors von 2,5 Stunden täglich wurden jedem im Voraus zugeteilt. Jeweils für 20 Minuten sollen die Bewohner ihren Angehörigen sehen können, auf Abstand und - wenn möglich - nur im Freien. Husten- und Nies-Etikette sind einzuhalten, Schleimhäute im Gesicht möglichst nicht zu berühren. Wer Anzeichen einer Erkältung oder eines fieberhaften Infekts verspürt oder gar Kontakt zu einer vom Corona-Virus betroffenen Person hatte, darf die Einrichtung überhaupt nicht betreten. Jede Kontaktperson muss sich zudem an- und abmelden sowie eventuelle Mitbringsel vorab abstimmen.

So weit das Konzept. Die Realität stellte sich dann leider anders dar, wie die 46-Jährige am Dienstag berichtete: "Viele Angehörige freuen sich zwar, dass sie wieder reinkönnen, aber es ist ihnen zu wenig." Mehr noch: Besucher hielten sich nicht an die vorgegebenen Zeiten oder Vorgaben. Alka zählte auf: Manche kamen zur Vordertür hinein, manche kamen zur falschen Zeit oder zeigten kein Verständnis für die zeitliche Begrenzung. Und wieder andere brachten Begleitpersonen bis hin zum Kleinkind mit.

Die Leiterin schüttelt den Kopf und bittet nochmals um Verständnis, dass die Lockerungen so nicht funktionieren können. Persönlich rief sie alle Betroffenen an, um ihnen die Situation nochmals zu erläutern. "Angehörige können leider nicht kommen, wann sie wollen, weil sie dann unsere Abläufe gefährden", so die gelernte Krankenschwester. Allein eine Pflegekraft zusätzlich sei nur mit der Koordinierung der Besuche betraut. Dabei zeigten andere Angehörige oder Bewohner durchaus Verständnis für die schwierige Situation, wie Alka nicht verschweigt: "Einige Angehörige verzichten auf einen Besuch, weil sie die Lockerung als zu früh ansehen und auch Bewohner sagen, dass die noch keine Kontakte von außerhalb wollen, um sich und andere nicht zu gefährden."

Bisher gelang es den Verantwortlichen das Alten- und Pflegeheim mit 47 Plätzen gut durch die Krise zu bringen. "Wir haben alles getan, um Infektionen mit dem Corona-Virus zu vermeiden", berichtete Alka. Aus Angst das Virus ins Heim zu tragen, verzichteten etwa alle Mitarbeiter auf soziale Kontakte, die Hygienemaßnahmen wurden sowieso verschärft. Die Maßnahmen griffen: "Alle Bewohner und alle Mitarbeiter sind gesund, alles hat bisher gut geklappt", so die Leiterin nicht ohne Stolz. Nun sieht sie das Erreichte durch die Lockerungen gefährdet. "Seit Samstag schlafe ich wieder schlechter", gestand Alka am Dienstag. Allerdings hätten sich etliche Kontaktpersonen beim Nachtelefonieren einsichtig gezeigt und Verständnis für die Verantwortung signalisiert, die auf der Heimleitung laste.

Besondere Kopfzerbrechen bereiten den Verantwortlichen Bewohner, die vorübergehend ins Krankenhaus müssen. Wie real die Gefahr ist, dass sie von dort mit einer Corona-Infektion zurückkehren, zeigt das Beispiel des Klinikums Sonneberg. "Weil wir sehr viele Doppelzimmer haben, können wir die Rückkehrer hier nicht in ihren Zimmern isolieren", schilderte Alka. Gerade desorientierte Bewohner verstünden nicht, dass sie in ihren Zimmern bleiben müssten. "Am Ende läuft mir ein Demenzkranker durch das ganze Haus", umreißt die Leiterin die Gefahr. Deshalb verbrächten Patienten die notwendige Quarantäne-Tage eher in Reha-Kliniken oder würden bereits im Krankenhaus in Einzelzimmern isoliert und dann als "gesund" in die Einrichtung zurück geschickt ("Umkehr-Quarantäne").

Während andernorts über mangelhafte Ausstattung in Sachen Schutzkleidung geklagt wird, kann die Verantwortliche hier viel Positives berichten: "Da sind wir sehr verwöhnt worden!" Ein besonderes Lob hat Alka für das Landratsamt Coburg parat: "Die Versorgung war top organisiert: Zentral und rechtzeitig wurden ausreichend Desinfektionsmittel, Mund-Nasen-Schutz sowie FFPE-Masken organisiert und den Heimen kostenlos zur Verfügung gestellt." Mittlerweile sei ihre Einrichtung "sehr gut aufgestellt" und benötige die Unterstützung durch die Behörde nicht mehr. Auch dank der sogenannten "Community Masken", die von Privatpersonen oder auch dem "Inner Wheel Club Obermain" genäht und dem Heim gespendet wurden. Die Firma Avinoor in Meeder steuerte ausreichend FFPE-Masken, der Coburger Lions Club Ear-Saver aus dem 3D-Drucker für jeden der 40 Mitarbeiter bei. Sie sollen verhindern, dass die Haut hinter den Ohren durch die Gummibänder der Masken in Mitleidenschaft gezogen wird.

Auf Covid 19 getestet wurden lediglich Mitarbeiter, die Erkältungssymptome zeigten. "Gottseidank waren alle Tests negativ", so Alka. Bewohner mussten sich keinen Tests unterziehen. Dass in Kürze Schnelltests für Besucher zur Verfügung stehen werden, bezweifelt die Leiterin: "Bisher gibt es die ja nicht einmal für Mitarbeiter oder Bewohner."