Viele Eltern sehen die Impfungen für ihre Kinder kritisch. Die Mehrzahl der Kinderärzte sieht mehr Schutz als Gefahren bei den Impfungen.
Noch bis zum Wochenende findet im Freistaat die bayerische Impfwoche statt. Damit soll die Impfquote erhöht und die Grundimmunisierung gegen Infektionskrankheiten ausgebaut werden. "Schutzimpfungen gehören zu den wirksamsten, sichersten und kosteneffizientesten Vorsorgemaßnahmen in der Medizin - in Hinblick auf den Einzelnen und auch auf die Bevölkerung insgesamt", heißt es dazu in einer Mitteilung der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB). Thematischer Schwerpunkt der diesjährigen Impfwoche ist die Masernimpfung. Hier bestünden nach wie vor deutliche Impflücken bei Kleinkindern, bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen.
Aufgrund von Risiken und durchaus möglichen Nebenwirkungen von Impfungen besonders bei Säuglingen und Kleinkindern lassen viele Eltern ihre Kinder nicht mehr oder später impfen. Impfgegner verweisen auf die stark angestiegene Zahl der empfohlenen Impfungen in den vergangenen Jahrzehnten bei Kleinkindern: 1976 seien es elf Impfungen in den ersten 16 Lebensmonaten gewesen; 2013 war die Zahl auf 40 in den ersten 13 Monaten geklettert.
Aluminiumverbindungen in den Impfstoffen, die die Wirkung verstärken sollen, und Konservierungsstoffe werden in Fachkreisen sehr konträr diskutiert. Aluminiumhaltige Impfstoffe werden nach Ansicht des Münchner Kinderarztes Dr. Steffen Rabe in Verbindung gebracht mit der sogenannten "Makrophagischen Myofasciitis" (MMF), einer entzündlichen Muskelschädigung. Ablagerung von Aluminiumsalzen in der betroffenen Muskulatur seien unter anderem im Diphtherie- und im Tetanus-, sowie im Hepatitis A- und B-Impfstoff enthalten. Rabe arbeitet, soweit es die Krankheitsbilder zulassen, "im Sinne der klassischen Einzelmittel-Homöpathie" und ist Mitbegründer des Vereins "Ärzte für individuelle Impfentscheidungen".
Quecksilber enthalten?
Kritisiert werden auch die Mehrfach-Impfstoffe, die sechs Infektionen bekämpfen und in denen angeblich nicht deklarierte Mengen an Quecksilber enthalten seien. Wenn diese in ihre Komponenten aufgeteilt werden "um dem Kind nicht zu viel auf einmal zuzumuten", erhöhe sich die Zahl der Piekse und die Menge an Aluminiumbeimengungen, entgegen die Befürworter.
Der Coburger Kinderarzt Dr. Klaus Schnell sieht in den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) des Robert-Koch-Instituts die Richtschnur für die Impfungen. "Diese sind der Stand und die Regeln der ärztlichen Kunst, danach richtet sich auch die Rechtsprechung." Weil durch Masern oder andere Infektionskrankheiten hierzulande keine akute unmittelbare Bedrohung mehr von den Menschen wahrgenommen werde, habe die Akzeptanz von Vorsorgeimpfungen nachgelassen, stellt der Mediziner fest.
Kollege Dr. Karl Fromme spricht sich gegen einen Impfautomatismus aus. "Eine durchgemachte Kinderkrankheit führt zu einer 100-prozentigen lebenslangen Immunität, während eine Impfung nur eine Immunität zu 95 Prozent auslöst, die möglicherweise nicht das ganze Leben lang anhält. Eine bedingungslose Impfung jedweder Kinderkrankheit bedarf daher einer ausführlichen, impfberatenden Diskussion, in die das Kind, die Eltern, die Großeltern und deren Krankheitsbiografie einzubinden sind." Beratung und Aufklärung der Eltern, so die Mediziner, seien stets das A und O. "Die Meinungen der Kinderärzte zu den Impfungen sind bei den Eltern bekannt. Danach wählen sie auch die Praxis aus", weiß Dr. Klaus Schnell. "Eltern, die ihre Kinder überhaupt nicht impfen lassen wollen, gibt es auch", so Dr. Karl Fromme. Da folgen intensive Gespräche und Informationen über mögliche spätere Infektionen und deren Folgen.
Priv. Doz. Dr. Dr. med. Peter Dahlem, Chefarzt der Kinderklinik am Klinikum Coburg, verweist auf die präventive Wirkung der Impfungen bei Kindern. "Wir wollen in unserer Gesellschaft schließlich die Infektionskrankheiten ausrotten." Kindern blieben durch Impfungen schwere Krankheiten und Komplikationen erspart. Zwar ließen sich Nebenwirkungen nie mit letzter Sicherheit ausschließen. Das Risiko, gesundheitliche Schäden aufgrund eines fehlenden Impfschutzes zu erleiden, sei allerdings weit höher.
Keine Impfpflicht
Dahlem kennt die Bedenken junger Eltern aus seinen Beratungsgesprächen und nimmt diese sehr ernst. "Jeder Patient kann nach einer ausführlichen Aufklärung auch Nein sagen, denn in Deutschland gibt es keine Impfpflicht."
Hessen und Sachsen bestehen bei Kindern auf Impfungen, damit sie Kindertagesstätten besuchen dürfen, in Bayern gibt es diese Verpflichtung nicht.
Keine umfassenden Impfdaten
Datenermittlung In Deutschland existiert kein einheitliches umfassendes System zur Erhebung von Impfdaten. Zur Ermittlung des Impf- und Immunstatus der Bevölkerung müssen daher Teilstichproben oder Querschnittsuntersuchungen herangezogen werden, die eine Einschätzung der Impfsituation ermöglichen.
Daten zu Impfungen werden in Deutschland überwiegend dezentral und regional erhoben. Regelmäßig erhobene Daten zum Impfstatus der Bevölkerung in allen Bundesländern liegen nur aus den Schuleingangsuntersuchungen und ab dem Geburtsjahrgang 2004 auch aus dem vom Robert-Koch-Institut koordinierten Projekt "KV-Impfsurveillance" vor, das in Kooperation mit den 17 Kassenärztlichen Vereinigungen durchgeführt wird.
Masernfälle Um die Masern weltweit auszurotten, empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation WHO eine Quote von über 95 Prozent für die zweifache Masernimpfung in allen Altersgruppen.
In Deutschland konnten die Masern bislang nicht eliminiert werden, wie das Deutsche Ärzteblatt Anfang April meldete. So kommt es nach Jahren mit geringeren Fallzahlen immer wieder zu einem Anstieg der Masernfälle. 2014 war geprägt von Ausbrüchen in verschiedenen Bundesländern. Im Oktober 2014 begann in Berlin einer der größten Ausbrüche seit Beginn der Meldepflicht 2001. Er klang ab Mai 2015 langsam ab. Ab September 2015 wurden nur noch wenige Masernfälle aus den Bundesländern übermittelt (insgesamt 35 Fälle; Stand: 15. Januar 2016).
Immunitätslage Nach Einschätzung der Nationalen Kommission zur Verifizierung der Elimination von Masern und Röteln (NAVKO-MR) ist die Immunitätslage der Bevölkerung gegenüber Masern und Röteln in Deutschland nicht ausreichend.
Quellen: Deutsches Ärzteblatt, Robert-Koch-Institut, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung