Konzentriert steht er an der Siebenmeterlinie, den Ball in der rechten Hand. Eine Täuschung - und kurz darauf zappelt der Ball im Netz. Im direkten Duell mit dem Torwart ist Milos Grozdanic eine Bank. Das hat der 25-jährige Serbe in seinen vier Einsätzen für den Bundesligisten HSC Coburg schon unter Beweis gestellt. Der Aufsteiger baut auch für das Gastspiel am Samstagabend (20.30 Uhr) bei TuSEM Essen auf die Qualitäten Grozdanc'. Die Ruhe und Abgeklärtheit des Neuzugangs kommen nicht von ungefähr, denn dass Grozdanic Handballer werden würde, war vorgezeichnet.

In seinem Geburtsort Vrbas ist der Sport mit der Harzkugel populär. Genau wie in der Familie Grozdanic. "Mein Vater, mein Bruder und meine Schwester haben alle Handball gespielt. Ich habe dann mit sechs Jahren angefangen", erzählt der 25-Jährige. Beim HC Vrbas schaffte der Linksaußen in jungen Jahren den Sprung in die erste Mannschaft. Grozdanic weckte das Interesse des RK Vojvodina. Der Klub aus Novi Sad, der zweitgrößten Stadt Serbiens, ist so etwas wie der FC Bayern München in der Fußball-Bundesliga und dominiert die serbische Handball-Liga seit Jahren nach Belieben.

2019 wurde Grozdanic nicht nur Meister, sondern auch Torschützenkönig. Rund anderthalb Jahre später erfüllte er sich einen Traum. "Es war immer mein Ziel, in der Bundesliga zu spielen. Es ist die stärkste Liga der Welt." Der Aufsteiger HSC Coburg justierte auf der linken Außenbahn nach, weil Max Preller verletzt fehlt und die Verantwortlichen Handlungsbedarf auf dieser Position erkannt haben. Nationalspieler Grozdanic soll die Trefferquote von Linksaußen erhöhen. In vier Spielen im Trikot seines neuen Vereins markierte Grozdanic 17 Treffer. Neun davon fielen vom Siebenmeterstrich, bei zwölf Versuchen. Ist der Neuzugang zufrieden? Nicht ganz.

"Meine Quote könnte besser sein", zeigt sich der Serbe selbstkritisch. 65 Prozent seiner Würfe fanden den Weg ins Tor. Bei seinem Debüt gegen die Füchse Berlin (25:32) versenkte der Linksaußen alle vier Siebenmeter, scheiterte ein Mal aus dem Feld. Wenig ging hingegen beim Bergischen HC (24:28): Grozdanic traf nur drei seiner sieben Versuche. Beim ersten Coburger Saisonsieg bei der MT Melsungen (32:27) war er wieder stärker und bei sechs von neun Würfen erfolgreich. "Ich bin froh, dass wir gegen einen starken Gegner unseren ersten Sieg geholt haben, und hoffe, dass wir weiter im Rhythmus bleiben." Bei der 21:29-Niederlage gegen Göppingen war der 25-Jährige mit vier Toren gemeinsam mit Florian Billek erfolgreichster Coburger.

Sportlich angekommen

Sportlich ist Grozdanic in Oberfranken angekommen. Bis Sommer 2022 hat er in der Vestestadt unterschrieben, den HSC sieht er auch als große Chance. "Ich möchte mich weiterentwickeln und in der Bundesliga etablieren." Mit seinen Leistungen will er dazu beitragen, dass der HSC die Klasse hält. Dass am Zusammenspiel mit den Mannschaftskollegen noch gefeilt werden muss, ist nach nur wenigen Wochen und kurzer Eingewöhnungszeit nicht überraschend. "Ich bin zufrieden, wie mich die Mannschaft aufgenommen hat, und fühle mich wohl", zieht Grozdanic ein positives Fazit nach seinen ersten Wochen.

Zumal er mit Drasko Nenadic einen Ansprechpartner im Team hat, den er schon lange kennt. Mit dem

Halblinken läuft er gemeinsam in der serbischen Nationalmannschaft auf. "Ich versuche, so gut es geht, ihm bei der Integration zu helfen", sagt Nenadic. Schließlich ist es für Grozdanic die erste Station im Ausland. Viele Möglichkeiten, sein neues Umfeld kennenzulernen hat der 25-Jährige in Zeiten von Corona-Pandemie und Lockdown aber nicht. "Drasko und ich waren ab und an spazieren. Aber viel mehr kann man ja nicht machen. Man bewegt sich im Prinzip zwischen Halle und Wohnung."

Die hat Grozdanic inzwischen bezogen, am vergangenen Wochenende letzte Arbeiten erledigt. "Nur das Internet fehlt noch", sagt er schmunzelnd. Gerade in der aktuellen Phase ist das Netz wichtiger denn je geworden. Für sein Sportstudium gilt das aber nicht. "Das läuft klassisch über Präsenzpflicht. Weil ich in Serbien eingeschrieben bin, pausiert das Studium aber seit meinem Wechsel nach Deutschland."

Nicht bei der WM dabei

Eine Auszeit auf internationaler Bühne hat auch die serbische Nationalmannschaft eingelegt. Sportlich waren die Serben nach einer schwachen Europameisterschaft 2020 nicht qualifiziert, ein Wild-Card-Antrag erfolglos. Während im Januar in Ägypten die Weltmeisterschaft steigt, können Grozdanic und Nenadic sich voll und ganz mit dem HSC auf die weiteren Spiele in der Bundesliga vorbereiten. "Natürlich ist es auf der einen Seite schade, dass wir nicht bei der WM dabei sind. Auf der anderen Seite ist es derzeit vielleicht besser, bei einem solchen Turnier nicht dabei zu sein", sagte Nenadic mit Blick auf die aktuelle Corona-Situation. Grozdanic nickt zustimmend.