Fabian Apfel schaut mit Wehmut auf die Platte. Während seine Kumpels vom HSC Coburg trainieren, muss er die Füße stillhalten. Der Torsteher macht eine extrem schwere Zeit durch. Erst starb völlig unerwartet seine Mutter Uschi Anfang Januar - und jetzt droht auch noch sein Traum von der Profi-Karriere zu platzen. "Meine Handball-Zukunft ist total ungewiss und völlig offen", sagt der 22-Jährige und wirkt dabei nachdenklich.

Er wurde 1999 vermutlich mit einem Herzfehler geboren. Unter Belastung kann der zu einem großen Risikofaktor werden. Ist seine Profi-Karriere beendet, bevor sie überhaupt richtig begonnen hat? Es gibt Anlass zur Sorge: Schon vor Jahren wurden kardiologische Auffälligkeiten diagnostiziert. Bei regelmäßigen Kontrollen stellten sie bisher kein Hindernis für das Leben als Profisportler dar. Sollte Fabian Apfel aber tatsächlich an der gleichen Herzkrankheit leiden wie seine vor kurzem verstorbene Mutter, dann ist es für ihn höchste Zeit, mit dem Hochleistungssport aufzuhören. Denn: Eine angeborene und vererbte Bindegewebsschwäche kann zu ernsten Komplikationen führen - das ist eine äußerst ernste Herzensangelegenheit.

Und Apfel hat schon reagiert: Derzeit verfolgt er die Bundesliga-Spiele seines HSC nicht mit der Nummer 28 auf dem gelben Sweater, sondern nur als Zuschauer auf der Tribüne oder im Fernsehsessel. Der junge Mann traf diese schwere Entscheidung nach Gesprächen mit Herz-Spezialisten und den HSC-Mannschaftsärzten.

Risiko ist zu hoch

Den Ärzten ist nach den festgestellten kardiologischen Auffälligkeiten das gesundheitliche Risiko zu groß. Dennoch besteht Hoffnung: Weitere Untersuchungen stehen an, um ein erhöhtes Risiko auszuschließen. HSC-Geschäftsführer Jan Gorr hat Kontakt zu einem Spezialisten in Hessen aufgenommen. Geplant ist auch, dass Apfel baldmöglichst einen Genetik-Test macht, idealerweise bei Spezialisten der Uniklinik Münster.

Zukunft völlig offen

"Momentan mache ich nur leichtes Ausdauer- und Krafttraining, um fit zu bleiben", erklärt der gelernte Industriekaufmann, der 25 Stunden in der Woche bei der Firma Waldrich im Service und Vertrieb arbeitet. Wie hoch seine Chancen auf die Rückkehr ins Tor sind, weiß er selbst nicht. Aber er bleibt zuversichtlich: "Ich hatte jetzt 15 Jahre keine Probleme. Also warum sollte das nicht klappen?" Er hofft, dass ihm die Ärzte eines Tages wieder "Grünes Licht" geben.

"Plötzlich war Mutti tot"

Mitgenommen hat den 22-Jährigen natürlich der Tod seiner Mutter. "Plötzlich war Mutti tot. Ich musste mich mit Sachen beschäftigen, an die ich bisher noch nie gedacht habe", sagt Fabian und schluckt dabei. Seiner Tränen müsste er sich in diesem Moment nicht schämen. Zwei Wochen pausierte er damals mit dem Handball, um den Schock zu verarbeiten. Danach fingen ihn seine Mannschaftskameraden soweit wie möglich auf. Doch die Trauer beim ältesten von drei Geschwistern - Jonas ist 13, Nele 12 - ist unvermindert groß. "Mutti war immer für uns da." Ihr Tod und die anschließenden Befunde nach der Obduktion waren für die drei jungen Apfels ein großer Schock. Nun standen mehrere Kontrolluntersuchungen an. Bei einem Medizincheck wurde auch Fabians Herz genau unter die Lupe genommen. Die bekannte Diagnose, die neu gewonnen Erkenntnissen der Obduktion - Fabians Ärzte bewerteten die Situation neu und äußerten Bedenken. Der HSC-Mannschaftskardiologe verbot Fabian sofort Kontaktsport. Nach Meinung der Mediziner sei es vorerst besser, den Leistungssport zu stoppen und die Karriere zu unterbrechen. Sein letztes Spiel bestritt der Halbprofi am 6. Februar beim Sieg des HSC Coburg in Stuttgart.

Schließlich besteht eine erhöhte Gefahr, dass Fabians Herz bei unkalkulierbaren Kontakten, wie beispielsweise beim Mannschaftssport, aufhört zu schlagen. Gerade wenn er mit der Intensität, wie es in der Bundesliga nun einmal erforderlich ist, weiterspielt. "Bei einer Zwangspause reduziert sich das Risiko", erklärt der 22-Jährige nüchtern. Auch in diesem Augenblick hat er seine Emotionen im Griff.

Er weiß genau, dass er die Gefahr, dass er Defizite von seiner Mutter geerbt hat, nicht unterschätzen darf. Aber es gibt für ihn in diesen schweren Tagen auch positive Nachrichten. Sein Bruder und seine Schwester sind nach aktuellen Erkenntnissen davon verschont geblieben. "Bei Jonas und Nele ist Stand heute alles in Ordnung. Gott sei Dank", freut sich der große Bruder.

Torwart-Gene vom Papa geerbrt

Apropos vererbt! Gene hat er zweifelsohne von Papa Stefan. Der Vorstandssprecher des HSC Coburg stand viele Jahre im Kasten der "Gelb-Schwarzen" und prägte den Aufschwung vor allem als reaktionsschneller Torsteher in den 2000er Jahren entscheidend mit. Damals noch am Anger. Fabian war als "Dreikäsehoch" von Anfang an mittendrin, statt nur dabei. Er fieberte mit und entwickelte sich selbst zu einem hervorragenden Torhüter. Er arbeitete gewissenhaft, nahm in der Jugend-Abteilung Stufe für Stufe, avancierte zum Bayernauswahlspieler.

Das großes Ziel ist die 1. Bundesliga

Immer das große Ziel vor Augen: 1. Bundesliga. Im Profikader angekommen, startete er hinter Konstantin Poltrum und Jan Kulhanek vor zwei Jahren als Nummer 3 in die Zweitliga-Saison. Er sammelte Erfahrungen in der 1. und 2. Liga, zählte in der Reserve zu Drittliga- und Bayernliga-Zeiten stets zu den Stützen des Perspektivteams. Die Zeit sprach für das talentierte Energiebündel. Spätestens in der nächsten Saison, wenn Poltrum zwischen den Pfosten Platz macht, war an der Seite von Oldie Kulhanek der Durchbruch geplant. Doch jetzt ist alles in der Schwebe.

Bestürzung beim HSC

Beim HSC Coburg sorgte die Nachricht vom Tod von Fabians Mutter für eine regelrechte Schockstarre. War Uschi Apfel im Verein doch seit vielen Jahren das "Mädchen für alles". "Sie ist nicht gleichwertig zu ersetzen. Wir müssen jetzt gemeinsam versuchen, die entstandenen Lücken zu schließen", erklärt Geschäftsführer Jan Gorr. Auf Uschi Apfel sei eben immer zu 100 Prozent Verlass gewesen - zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Nur vier Wochen später schlug dann auch noch die bittere Nachricht, dass Fabian Apfel eventuell nie mehr für das Bundesligateam auflaufen kann, wie ein Blitz aus heiterem Himmel bei den "Gelb-Schwarzen" ein. Gorr war bestürzt - und stärkte Fabian sofort den Rücken: "Wir möchten Fabi alle Zeit geben, die nötigen Untersuchungen hinter sich zu bringen. Das ist natürlich bitter, besonders angesichts der tollen Entwicklung, die er gemacht hat."

"Er wird besser als mein Bruder"

Insider wie Fabians Onkel Thomas Apfel, dessen Meinung als Hallensprecher in Handballkreisen durchaus geschätzt wird, prophezeiten Fabian eine rosige Zukunft im HSC-Kasten. "Er wird besser als mein Bruder", war sich der letztjährige OB-Kandidat sicher. Es sei eine menschliche Tragödie, "für Fabi ist das alles sehr schwer". Aber eines hat der ehemalige Schüler der Realschule CO II seinem erfolgreichen Vater bereits voraus: Einsätze in der stärksten Liga der Welt - die kann ihm keiner mehr nehmen. Ob weitere hinzukommen, steht in den Sternen.

Plötzlicher Herztod

Warnende Beispiele im Leistungssport gibt es reichlich. Häufig liegt bei Betroffenen eine hypertropher Kardiomyopathie (HCM) vor. Dabei handelt es sich um eine angeborene Erkrankung, die gerade bei Sportlern häufig der Grund für plötzliche Todesfälle sein kann. Die Patienten leiden dabei an einer Art Missbildung am Herzen.

2012 wurde der kollabierte Fußballer Fabrice Muamba während eines Premier-League-Spiels zwischen den Bolton Wanderers und Tottenham Hotspur wiederbelebt.

Auch beim damals 37-jährigen spanischen Torhüter Manuel Almunia wurde HCM festgestellt. 2006 stand er für den FC Arsenal im Finale der Champions League, bevor er seine Handschuhe an den Nagel hängen musste.

Und noch ein bekannter Fußballer: Der französische Rekordnationalspieler Lilian Thuram leidet an einem Herzfehler und beendete deshalb vorzeitig seine Profikarriere. Aus gutem Grund, denn Thurams Bruder war ebenfalls erblich vorbelastet und starb bei einem Basketballspiel.

Oder Wasserball-Nationalspieler Steffen Dierolf. Auch er musste seine Karriere wegen eines Herzfehlers sofort beenden. oph