Richterin Jana Huber beschreibt das, was sich im Sommer letzten Jahres abgespielt hat, als den "Albtraum jeder Mutter": Die eigene Tochter mit "gutem Gefühl" in die Obhut des lieben Nachbarn zu geben, damit dieser auf sie aufpasst, mit ihr spielt - ohne zu ahnen, was er ihrem Kind antut: Dass er das Vorschulkind im Laufe des Nachmittags dazu auffordern wird, sich zu entkleiden und nackt vor der Kamera zu posieren, das Kind sogar zu sexuellen Handlungen drängt.

Weil ihm diese und weitere Taten zur Last gelegt wurden, musste sich Bernhard K. in den vergangenen Wochen vor der Großen Jugendkammer des Coburger Landgerichts verantworten. Am Montag wurde der 72-jährige Angeklagte schuldig gesprochen, Kinder in vier Fällen sexuell missbraucht und in zwei Fällen kinderpornografisches Material angefertigt und besessen zu haben. Er muss eine Haftstrafe von drei Jahren verbüßen.

Kinderpornografie: Belastendes Material auf Computer des Angeklagten

Die Staatsanwaltschaft legte Bernhard K. nicht nur den Missbrauch der Nachbarstochter zur Last. Vielmehr soll er vor über 15 Jahren seine eigene Enkeltochter in ähnlichen Posen abgelichtet haben. 47 weitere kinderpornografische Dateien sind auf K.s Computer gefunden worden. Auf der Kleidung der Nachbarstochter festgestellte DNA-Spuren lassen sich zu Bernhard K. zurückverfolgen. Er gestand vor Gericht alle ihm vorgeworfenen Taten.

Während des Prozesses hatte er zu Richterin Huber zwar immer wieder gesagt, er habe "halt einfach ein paar Fotos gemacht". Die Vorsitzende zeigte aber keinerlei Verständnis: "Was wir hier in dieser Verhandlung gesehen haben, entbehrt jeglicher Harmlosigkeit." Auch die Aussage, auf der Suche nach pornografischen Inhalten im Internet zufällig über kinderpornografische Inhalte gestolpert zu sein, sei aus ihrer Sicht fragwürdig. Sie gehe eher davon aus, dass der Angeklagte gezielt gesucht haben muss, um auf die "widerwärtigsten Dateien" gestoßen zu sein, die auf seinem Rechner gefunden wurden.

Bei der Urteilsfindung habe sich laut Richterin Jana Huber zugunsten des Angeklagten ausgewirkt, dass er trotz Relativierungsversuchen ein umfassendes Geständnis abgelegt hat und damit den Kindern eine Aussage vor Gericht erspart blieb. Zudem habe er sich bei der Familie des Nachbarkindes entschuldigt und immer wieder betont, dass er es bereue, seine eigene Familie durch seine Taten in eine schwierige Situation gebracht zu haben. Er schäme sich dafür, dass seine Angehörigen nun "dem Druck von Nachbarn und Bekannten" ausgesetzt seien.

Missbrauchsvorwürfe: Nachbarn sind fassungslos

Einige der Nachbarn und Bekannten der Familie haben die Verhandlung am Montag im Saal mitverfolgt. Sie haben versucht, in den Sitzungspausen zu verarbeiten, was sich in ihrem Umfeld abgespielt hat. Sie beschrieben K.s Familie als "verschlossen", erinnerten sich an auffällige Begegnungen mit dem Angeklagten - die Fassungslosigkeit über die ihm vorgeworfenen Taten stand ihnen dennoch die ganze Zeit ins Gesicht geschrieben.

Zuletzt war es die Schwere der Taten, die sich negativ auf das Urteil auswirkten. Laut Vorsitzender befanden sich beide Kinder zum Tatzeitpunkt im "wohl schützenswertesten Alter": Die Nachbarstochter sei noch in den Kindergarten gegangen, von K.s Enkelin wurden pornografische Bilder gefunden, die diese als Säugling auf dem Wickeltisch zeigen. Zwar habe der Angeklagte Reue gezeigt, doch diese sei ausschließlich auf ihn und seine eigene Familie bezogen gewesen - die Eltern der Nachbarstochter habe er in seinen Bekundungen nicht erwähnt.

Für Richterin Huber kam auch deshalb nur eine mehrjährige Haftstrafe in Betracht, da der Vorfall im vergangenen Sommer für die geschädigte Familie "eine unverzeihliche Katastrophe" bedeutet habe, die von Eltern und Kind in den nächsten Jahren intensiv verarbeitet werden müsse. Bernhard K. muss der Familie ein Schmerzensgeld in Höhe von 6000 Euro zahlen, das kommt zu seiner Haftstrafe hinzu.