Immer wieder werden vergleichbare Fälle bekannt. Und immer wieder muss man sich fragen, ob das denn möglich ist...

Vor dem Landgericht Coburg nimmt eine 28-Jährige Psychologin im Zeugenstand Platz. Sie ist den weiten Weg aus Kulmbach angereist, um an diesem Morgen über das acht Jahre alte Mädchen mit den langen blonden Haaren zu sprechen, das seit März in der von ihr betreuten Wohngruppe lebt. Wenn man die junge Frau von ihren bisher vier Begegnungen mit dem "auffällig unauffälligen" Mädchen erzählen hört, merkt man, dass sie die Achtjährige trotz der professionellen Distanz auch ins Herz geschlossen hat. "Sie war äußerst kooperativ und hat die Aufmerksamkeit, die ich ihr geschenkt habe, richtig genossen", sagt die Psychologin.

"Er muss in den Knast"

Die Achtjährige sei die ganze Zeit über sehr brav gewesen und habe ihr sogar selbst gemalte Bilder geschenkt. Aber es sei trotz allem auch viel Wut auf die Eltern spürbar. Bei einer Sitzung habe das Mädchen ihr auch verraten, warum sie so wütend ist: "Mein Papa hat was mit mir gemacht, was er nicht darf. Der wird jetzt bestraft und muss in den Knast. Und meine Mama auch."

Noch ist nicht sicher, ob und inwieweit die Eltern des Mädchens durch das Coburger Landgericht verurteilt werden, denn der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Eines ist trotzdem schon jetzt klar: Wenn sich die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft im Laufe der Beweisaufnahme als wahr herausstellen, ist es durchaus möglich, dass das Mädchen schlussendlich Recht behält.

In der Anklageschrift wird dem Vater zur Last gelegt, seine zum Tatzeitpunkt sechs beziehungsweise sieben Jahre alte Tochter im elterlichen Schlafzimmer, im Badezimmer und im Campingwagen zum Teil schwerst sexuell missbraucht zu haben. Seine Taten soll er zudem fotografiert oder gefilmt haben, um diese in verschiedenen Chatgruppen mit mehreren pädophilen Männern zu teilen. Die Mutter des Mädchens soll gewusst haben, was ihr Ehemann der gemeinsamen Tochter antat, ohne den Missbrauch zu melden oder zu unterbinden. Einmal habe sie auf Bitte ihres Mannes beim Missbrauch sogar mitgemacht, heißt es in der Anklageschrift. Die Taten, die dem Vater des Mädchens vorgeworfen werden, wiegen schwer - doch es kann sein, dass die Anklageschrift nur einen kleinen Teil von dem wiedergibt, was sich wirklich bei der Familie aus Neustadt bei Coburg abgespielt hat.

Noch mehr Missbrauch?

Diese Vermutung scheint zumindest die Vorsitzende Richterin Jana Huber zu haben, nachdem alle fünf gemeinsamen Kinder des Paares unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgesagt haben. Die zweite Tochter der Angeklagten hatte ebenfalls von sexuellem Missbrauch durch den Vater berichtet, weshalb sich die Vorsitzende noch einmal mit Nachdruck an die angeklagte Mutter wendet. "Wissen sie etwas von weiteren Vorfällen?" Die Mutter schüttelt wortlos den Kopf.

Am ersten Verhandlungstag hatte sie sich noch anders geäußert. Als Richterin Huber sie da fragte, ob es sein könne, dass auch die anderen Kinder vom Vater missbraucht wurden, hatte sie mit einem leisen "Ja" geantwortet. Auf die Nachfrage ,bei welchen der vier anderen, sagte sie schließlich kaum hörbar: "Bei allen." Sie habe "nicht alles mitgekriegt", da sie mit dem Haushalt alle Hände voll zu tun gehabt habe. Der Prozess wird am 21. Juli fortgesetzt.