Die Zahl armer oder von Armut bedrohter Kinder nimmt in Deutschland seit Jahren zu. Aktuell gelten drei Millionen Kinder und Jugendliche als arm - dies ist jedes fünfte Kind. Als Vorsitzende des Kinderschutzbundes Coburg Stadt und Land hat Bettina Dörfling Einblick in den Lebensalltag von Alleinerziehenden und Familien mit mehreren Kindern. Denn genau die sind oftmals von Armut betroffen und wenden sich hilfesuchend an den Kinderschutzbund.

Hilferufe

Offiziell leben in der Stadt Coburg 629, im Landkreis 668 Kinder in Familien, die Leistungen vom Jobcenter beziehen. Die Dunkelziffer sei jedoch viel höher. Gerade jene Familien, die knapp über der Einkommensgrenze von Hartz IV liegen, bekommen keine finanzielle Unterstützung. "Vielfach wenden sich Familien an uns, die unter großem Druck stehen. Sie kommen mit dem Geld, das ihnen zur Verfügung steht, nicht aus. Sie sind verzweifelt und bitten uns um Hilfe", beschreibt Bettina Dörfling die Situation.

Kühlschrank auffüllen

"Wir gehen da oft ganz pragmatisch vor und machen den Kühlschrank wieder voll", sagt die Vorsitzende. "Es gibt Kinder, die haben nur eine Winterjacke und ein paar Schuhe. In kalten Jahreszeiten, wo Kleidung auch mal nass wird und gewaschen werden muss, geht das nicht. Ich finde es richtig gruselig, wenn die Kinder zu kleine Schuhe tragen, ihrer Mama das aber nicht sagen, weil sie wissen, dass sie kein Geld hat. Solche Fälle gibt es immer wieder", schildert die Sozialpädagogin ihre Erfahrungen.

Forderungen gibt es schon lange

Abhilfe würde ihrer Meinung nach nur die Mindestlohnerhöhung auf zwölf Euro und eine Kindergrundsicherung für jedes Kind sorgen.

"Jede Partei, die der zukünftigen Bundesregierung angehören will, muss dieses Thema auf ihrer Agenda und ein Konzept zur Bekämpfung der Kinderarmut in ihrem Programm haben. Niemand darf sich mehr wegducken, denn Kinderarmut geht uns alle an", sagt Heinz Hilgers, Präsident des Kinderschutzbundes und Koordinator des Bündnisses Kindergrundsicherung, das es mittlerweile seit zehn Jahren gibt.

Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage sprechen sich 76 Prozent der Bevölkerung für eine Kindergrundsicherung aus. Die Zustimmung ist über Parteigrenzen hin. Das Bündnis setzt sich mit aktuell 17 Bündnismitgliedern und zwölf wissenschaftlichen Unterstützer für eine Kindergrundsicherung ein.

Staffelung

Favorisiert wird eine gestufte Kindergrundsicherung, die allen Kindern das sächliche Existenzminimum in Höhe von 451 Euro als unbürokratische Leistung garantiert. Bis der Staat sämtliche Leistungen für Bildung, Betreuung und Erziehung gebührenfrei zur Verfügung stellt, fordert das Bündnis einen weiteren Betrag in Höhe von 244 Euro.

Um sie entsprechend der finanziellen Leistungsfähigkeit der Eltern auszugestalten, soll die Kindergrundsicherug mit steigendem elterlichen Einkommen langsam abgeschmolzen werden. Im Ergebnis erhalten Kinder und ihre Familien einen Mindestbetrag von 330 Euro, der der maximalen Entlastung durch die derzeitigen Kinderfreibeträge entspricht. Je niedriger das Familieneinkommen ist, desto höher fällt der Betrag der Kindergrundsicherung aus.

Die Kindergrundsicherung soll vorrangig vor anderen Sozialleistungen sein, damit Kinder aus dem stigmatisierenden Bezug insbesondere von Hartz IV-Leistungen und der verdeckten Armut herausgeholt werden.