Noch nie hatten Schulabgänger bessere Aussichten, einen Ausbildungsplatz zu finden als heute. Gleichzeitig brechen aber auch immer mehr Jugendliche ihre Ausbildung ab. Sei es, weil sie erst spät merken, dass der gewählte Beruf doch nicht zu ihnen passt, sei es, weil vielleicht die Chemie mit dem Ausbildungsbetrieb nicht stimmt. Damit es gar nicht erst so weit kommt, haben die Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Coburg und die Volkshochschule (VHS) im Oktober 2013 das Projekt "Handschlag" ins Leben gerufen. Es bietet Schülern und Auszubildenden individuelle Betreuung und direkte Ansprache, aber auch Beratung und Unterstützung für die Ausbildungsbetriebe. Zudem sind Eltern, Schulen und diverse Netzwerkpartner eingebunden.


Bedarf ist höher als vermutet

Am 30. September 2016 läuft "Handschlag" aus - Zeit für die Projektpartner, Bilanz zu ziehen. Und die fällt durchwegs positiv aus, wie am Donnerstag im Fachgespräch bei der IHK deutlich wurde. Die Erwartungen wurden mehr als erfüllt, aber es zeigte sich auch im laufenden Projekt, dass der Bedarf an Unterstützung viel höher ist als anfangs angenommen: Mit insgesamt 220 Teilnehmern hatten die Initiatoren gerechnet, am Ende nutzten 388 Schüler aus Berufsschulen (366) und allgemeinbildenden Schulen (22) die Informationsangebote in Seminaren und Veranstaltungen. 46 Azubis erhielten eine intensive Unterstützung, etwa durch professionelle Hilfe beim Erstellen der Bewerbungsunterlagen oder durch Einzelcoaching.

Bei den Jugendlichen, die mit dem Gedanken spielten, ihre Ausbildung abzubrechen, waren die Projektpartner von der Zahl 60 ausgegangen, wie Martina Krejci von der VHS erläuterte. Am Ende konnte 79 Auszubildenden geholfen werden. Der Großteil blieb in seinem Ausbildungsbetrieb, 18 Azubis wechselten in eine andere Ausbildung.

Eine wichtige Rolle spielte auch die Einbindung der Eltern. Offiziell habe es 42 Kontakte zwischen den "Handschlag"-Partnern und Eltern gegeben, berichtete Martina Krejci. Tatsächlich waren es aber 121 Kontakte, rechnet man die Anfragen von Eltern mit, deren Kinder bereits volljährig sind.

"Wir dürfen keinen Jugendlichen zurücklassen", betonte IHK-Präsident Friedrich Herdan, der in seiner eigenen Firma derzeit 52 Lehrlinge ausbildet. "Wir müssen alle mitnehmen und ihnen berufliche Perspektiven bieten." Keine Gesellschaft könne es sich leisten, Arbeitspotenzial ungenutzt liegen zu lassen. Damit jeder Jugendliche den passenden Beruf finde, sei jedoch umfassende und individuelle Orientierung wichtig und zwar schon, bevor die Entscheidung für einen Ausbildungsplatz fällt. "Das schützt die Jugendlichen vor Enttäuschungen und bewahrt die Unternehmen vor unnötigen Kosten", so Herdan.

"Handschlag" läuft Ende September aus, doch mit "Brückenschlag" soll ein Nachfolgeprojekt eingereicht werden. Die Konzepte ähneln sich, doch "Brückenschlag" ist noch um Zuwanderer (Flüchtlinge mit Bleiberecht) erweitert. Diese Gruppe sei vor zweieinhalb Jahren, als "Handschlag" gestartet wurde, noch gar kein Thema gewesen, betonte Thomas Engel, Abteilungsdirektor bei der Regierung von Oberfranken. "Im Idealfall sollte ,Brückenschlag‘ heuer beginnen", sagte Martina Krejci.


Vielleicht ein Modellprojekt?

Präsident Herdan will aber noch einen Schritt weiter gehen. Er könnte gut 130 Flüchtlinge in Jobs vermitteln, entsprechende Anfragen von Firmen lägen vor. Weil Zuwanderer derzeit aber erst einmal zwei Jahre lang in Integrationsklassen Deutsch lernen müssten, sei das nicht möglich, kritisierte Herdan. Er habe deshalb einen Vorschlag an das Arbeits- und Sozialministerium geschickt, der folgendermaßen aussieht: Flüchtlinge absolvieren eine vierjährige Lehre, bei der gleich im ersten Jahr zwei Tage Deutschunterricht, ein Tag Berufsschule und zwei Tage Arbeit im Betrieb auf dem Stundenplan stehen. Auf diesem Weg könnten sie ebenfalls Deutsch lernen, stünden dem Arbeitsmarkt aber schon zur Verfügung. Außerdem hätten Flüchtlinge auf diesem Weg gleich die Möglichkeit, eigenes Geld zu verdienen.