Aus welcher Zeit schwebt diese Musik herbei? Sie klingt fremd und fern, ein wenig herb und streng. Zwei Takte später aber tönt sie plötzlich modern und gegenwärtig, verwandelt und verführerisch schön.



Das Instrument, das Anfangs näselnd fast wie ein Krummhorn klingt, ist in Wahrheit ein modernes Sopran-Saxofon. Gitarre, Saxofon und ein reichhaltiges Arsenal an Perkussionsinstrumenten - in dieser Besetzung holt das "Ensemble Nu:n" Musik, die um 1310 in einer Notenhandschrift in Frankreich aufgezeichnet wurde, direkt ins 21. Jahrhundert. Alte Musik in die Gegenwart holen - das lässt sofort an das höchst erfolgreiche Album "Officium" denken, das der Saxofonist Jan Garbarek und das Hilliard-Ensemble vor nunmehr zwei Jahrzehnten veröffentlichten.

Musik des Mittelalters

Dieser Vergleich liegt scheinbar nahe und führt doch in die Irre.
Denn während Jan Garbarek und das Hilliard-Ensemble einst vor allem darauf setzten, alte Vokalmusik durch eine improvisatorisch freie Saxofon-Stimme zu ergänzen, unterzieht das "Ensemble Nu:n" bei seinem Gastspiel im Glasmuseum in der Rosenau die überlieferten Melodien des frühen 14. Jahrhunderts einem spannenden Verwandlungsprozess.


Die insgesamt acht "Estampies Royales" finden sich in einem wertvollen Manuskript, das auf die Zeit um 1310 datiert wird und daneben rund 600 Troubadourlieder enthält. Diese "Estampies", sogenannte Stampftänze, gelten als eines der ältesten Zeugnisse mittelalterlicher Instrumentalmusik.


Dass sie das musikalische Ausgangsmaterial für ebenso einfühlsame wie eingängige Improvisationen sein können, beweist das "Ensemble Nu:n" mit seiner Version dieser Tänze. Der Weimarer Gitarrist Falk Zenker, die Leipziger Perkussionistin Nora Thiele und der Berliner Saxofonist Gert Anklam ziehen das Publikum im Glasmuseum mit ihrem farbenreichen und klanglich fein differenzierten Spiel in Bann.

Melodien wie Samenkörner

Das Ziel ist klar. "Wir wollen keine historische Aufführungspraxis bieten", sagt Gitarrist Falk Zenker gleich zu Beginn des Gastspiels unmissverständlich: "Wir holen diese Musik ins Hier und Jetzt."


Zenker jedenfalls ist sich sicher: "Diese Melodien sind wie Samenkörner, die auf eine bestimmte Weise zukünftige Entwicklung vorweg genommen haben."


Der Auftakt der neuen Reihe "Jazz im Museum", die das Glasmuseum im Park Rosenau gemeinsam mit der Volkshochschule Coburg Stadt und Land präsentiert, macht jedenfalls neugierig auf weitere Konzerte unter diesem Etikett.