Weltpoesie ist Weltversöhnung", lautete das Motto des Orientalisten, Dichters, Übersetzers und Sprachforschers Friedrich Rückert (1788 bis 1866). Im Geiste des Wahl-Coburgers, der seit 1820 hier lebte und sich mit 44 Sprachen befasste, verleiht die Stadt seit 2008 den mit 7500 Euro dotierten Rückert-Preis an einen zeitgenössischen Autor aus den unterschiedlichen Regionen des Vorderen Orients.
Zum vierten Mal soll dies am 31. Januar 2016, dem 150. Todestag Rückerts, geschehen. Die die namhafte Jury veröffentlichte jetzt die Liste der in die Endauswahl Aufgenommenen . Sie kommen diesmal aus der Türkei, nachdem bisher arabische und persische Literatur ausgezeichnet wurde.

Es handelt sich um die neu entdeckte Lyrikerin Yesim Agaoglu, die auch Bildende Künstlerin ist, die Romanautorin Oya Baydar, die lange in Frankfurt gelebt hat und die politische Lage in ihrer Heimat in ihren Romanen engagiert und kritisch betrachtet, die Physikerin Asli Erdogan, die ihre Identität in der Fremde, in den Favelas Brasi liens, erkundet, die Schriftstellerin Sema Kaygusuz, die die Mythologie der Ägäis ebenso verarbeitet wie die Vertreibung und Vernichtung der Armenier im 1. Weltkrieg, sowie der urwüchsige Erzähler Ali Hasan Topta, ein humorvoller Chronist des anatolischen Dorfes, wie die Jury die ausgewählten Schriftsteller charakterisiert.
"Wir haben es bei diesen Autoren mit Weltliteratur zu tun", begründete der frühere Geschäftsführer des Hanser-Verlages, Michael Krüger, die Auswahl der Jury, der zudem die Islamwissenschaftlerin Erika Glassen und als Vorsitzende die Orientalistin Claudia Ott angehören. Sie sollen bis Ende Oktober entscheiden, wer den Rückert-Preis 2016 erhält.
"Diese Autoren haben nur einen Makel", so Krüger weiter, "dass sie Türken sind". Da sich das Türkische als Hochsprache erst seit dem 15. Jahrhundert entwickelte, war es bei den Islamwissenschaftlerin nicht sonderlich beliebt, auch nicht bei Rückert. Was die moderne türkische Literatur anbelangt, finde man allerdings, auch wenn das wenig im Bewusstsein ist, durchaus einiges an guten Übersetzungen auf dem deutschen Buchmarkt. Man müsse sie nur finden. Der Rückert-Preis will in seiner vierten Ausgabe nun speziell vermitteln zur äußerst lebendigen Gegenwartsliteratur der Türkei. Die sei im Gegensatz zu anderen Regionen eigenwillig geblieben und nicht anpasserisch an die amerikanische Literatur. Entgegen dem Vorurteil habe die Jury außerdem erstaunlich viele Schriftstellerinnen vorgefunden, was sich in der Shortlist zum Rückert-Preis widerspiegelt. C.H.



Yesim Agaoglu, 1966 in Istanbul geboren, entstammt einer berühmten Familie, die Anfang des 20. Jahrhunderts aus Aserbeidschan emigrierte. Sie studierte Kunstgeschichte und Journalistik. Bisher sind sieben Gedichtbände in der Türkei und zwei weitere in Aserbeidschan gedruckt worden. Ein deutscher Gedichtband ist in Vorbereitung.

Oya Baydar wurde 1940 in Istanbul geboren. Nach ihrem Soziologiestudium war und ist sie als Dozentin, Journalistin und Autorin tätig. 1980 wurde sie als Gründungsmitglied der Türkischen Sozialistischen Arbeiterpartei des Landes verwiesen. Sie lebte zwölf Jahre lang in Frankfurt am Main. 1992 konnte sie aufgrund einer Amnestie zurück. Unter dem Eindruck des Falls der Berliner Mauer begann die Autorin, die 30 Jahre lang geschwiegen hatte, wieder zu schreiben. Von ihr liegen unter anderem die Romane "Verlorene Worte" und "Das Judasbaumtor" vor.

Asli Erdogan wurde 1967 in Istanbul geboren. Sie studierte Informatik und arbeitete zwei Jahre am Europäischen Zentrum für Kernforschung (CERN) in Genf, bevor sie eine Anstellung an der katholischen Universität in Rio de Janeiro erhielt. Daneben begann sie zu schreiben. Auf Deutsch liegen vor "Die Stadt mit der roten Pelerine" und "Der wundersame Mandarin".

Sema Kaygusuz wurde 1972 an der türkischen Schwarzmeerküste als Tochter eines Soldaten geboren. Sie studierte Kommunikationswissenschaften in Ankara, begann zu schreiben und befasste sich mit Hörspiel, Choreographie und Theater. 2008 war sie Stadtschreiberin in Berlin. Auf Deutsch liegen unter anderem ihr Roman "Wein und Gold" und ihr Geschichtenband "Schwarze Galle" vor.

Hasan Ali Topta wurde 1958 im Südwesten Anato liens geboren. Er hat noch als Schüler die Ferien auf der Sommerweide in schwarzen Ziegenhaarzelten verbracht. Als Gerichtsvollzieher und später als Finanzbeamter lernte er das soziale Milieu kennen, das er in seinen Romanen verarbeitet. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Ankara. Auf Deutsch gibt es seinen Roman "Die Schattenlosen".