Coburg
Gastbeitrag

Landesbischof: Das gibt mir Zuversicht in Zeiten der Dunkelheit

Wie können wir es schaffen, an den schlimmen Bildern von Krieg und Zerstörung nicht zu verzweifeln? Antworten vom Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern Heinrich Bedford-Strohm.
Der Bischof besucht ukrainische Flüchtlinge in einer Turnhalle.
Der Bischof besucht ukrainische Flüchtlinge in einer Turnhalle. Foto: Johannes Minkus/Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern/dpa
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Was gibt Zuversicht?

Sie ist schwer auszuhalten, diese Flut an schlechten Nachrichten. Wie eine dunkle Wolke legt sich das Unfassbare, was in der Ukraine gerade geschieht, auf unsere Seele. Mir sind die Tränen gekommen, als ich das Bild von der hochschwangeren Frau sah, die von Helfern auf einer Trage durch die Ruinen einer Geburtsklinik in Mariupol getragen wurde. Inzwischen ist bekannt geworden: Weder Mutter noch Kind haben überlebt. Mitten in Europa hat der russische Präsident einen Angriffskrieg losgetreten.

Wir stehen fassungslos vor dieser Aggression. Wir bewundern den Mut der Ukrainer und ihren erstaunlich erfolgreichen Widerstand gegen die Truppen der russischen Weltmacht. Und die meisten von uns halten es für richtig, dass sie auch mit Waffen unterstützt werden. Waffen schaffen nie Frieden. Die Anwendung militärischer Gewalt ist immer eine Niederlage. Aber jede Bombe, die dank einer ukrainischen Abwehrrakete ihr Ziel nicht findet, rettet Menschenleben. Aus dem moralischen Dilemma kommt niemand raus.

Aber wie lässt sich in dieser Situation die Hoffnung bewahren? Wie lässt sich das alles aushalten - und das nach zwei Jahren Pandemie, in der nicht nur die virologische Inzidenz, sondern auch die seelische Inzidenz immer mehr in die Höhe geschnellt ist und wir mental einfach erschöpft sind? Was gibt Zuversicht? Meine Antwort ist fünffach.

Die erste Antwort heißt: Die Ohnmacht miteinander teilen.

Es ist wichtig, dass wir die Ohnmachtsgefühle zulassen, dass wir mit anderen darüber reden, dass wir sie, wenn wir religiös dafür zugänglich sind, etwa in Klagegebeten vor Gott bringen.

Die zweite Antwort heißt: Die Ohnmacht durchbrechen.

Für mich ist es ein riesiges Hoffnungszeichen, zu erleben, wie Menschen jetzt helfen. Indem sie das dringend benötigte Geld spenden. Indem sie Menschen aus der Ukraine, die dem Krieg entkommen sind, willkommen heißen, sie begleiten, ihnen Deutsch beibringen oder sie sogar zu Hause aufnehmen. Ich habe das kürzlich in eindrucksvoller Weise bei meinem Besuch der Gemeinden unserer lutherischen Partnerkirche im Norden Ungarns erfahren, an der ukrainischen Grenze, die in beeindruckender Weise die Aufnahme der ukrainischen Flüchtlinge organisieren. Gemeindeglieder schmieren am Morgen 1000 Brote, damit sie gut versorgt sind. Dem Bürgermeister, der selbst Mitglied des Kirchenvorstands ist, melden sie 600 Betten in Privatwohnungen, in denen die ankommenden Flüchtlinge erstmal unterkommen können.

Für diejenigen, die aus der Grenzregion im Norden nach Budapest weiterfahren wollen, warten Lotsen am Bahnhof in Budapest, um ihnen weiterzuhelfen. Um die Versorgung und Begleitung ukrainischer Flüchtlinge in Deutschland, in den Nachbarländern der Ukraine und der Ukraine selbst finanziell zu unterstützen, haben wir als evangelisch-lutherische Kirche in Bayern in dieser Woche einen Unterstützungsfond von zehn Millionen Euro auf den Weg gebracht. Das Engagement der Menschen darf jedenfalls nicht am Geld scheitern.

Die dritte Antwort heißt: Inmitten der Anteilnahme und des Erschreckens die Gedanken immer wieder auf das Schöne richten.

Keinem Menschen in Not ist geholfen, wenn Helferinnen und Helfer ausbrennen, weil sie am Leid verzweifeln. Anteilnahme am Leid der anderen und Wahrnehmung des Segens im eigenen Leben sind kein Widerspruch, sondern sie bedingen einander. Für mich ist eine der stärksten Quellen dafür mein jetzt fast dreijähriger Enkel. Wenn ich mit ihm spiele, wenn er ausgelassen lacht, wenn er mir lauter Fragen stellt, dann bin ich glücklich. Und bekomme Kraft, mich dafür zu engagieren, dass ukrainische Kinder auch wieder lachen können.

Meine vierte Antwort heißt: Hoffnungsquellen erschließen.

Die stärkste Quelle der Hoffnung ist für mich mein Glaube. Denn die Bibel, von deren Worten er geprägt ist, erzählt die größte Hoffnungsgeschichte, die ich kenne. Sie erzählt von einem Volk, das in der Sklaverei in Ägypten zugrunde zu gehen droht und dann von Gott durch Mose aus der Sklaverei in die Freiheit geführt wird. Sie erzählt von der Gefangenschaft im Exil in Babylon, von Menschen, die angesichts des Verlusts der Heimat in Verzweiflung zu versinken und an ihrem Gott irre zu werden drohen - und dann die Erfahrung machen, dass Gott sein Volk aus der Fremde nach Hause führt.

Und schließlich erzählt sie von jenem Jesus von Nazareth, der in Galiläa umherzieht und die Menschen fasziniert, weil er eine Liebe ausstrahlt, die sie noch nie erfahren haben und in der sie Gott selbst spüren. Der Mann, in den sie so viele Hoffnungen gesetzt haben, wird verhaftet und stirbt jämmerlich als Folteropfer am Kreuz, mit einem Schrei der Verzweiflung auf den Lippen: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!?"

Es ist der gleiche Schrei, den Menschen in den U-Bahnhöfen und Luftschutzkellern in Mariupol, Kiew und Charkiw heute still oder laut ausstoßen. Bei Jesus hatte der Tod nicht das letzte Wort. Er ist - das glauben wir Christen - auferstanden. Das Leben hat gesiegt. So hoffe ich, dass auch in dem schrecklichen Krieg in der Ukraine der Tod nicht das letzte Wort hat, sondern das Leben. Es ist - so hat der von den Nazis als Widerstandskämpfer hingerichtete evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer einmal gesagt - "keine Schande zu hoffen, grenzenlos zu hoffen."

Meine fünfte Antwort auf die Frage, was Zuversicht gibt:

Die Augen öffnen für die Zeichen der Hoffnung. Es gibt diese Zeichen der Hoffnung. Zuallererst ist es der tapfere Widerstand der Ukrainer, der Putins Kalkül einer schnellen Inbesitznahme der Ukraine wider allen Erwartens zerstört hat. Er stärkt die Hoffnung, dass am Ende nicht das Recht des Stärkeren, sondern die Stärke des Rechts steht und ein hoffentlich bald zu erreichender Waffenstillstand dem Land seine Eigenständigkeit sichert. Zu diesen Zeichen der Hoffnung gehört aber auch der immer wieder sichtbar werdende Protest der Menschen in Russland. Hunderte von Priestern und Tausende von Wissenschaftlern sowie viele Künstler haben sich ihm angeschlossen.

Er ist gerade deswegen auch in seinem vergleichsweise begrenzten Ausmaß so bemerkenswert und bewunderungswürdig, weil die Kosten dafür angesichts des Unterdrückungsapparates der russischen Regierung so hoch sind. Besonders eindrucksvoll war der Protest der russischen Journalistin Marina Owsjannikowa. Mitten in der Haupt-Nachrichtensendung des russischen Staatsfernsehens sprang sie plötzlich hinter der Nachrichtensprecherin ins Bild und hielt ein Schild hoch mit der Aufschrift "Stoppt den Krieg. Glaubt der Propaganda nicht. Hier werdet ihr belogen". Dann rief sie mehrmals laut: "Nein zum Krieg, Nein zum Krieg, Nein zum Krieg!", bevor die Live-Übertragung abbrach. Angesichts der totalen Irreführung der russischen Bevölkerung gehört für mich diese Aktion zu den größten Hoffnungsschimmern dieser Zeit.

Diese Woche war ich in die BR-Sendung "Jetzt red i" eingeladen. Die Menschen, denen ich dabei begegnet bin, haben mich tief beeindruckt. Menschen aus der Ukraine, die in sehr berührender Weise berichtet haben von dem Leid der Menschen, die vom Krieg betroffen sind, aber auch von der Angst, die sie um ihre Angehörigen dort haben. Und Menschen, die von ihren Hilfsaktivitäten berichtet haben. Eine davon hat mir nach der Sendung im Blick auf ihr Helfen gesagt: "Ich schlafe jeden Abend glücklich ein."

Am Ende war auch von Engeln die Rede - das war für mich der berührendste Moment des Abends: Eine ukrainische Teilnehmerin, Natascha Schwark, die ihre Freundin an der Grenze zur Slowakei empfangen hatte, berichtete von deren Worten, als sie die Grenze überschritten hatte: "Natascha, ich bin nicht abergläubisch. Aber die Engel haben mich an die Hand genommen und weitergeführt." Und dann fügte sie mit gebrochener Stimme selbst hinzu: "Diese Geborgenheit und Sicherheit für einen Menschen... Wir sind alle sehr dankbar. Und das gibt die Hoffnung." Manchmal umgeben uns die Engel unsichtbar. Manchmal kommen sie in Menschengestalt. Schon lange habe ich nicht mehr so viele Engel unter uns gesehen wie gerade jetzt.Das gibt mir Zuversicht.