Im Kopf immer der Notgroschen

Ayla Kara* ist keine arme Frau. Aber sie muss immerzu daran denken, ob ihr Geld reicht. Die 37-Jährige ist verheiratet und hat einen kleinen Sohn. Drei Jahre Elternzeit für Ege* gehen jetzt zu Ende. Ihren Job in einer Wäscherei im Landkreis kann sie nicht mehr wahrnehmen.

Sie hat weder einen Führerschein noch ein Auto. Ihr Mann ist selbstständig und hat ein unregelmäßiges Einkommen. Corona hat der Familie finanziell zugesetzt. Sein Geschäft war in dieser Zeit geschlossen. Die kleine Familie wohnt in einer Wohnung der Wohnbau.

Von dem Elterngeld, 176 Euro aus ihrem Minijob (Putzen) und dem, was ihr ihr Mann gibt, zahlt sie die Miete und geht einkaufen. "Es ist echt knapp - aber ich bin sehr sparsam", erzählt sie. Für Ege bedeutet das auch, dass er nicht immer haben kann, was er möchte. "Wenn ich manchmal mit fünf oder zehn Euro in die Stadt gehe, kann Ege kein Spielzeugauto für sieben Euro bekommen, sondern wir gehen halt in den Ein-Euro-Shop", sagt die junge Frau, die einen "Notgroschen" in der Tasche haben möchte, falls Ege noch war trinken oder essen möchte.

Kleidung aus zweiter Hand

Die "Kiste" in Coburg ist der Secondhandladen des Kinderschutzbundes. Hat sich das Einkaufsverhalten der Mütter in den vergangenen Jahren verändert? Bettina Dörfling, Vorsitzende des Kinderschutzbundes: "Als zufällige Zeugin habe ich tatsächlich die Frage einer Mutter gehört, die ein Kleidungsstück, das gerade mal 2,90 Euro gekostet hat, noch runterhandeln wollte.

Das ging aber nicht, weil wir ja auch Kleidung in Kommission, also im Auftrag, verkaufen. Aber, dass die Fragen nach noch günstigerer Kleidung zugenommen haben, können wir nicht bestätigen. Armut ist seit Jahren präsent und die Zahlen sind hoch und bleiben konstant stabil.

Seit Corona gibt es ja kaum Basare, so dass wir mehr Kund:innen haben, sowohl Mütter, die Kleidung mithilfe der ,Kiste‘ verkaufen wollen, als auch Einkäuferinnen. Bettina Dörfling: "Die Kiste hat den Anspruch, ein normales Geschäft sein zu wollen, auch um die Scham vieler Eltern, dass sie darauf angewiesen sind, günstige Kleidung für ihre Kinder zu kaufen, so gering wie möglich zu halten. Kleidung ist mehr als nur ein Kleidungsstück, hier wird so viel transportiert: Persönlichkeit und der vermeintliche Status."

Beim Spielzeug wird gespart

Etwa ein Drittel der Kunden vom Sozialkaufhaus "Hartz&Herzlich" in Coburg sind Familien mit Kindern. Dennoch machen die Mitarbeiter die Erfahrung, dass Kinder oft zu kurz kommen. "Wir werden oft gefragt, was dieses oder jenes Spielzeug kostet", sagt die Kassiererin Katrin Marx.

Aber drei Euro seien oft schon zu viel. Und die Kinder gehen ohne Spielzeug nach Hause. Kleidung für die Kinder werde gekauft, aber Schulmaterial und Bastelsachen nicht. "Unsere Spiele gehen eher bei Studenten und Erwachsenen weg, die selbst gerne spielen", sagt Barbara Kammerscheid, die das Kaufhaus vor zehn Jahren aus der Taufe gehoben hat.

"Die Kinder sehen nicht verwahrlost aus", betont sie. Dennoch habe sie das Gefühl, dass für Kinder hier zu wenig ausgegeben wird.

Leerer Kühlschrank

Eltern oder Alleinerziehende kommen bei einem schwierigen finanziellen Engpass oft sehr kurzfristig in die Geschäftsstelle des Kinderschutzbundes. Margit Beck, die die Aktion Sterntaler dort betreut: "Viele denken, sie schaffen es aus eigener Kraft und stellen dann fest, ohne Hilfe von außen geht es nicht."

Vor drei Jahren, rief eine Mutter bei Margit Beck an, weil sie kaum Lebensmittel hatte und eine Auszahlung sich verspätete. "Eine unserer Mitarbeiterinnen begleitete die Frau und ihr zweijähriges Kind in einem Einkaufsmarkt. Als das Kind in der Obstabteilung war, schrie es sehr laut und wollte unbedingt eine Banane essen. Es ließ sich nicht beruhigen und schien sehr hungrig zu sein", erzählt Margit Beck. Tatsächlich beruhigte sich das Kind erst, als es eine Banane essen durfte.