Eigentlich war Martin Luther Katholik. Um die Erneuerung der Kirche sei es ihm gegangen, als er 1517 seine Thesen veröffentlichte, sagte am Samstag Kardinal Walter Kasper in Coburg. Kasper sprach beim Neujahrsempfang der Erzdiözese Bamberg, der aus gutem Grund in Coburg stattfand: Der katholische Erzbischof Ludwig Schick wollte in der Lutherstadt ein deutliches Zeichen der Ökumene setzen.

Mit Kardinal Kasper hatte er den "Ökumeneminister" des Papstes als Redner gewinnen können. Dass Kasper, früherer Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, noch heute nahe am Geschehen im Vatikan ist, zeigte sich im zweiten Teil seines Vortrags, als er skizzierte, wie Papst Franziskus sich Ökumene vorstellt und was der Papst selbst dafür tut.

Wobei für die Katholiken Ökumene ein sehr weit gespannter Begriff ist: Es geht um die ganze Welt. Kasper erinnerte daran, dass die ersten Kirchenspaltungen weitaus länger zurückliegen als die (deutsche) Reformation nach 1517: Koptische, äthiopische, armenische Christen trennten sich schon vor 1500 Jahren von Rom, die sogenannten Ostkirchen bildeten sich vor etwa 1000 Jahren. Die Reformation in Deutschland ist nun 500 Jahre her.


Einheit dient dem Frieden

"Die Einheit der Kirchen steht im Dienst der Einheit und des Friedens in der Welt", sagte Kasper. Allerdings kann sich der Theologe und Professor, der im März 84 Jahre alt wird, noch an Zeiten erinnern, als Katholische und Lutherische auf dem Land sich böse beschimpften. Inzwischen habe sich das nicht nur auf der Alltagsebene in den Gemeinden gewandelt, sagte Kasper: Luthers Anliegen und Verdienste würden nun auch von den Kirchenhistorikern anerkannt. Es habe in der katholischen Kirche des 16. Jahrhunderts ein großer Reformbedarf bestanden, und Martin Luther war nicht der einzige, der da etwas ändern wollte. Bislang sichtbarstes Zeichen für diese Anerkennung von Luthers Reformideen war der Besuch des Papstes Franziskus bei der Versammlung des lutherischen Weltbunds in Schweden im vorigen Jahr.

Inzwischen bekennt sich die katholische Kirche auch zur Ökumene. "Wir haben mehr gemeinsam, als uns trennt", sagte Kasper: Schließlich berufen sich die Kirchen auf Jesus Christus. Es gehe in der Ökumene nicht darum, die Kirchen einander anzugleichen, sondern darum, sich auszutauschen, betonte er: "Wir sind ökumenisch auf dem Weg, um voneinander zu lernen. Wir sollen nicht weniger, sondern mehr katholisch, mehr evangelisch werden!"

Die gewisse Schlitzohrigkeit, mit der Kasper vorher Martin Luther als "Reformkatholiken" vereinnahmt hatte, zeigte sich auch, als er die alltäglichen Ökumenefragen ansprach: Vor allem gehe es dann um die Zulassung zur Kommunion nichtkatholischer Christen bei Familienfeiern. "Die Einheit der Christen verbietet die Teilnahme nichtkatholischer Christen in den meisten Fällen, die Sorge um die Gnade empfiehlt sie in manchen Fällen. Das ist sehr flexibel formuliert (...), und die meisten Pfarrer kommen damit auch ganz gut zurecht. Es ist mir darum schwer verständlich, warum diese Frage dauernd hochgespielt wird." Dafür gab es kräftigen Beifall.


Evangelium wichtiger als Dogmen

Papst Franziskus suche die Begegnung mit den Vertretern anderer Religionen, sagte Kasper. Auch, wenn manche Treffen etwas umständlich zu bewerkstelligen sind: Den Moskauer Patriarchen traf Franziskus auf dem Flughafen von Havanna. "Das macht dem Papst nichts aus." Denn nur in der persönlichen Begegnung könne Vertrauen erwachsen. "Wenn man Freunde wird, findet man Lösungen und Wege."

Franziskus habe sich die "Einheit in versöhnter Verschiedenheit" zu Eigen gemacht, betonte Kasper, der schon vor gut einem Jahr in einem Gastbeitrag in der "Zeit " darauf hingewiesen hatte, dass "versöhnte Verschiedenheit" ein Leitbegriff des Lutherischen Weltbunds ist. Und "evangelisch" sei der Papst ja auch - weil er sich aufs Evangelium berufe und nicht unbedingt auf (katholische) Dogmen.

Langer Beifall folgte Kaspers Rede. Ermutigt zeigte sich Erzbischof Schick, der betonte, dass das Bistum Bamberg im Reformationsjahr viele gemeinsame Gottesdienste, Gebete, Wallfahrten und Veranstaltungen mit der evangelischen Landeskirche geplant habe. Der Neujahrsempfang in Coburg sei sozusagen die Eröffnung dieses Gedenkjahres.

Auch die evangelisch-lutherische Regionalbischöfin Dorothea Greiner äußerte sich erfreut über Kaspers Rede und die "Einheit in Verschiedenheit": "Er spricht als Herzensökumeniker." "Damit kann man als evangelischer Christ sehr gut leben", befand der Coburger Dekan Stefan Kirchberger. Landrat Michael Busch (SPD), selbst katholisch, nannte Kaspers Rede "Mut machend, menschlich, erfrischend. Ich war einfach nur begeistert." Bayerns Innenminister Joachim Hermann, ebenfalls Katholik, verwies darauf, dass Kasper die Überzeugung des Papstes in Sachen Ökumene deutlich gemacht habe. Das stimme zuversichtlich. "Es ist wichtig, dass der Papst beharrlich diesen Weg geht."