Minusgrade auf dem Marktplatz. Ganz leise rieselt der Schnee. Patricks Nase läuft. Der Senf nicht. Der ist fast festgefroren. Trotzdem drückt vor ihm einer kräftig auf die Tube und beißt genüsslich die heiße Wurst ab. Unser Schlaks verzichtet auf den gelben Zusatz und erntet prompt Kritik: "Du Weichei!" Jetzt genießt Patrick Weber seine erste Coburger Rostbratwurst erst recht. Allerdings hat er am zweiten Abend in der Vestestadt dabei ein mulmiges Gefühl: "So sind sie halt die Coburger", glaubt der Meenzer Jonge schon zu wissen.

Dass er alles andere als ein Weichei ist, will er in den nächsten Monaten beweisen. Deshalb hat er bei den "Gelben" unterschrieben. Sein Ziel: Mit dem HSC 2000 Coburg in die 1. Liga.

Der lässige Zwei-Meter-Mann bringt dafür eine Waffe aus dem Rheinland mit: Seinen rechten Arm. Wohltuend tattoofrei. Mit über 120 Stundenkilometern verfügt er über den härtesten Wurf aller Handballprofis. Zumindest hat Sky das letztes Jahr so gemessen. Aufmerksamkeit oder gar Lobeshymnen will Weber mit diesem Titel aber nicht auf sich ziehen. Das ist gar nicht sein Ding. Und außerdem: "Roberto Carlos schoss viel schärfer. Ich glaube über 140 Stundenkilometer."

Ein bischen wie Hendrik Pekeler

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Die Bescheidenheit nimmt man ihm ab. Dabei kann die Mainzer Frohnatur mit einer Körperlänge von exakt 200 Zentimetern gar nicht so leicht abtauchen. Erst recht nicht in Tagen der WM. Der neue HSC-Rückraumspieler sieht seinem weitaus prominenteren Profikollegen Hendrik Pekeler aus dem DHB-Team zum Verwechseln ähnlich. "Ja, das stimmt. Ich bin schon öfters mit Peke verglichen worden."

Egal ob auf Plakaten, oder von einer Freundin seines Bruders und erst recht als er sich als Banane im Fasching verkleidete! "Nicht Fasching, sondern Fastnacht!" Darauf legt er augenzwinkernd wert.

72 Kilo auf 200 Zentimeter

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In seinem Job als Profi-Handballer kommt ihm seine Größe zupass. An seinem Gewicht musste der Jura-Student dagegen hart arbeiten. 72 Kilo auf zwei Meter verteilt waren nämlich alles andere als optimal für einen Rückraumspieler. Richtige Ernährung spielt für ihn eine wichtige Rolle: "Ich vermeide möglichst Zucker und Schweinefleisch und esse wenig Weißmehl. Dafür viel Gemüse, Quark und Früchte." Deshalb fühlt sich der 26-Jährige wohl und wiegt inzwischen stolze 16 Kilogramm mehr. Er kann es jetzt gegen die besten Abwehrspieler aufnehmen.

Handball spielt Weber schon seit seinem vierten Lebensjahr. Schon als Dreikäsehoch trainierte er in der E-Jugend dreimal pro Woche und zusätzlich noch dreimal mit den D-Jugendlichen. Der Sport bestimmt seit gut 20 Jahren sein Leben.

Grundstein Jura-Studium

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Was ihn aber nicht davon abhält, den Blick über das Handballfeld hinaus zu lenken. "Als Richter oder Notar sehe ich mich nicht. Vielleicht eröffne ich später aber mal eine Wald-und-Wiesen-Kanzlei. Quasi ein Anwalt für die kleinen Leute."

Parallel zum Profi-Handball legt er derzeit mit einem Jura-Studium den Grundstein für die berufliche Betätigung nach der Karriere. Gut möglich, dass der begeisterte Playstation-Zocker - aktuell Red Dead Redemption 2, früher vor allem auch Fortnite und FIFA - dann mit einer Gymnasiallehrerin verheiratet ist. Wenn er von seiner Fernbeziehung mit Freundin Lea schwärmt, erinnern seine Worte an die ganz große Liebe.

Bedürfnis nach Harmonie

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Überhaupt ist der vom Erstligisten SG BBM Bietigheim gekommene Kanonier ein sehr harmoniebedürftiger Mensch. Familie ist ihm wichtig. Sehr wichtig. Bei der Entscheidung, im Januar 2019 in die Vestestadt zu wechseln, hatten Vater, Mutter und das jüngere Zwillings-Geschwisterpaar durchaus ein Mitspracherecht: "Da wurden alle mit einbezogen." Die Eltern haben sofort ein Hotel in Coburg gebucht und sitzen beim ersten Heimspiel auf der Tribüne in der HUK-Arena.

Stolz ist Patrick ganz besonders auf seine hübsche, selbstbewusste Schwester. "Das hör' ich immer wieder. Da ist wohl was dran." Vanessa spielt derzeit in der 3. Liga Handball. Und natürlich auf den ebenso zwei Jahre jüngeren Bruder Julian. Der ist Speerwerfer beim USC Mainz und gehört in seiner Sportart zur Weltelite. Hat also auch eine gehörige Portion Muckis im Arm.

So weit hat es Patrick im Handball noch nicht gebracht. Mit dem HSC will er den nächsten Schritt in diese Richtung machen. Zuletzt war bei ihm in Bietigheim etwas der Wurm drin. Sein ehrgeiziger Plan ging nach dem Abgang bei den Friesenheimer "Eulen", die auch dank seiner vielen Buden in die 1. Liga aufstiegen und sich dort mit einem bärenstarken Weber im Rückraum im ersten Jahr auch hielten, nicht auf. Eine Verletzung an der Bandscheibe handicapte den Draufgänger entscheidend: "Aber jetzt will ich endlich wieder zeigen, was ich wirklich kann." Auch ob dieser Einstellung hat ihn Coburgs Trainer Jan Gorr ins Frankenland gelockt. Erst einmal für ein halbes Jahr - Zukunft offen.

Im Go-Kart gegen Flo und Timm

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Jetzt genießt er erst einmal die Gegenwart. Trotz oder gerade wegen des Weichei-Erlebnisses an der Bratwurstbude gefällt es ihm in Coburg. Egal ob es Spaziergänge vom Albertsplatz zum Stadtcafe sind, ein WM-Abend mit Christoph Neuhold in der Wohnzimmer-Bar oder ein Wettrennen im Go-Kart mit Florian Billek und Marcel Timm: "Hier macht es Spaß".

Patrick Weber ist immer auch an anderen Sportarten als nur an seiner eigenen interessiert. Wie George H. W. Bush, Peter der Große oder Jürgen von der Lippe ist Weber im Sternkreiszeichen Zwilling geboren. Die gelten bekanntlich als sehr kommunikativ und gesellig, als neugierig und geistig sehr rege. Weber schwärmt darüber hinaus als Mainzer natürlich vom FSV 05, von Jürgen Klopp und Thomas Tuchel. Er mag Basketball, die Philadelphia 76ers und vor allem gefällt ihm Dirk Nowitzki.

Dirk Nowitzki und Tom Brady

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Aber noch mehr Sympathien hegt er für die amerikanische Football-Liga und da ganz speziell für Tom Brady. Der 42-jährige Superstar der Patriots hat ein Buch geschrieben, in dem er das Geheimnis seines anhaltenden Erfolges beschreibt. Aus dieser Bett-Lektüre zieht Weber Kraft. Der Super Bowl am Sonntag ist Pflicht. Klar, für wen Weber seine langen Daumen in der Nacht zum Montag drückt.

Der Mann aus dem linken Rückraum schaut sich prinzipiell aber auch die eigenen Spiele auf Video an, egal ob sie gewonnen oder verloren wurden. Es sei nämlich verdammt wichtig zu sehen, was gut und was schlecht war. "Nur so kann ich Fehler abstellen und mich verbessern."

Der Hobby-Golfer - "Ich weiß schon, wo in Tambach der Golfplatz ist" - analysiert dabei genau Bewegungen seiner Gegner, um sich besser auf harte Abwehraktionen einzustellen, schließlich ist Weber kein Weichei und will ab sofort regelmäßig für den HSC einlochen...