"Hallo, ich bin Timo Werberich, fünf Jahre alt und habe Glasknochen." So stellte sich der damals Fünfjährige bei einer Reinigungskraft in der Pestalozzischule vor. Rektorin Karina Kräußlein-Leib, die ihm die Schule zeigte, hat die Offenheit und das Selbstbewusstsein des Jungen schwer beeindruckt.
Timo als Gastschüler aufzunehmen, war für sie eine Selbstverständlichkeit - und das, obwohl die Pestalozzischule keine Inklusionsschule ist und bisher erst drei Kinder im Rollstuhl unterrichtet wurden. Der offene Umgang mit der Behinderung - sowohl von Seiten des Kindes als auch der Eltern - sei eine große Bereicherung für die Schule, betont die Rektorin.


Die richtige Einstellung

"Für Inklusion braucht man kein Siegel, sondern die richtige Einstellung." Davon ist auch Mutter Doris Werberich überzeugt und hält auch gleich ein leidenschaftliches Plädoyer über das menschenfreundliche Klima, das an der Pestalozzischule herrscht.
Timo ist ein Kind wie jedes andere - mit Stärken und Schwächen. Für seine Eltern stand von Anfang an fest, dass ihr Sohn eine herkömmliche Grundschule besuchen wird - keine Förder- schule. Doris Werberich betont, dass Inklusion ein Menschenrecht ist. Ausgrenzung ist ihr Zuwider. Und sie ist fest davon überzeugt, dass Timo eine Bereicherung für die Klasse ist - aber nicht nur wegen des Sozialverhaltens und der Rücksichtnahme, die die Kindern lernen, sondern auch, weil Timo Stärken hat, von denen ein anderes Kind profitieren kann.
Timos Mitschüler bringen das Thema im Ethikunterricht auf den Punkt. Auf die Frage, was Anderssein bedeutet, meint ein Mädchen gleich als erste: Jedes Kind ist anders. "Damit hatten die Kinder gleich zu Anfang erkannt und benannt, was im Gespräch erarbeitet werden sollte," sagt Kerstin Krampe-Hanstein, die Klassenlehrerin. Die Kinder hatten das Fazit der Diskussionsrunde vorweg genommen. 17 Kinder sitzen in der Klasse 1c - bunt gemischt, mit und ohne Migrationshintergrund, mit Behinderung und Lernschwäche.


Keine Illusion

"Für uns sind Glasknochen normal", sagt Doris Werberich. Alle Menschen haben unterschiedliche Voraussetzungen. Deshalb ist für Timos Mutter Inklusion keine Illusion. Damit gute Bedingungen für inklusive Bildung geschaffen werden, brauche es jedoch Anstrengungen und finanzielle, räumliche, sächliche und personelle Ressourcen. "Und wenn das ein oder andere fehlt, lassen sich pragmatische Zwischenlösungen finden", ist sie überzeugt. Es gelte zu improvisieren, denn auf paradiesische Zustände zu warten, heiße inklusive Bildung aufzuschieben. Die Pestalozzischule ist für Doris Werberich ein gutes Beispiel, wie Inklusion gelingen kann.
Mit seinen 76 Zentimetern Körpergröße sitzt Timo in einem der kleinsten Rollis Deutschlands und er meldet sich brav, weil er auch etwas dazu sagen möchte: "Für mich sind die vielen Kinder um mich herum, die alle laufen können, gut. Ich kann mir nicht vorstellen auf eine Sonderschule zu gehen - auch, wenn ich manchmal traurig bin, auf dem Pausenhof nicht mitrennen zu können."


Playmobil als Ersatzmann

Für das beliebte Klassenspiel 1,2,3, bei dem die Lehrerin die Kinder auffordert, auf die Stühle zu klettern, unter dem Tisch zu sitzen oder am Boden zu schwimmen, hat sich Kerstin Krampe-Hanstein etwas Tolles für Timo ausgedacht: "Eine kleine Playmobilfigur ist mein Stellvertreter", lacht der Junge und lässt die Plastikfigur auf dem Tisch sitzen oder auf dem Stühlchen turnen.
Im kommenden Schuljahr wird noch ein weiteres gehbehindertes Kind im Rollstuhl aufgenommen. Darauf freut sich Timo sehr. Die Erfahrungen, die Kerstin Krampe-Hanstein und Karina Kräußlein-Leib mit Timo und seinen Mitschülern gemacht haben, ermutigen sie. Auch die Stadt als Bildungspartner hat gut mitgezogen und für Timo einen extra niedrigen Tisch angeschafft.
Eine Schulassistenz ist während der gesamten Dauer des Unterrichts und der Mittagsbetreuung an der Seite von Timo. "Allein wäre das nicht zu schaffen", sagt die Klassenleiterin. Aber mit Unterstützung klappt es richtig gut. Beim Mobilen Sonderpädagogischen Dienst (MSD) lernt er beispielsweise Tastenschreiben, weil es ihm leichter fällt als mit dem Stift beim Schreiben fest aufzudrücken.
Und außerdem ist da ja noch Arthur, der große, beste Freund von Timo. Er kümmert sich rührend. Man spürt richtig, wie Arthur das Herz aufgeht, wenn er mit Timo zusammen ist. Das hat nichts mit Inklusion zu tun. Das nennt man Freundschaft.

Glasknochen - was bedeutet das eigentlich?