Mit dem Schicksal hadern, das ist nicht ihre Sache. Monika Lausmann ist ein lebenslustiger Mensch geblieben, selbstbewusst und offen. Dabei hätte sie immer wieder allen Grund gehabt zu verzweifeln.

Sie war erst 17 Jahre alt und glücklich verliebt, als ihr Freund auf regennasser Fahrbahn einen Unfall hatte. Als einzige der vier Insassen wurde sie aus dem Fahrzeug geschleudert und blieb regungslos in der Wiese liegen. Ihre Beine spürte sie nicht mehr. Schon am nächsten Morgen in der Klinik war die Diagnose klar: Monika wird ab dem 8. Brustwirbel abwärts gelähmt sein und nie mehr laufen können. "Ich war die erste Patientin mit Querschnittslähmung im Coburger Krankenhaus", erinnert sich die heute 61-Jährige.
Noch vor wenigen Tagen hatte sie als Laborantin im Krankenhaus gearbeitet, strebte eine Ausbildung zur medizinisch-technischen Assistentin an und jetzt lag sie hilflos im Bett und durfte keinen Besuch empfangen.

Wie unter einer Käseglocke

"Irgendwie war ich wie unter einer Käseglocke", erzählt Monika Lausmann. "Ich hatte jeden Abend heimlich Besuch von meinen Freunden. Die kamen durchs Fenster und brachten mir Bratwurst und Schaschlik." Freunde und Familie scharten sich um das Mädchen, "ich hatte gar keine Zeit, in ein schwarzes Loch zu fallen."

"Gab es da keine Berührungsängste?", will Sabine Heisig wissen. Die zweite Vorsitzende des Vereins Hippo-Mobil möchte das Thema Inklusion greifbar machen und sucht deshalb in Zusammenarbeit mit dem Tageblatt Gespräche mit Menschen mit Behinderung. Die ganz selbstverständliche Teilhabe am Leben ist es, die sie Menschen mit einem Handicap wünscht. "Dazu müssen aber noch viele Barrieren in der Bürokratie und in den Köpfen abgebaut werden", sagt Sabine Heisig.

Keine Berührungsängste

Doch zurück zu den Berührungsängsten. Monika Lausmann hat da eine ganz besondere Geschichte zu erzählen. Es war kurz nachdem sie nach den Krankenhausaufenthalten wieder daheim in Ahorn lebte. Ihr kleiner Bruder schob sie im Rollstuhl spazieren, als sie vor der Disco kurz anhielten. Da kam eine Gruppe Jungs raus und einer fragte, ob Monika nicht ein bisschen mit reinkommen wollte. Und weil sie Lust hatte, schnappte er sie und trug sie auf Armen in die Disco. In der neuen Clique, die sie sofort integrierte und ganz selbstverständlich aufnahm, lernte sie ihren Mann Hans kennen. Das war nur ein halbes Jahr nach ihrem Unfall.

"Mein Leben nahm seinen ganz normalen Lauf", sagt Monika Lausmann rückblickend. Irgendwie fügte sich alles. Sie machte eine Umschulung zur Verwaltungsangestellten. "Es gab immer eine Reihe von Menschen um mich herum, mit denen ich Spaß hatte. Ich fühlte mich nie ausgegrenzt." Das Wort "Inklusion" kannte sie nicht.
Im Arbeitsamt Coburg arbeitete sie schließlich beim psychologischen Dienst. 1972 heiratete sie im weißen Kleid - von der Mutter genäht. Für ihren Hans spielte die Behinderung keine Rolle. Er liebt sie so, wie sie ist.

Schmerzfreie Geburt

Ein Jahr später kam Tochter Sandra auf die Welt. "Übrigens, so gut wie schmerzfrei", lacht Monika Lausmann. Das muss man sich wohl in etwa vorstellen, wie eine Geburt mit Periduralanästhesie (PDA). Alles war gut. Zusammen mit ihrem Mann führten die Lausmanns ein ganz normales Familienleben in Ahorn. Monika Lausmann konnte Auto fahren, und wenn sie Hilfe brauchte, "bekam ich immer welche." Das betraf auch die Krankenkassen. Die Zusammenarbeit war gut. "Ja, das muss ich sagen, heutzutage ist es viel schwieriger geworden. Die Kassen machen hohe Auflagen", stellt Monika Lausmann fest.

Ein behindertengerechtes Auto können sich die Lausmanns nicht mehr leisten. Die Umrüstung käme viel zu teuer. Auch ihren Rollstuhl habe ihr Mann schon mehrfach selbst repariert. Erst, als es richtig gefährlich wurde, habe sie einen neuen bekommen. "Solange ich noch gearbeitet habe, bekam ich Zuschüsse für die Umrüstung des Autos. Doch seit ich in Rente bin, ist das weggefallen", bedauert Monika Lausmann, die mit zunehmendem Alter mit ihrem Körper "unzufrieden ist". Ihr fehlt oft die Kraft in den Armen und vieles geht einfach schwerfälliger von der Hand.

Autofahren geht nicht mehr

Wenn Monika Lausmann in die Stadt will, fährt sie mit dem Bus. Einziges Problem: Der letzte fährt zwischen 19 und 20 Uhr. Da bleibt nicht viel Spielraum für Kino, Theater oder auch mal schön essen gehen.

Gut, dass Tochter Sandra mit Enkeltochter Stella wieder daheim eingezogen ist. Mutter und Tochter sind ein gutes Team. Denn eins muss noch gesagt werden: Was mit Sehstörungen in der Schule bei Sandra begann, entpuppte sich als langsame Netzhautablösung. Und durch die Schwangerschaft erblindete Sandra schließlich ganz. "Ich bin Muttis Beine und sie ist mein Auge", sagt Sandra und lacht dabei ganz offen.

Die Lausmanns haben sich arrangiert. Sie wissen, was es heißt, behindert zu sein, doch eine große Sache machen sie daraus nicht. Inklusion hin oder her. Früher wie heute. Es sind die kleinen Dinge, die Monika Lausmann vermisst: Einmal mit nackten Füßen durch die feuchte Wiese laufen und den Tau zwischen den Zehen spüren. Das wünscht sie sich. Und tanzen, ja tanzen würde sie schon gerne mal wieder.