Coburg"Es ist alles Mist!" Mit diesem Satz von Andreas Hinterseher beginnt im "Leise am Markt" die Vorbereitung des zweiten Streaming-Adventskonzerts der vielleicht bekanntesten Weltmusikband Deutschlands: Quadro Nuevo. Pünktlich zum Nikolaustag wird das Konzert von Coburg aus in die ganze Welt übertragen.

Dieser Satz bleibt so natürlich nicht stehen, sondern löst sich in Gelächter und motivierenden Kommentaren auf, bevor die Arbeit beginnt. Genau diese Ambivalenz zwischen Fluchen und Freude, zwischen Spaß und Frust ist ein steter Begleiter für die Künstler und Veranstalter in diesem Corona-Jahr. Und nach Arbeit fühlt sich das, was in den nächsten Stunden passiert, für alle Beteiligten auch an. Viel mehr als sonst, wenn sie auf der Bühne stehen. Es fehlt nämlich das entscheidende Element, was Konzerten ihren Sinn gibt und den Künstlern Spaß bereitet: das Publikum.

"Livestream" heißt das neue Konzertformat der Corona-Pandemie. Ganze Festivals und Opernproduktionen finden virtuell statt. Große und kleine Stars laden ihr Publikum in ihre Wohnzimmer ein, um sich mit ihnen zu verbinden. Gestreamt wird je nach Kosten und Möglichkeiten mit Dutzenden Kameras oder auch nur mit einem Handy. Meistens für alle Zuschauer gratis, selten gegen eine Gebühr. Das Konzerterlebnis ist für alle Beteiligten ein komplett anderes. Denn online wird Kunst völlig anders "konsumiert", eher nebenbei, anstatt mit allen Sinnen einzutauchen. Das wissen gerade erfahrene Streamer wie die Musiker von Quadro Nuevo. Sie empfinden die Konzerte als viel flüchtiger - und dennoch ungleich anspruchsvoller. Denn sie konkurrieren im Kampf um Aufmerksamkeit mit Künstlern auf der ganzen Welt.

Zeichen der Hoffnung im Advent

Trotzdem: Gar nicht mehr zu spielen ist keine Option. Weder für die Musiker noch für viele Veranstalter. Zum einen brauchen sie es in diesen schwierigen Zeiten, um zu (über-)leben. Zum anderen wollen sie ein Zeichen der Hoffnung setzen, gerade im Advent. Eine Zeit voller Konzerte, Begegnungen, Freude, Besinnlichkeit, zumindest normalerweise. Doch in diesem Jahr ist auch in der Adventszeit alles anders.

Konzerte, wie das von Quadro Nuevo, helfen, in der Weihnachtszeit ein wenig Normalität herzustellen. Und so ist es den Musikern von Quadro Nuevo auch dieses Jahr ein tiefes Bedürfnis, neben Tangos und Reise-Songs auch eine sehr persönliche Auswahl an Weihnachtsliedern zu spielen. Dazu gehören bekannte, aber auch seltene Songs aus verschiedenen Jahrhunderten und Ländern, die sie in ihrem Stil interpretieren. "Wir möchten diesem Jahr, in dem sich die Menschen mehr denn je nach Trost und Liebe sehnen, einen Ausdruck verleihen", sagt Bandleader Mulo Francel.

Auch ohne Publikum, oder gerade deswegen, sind die Musiker aufgeregt. Denn im Netz werden Längen und Langeweile nicht verziehen. Jeder Fehler, jeder falsche Ton, bleibt für immer im Internet erhalten. Also muss man sich besonders anstrengen, besonders kreativ sein, sonst wird man "weggeklickt". Mit aufwendig produzierten Einspielern beziehen sie das fehlende Publikum dramaturgisch ein und vermitteln ein Gefühl der Identität des Ortes.

Und auch der globale Charakter der Livestream-Konzerte hat selbstverständlich Vorteile. So erreicht man eine Publikumsbreite und -weite, wie es bei kaum einem anderen Festival oder Großevent jeweils möglich wäre. Denn dank Newslettern, Facebook und Instagram verbreiten sich diese neuen Konzertformate tausend- bis millionenfach. Das weltweite Publikum hat nun die Möglichkeit, seine Bewunderung via Livechat anstatt durch Applaus mitzuteilen. "Die Streaming-Konzerte haben sich anfangs sehr seltsam angefühlt", erzählt der junge Gitarrist Philipp Shiepek, der als Special Guest beim Coburger Stream dabei ist. Inzwischen aber freue er sich, dass seine Eltern bei jedem seiner Konzerte "dabei" sein können.

Ob bei den ungewohnten Online-Konzerten die positiven oder negativen Seiten überwiegen, wird nur die Zeit zeigen können. Vielleicht ist die Antwort auf diese Frage auch gar nicht so wichtig. Denn eines steht nun mal fest: In diesen herausfordernden Zeiten sind die Livestreams die einzige Möglichkeit, Konzerte stattfinden zu lassen, eine Verbindung zwischen Publikum und Künstlern zu erzeugen und so die Sehnsucht nach Kulturgenuss zu stillen, den wir alle bald wieder gemeinsam und persönlich erleben können. Das ist die Hoffnung.

So geht's zum Konzert:

Online Wer das Coburger Streaming-Konzert von Quadro Nuevo am 6. Dezember, 18 Uhr, im "Leise am Markt" erleben möchte, geht auf https://www.leise-am-markt.de/ oder direkt über Quadro Nuevo auf YouTube.

Besetzung Mulo Francel (Saxophon, Klarinette), Andreas Hinterseher (Akkordeon, Bandoneon), Didi Lowka (Bass, Percussion) und Philipp Schiepek (Gitarre)