Was tun, wenn die Schüler mitten im Schuljahr sprichwörtlich vom Himmel fallen? Genau so empfinden viele Coburger Schulleiter und Lehrer die derzeitige Situation. Seit Monaten müssen sie sich verstärkt der Herausforderung stellen, Hunderte zusätzlicher Schüler in ihren Unterricht zu integrieren. Das vom Tageblatt initiierte Klartext-Forum stellte deshalb am Donnerstag die Frage "Flüchtlinge in der Schule. Wie geht's weiter?" zur Diskussion. Auf dem Podium in der Aula des Gymnasiums Alexandrinum: Vertreter der Coburger Schulen, des Staatlichen Schulamts und Georg Eisenreich, Staatssekretär im Staatsministerium für Bildung und Kultur, Wissenschaft und Kunst.


Schüler "fallen vom Himmel"

425 schulpflichtige Flüchtlingskinder und -jugendliche leben derzeit im Kreis Coburg - 178 in der Stadt, 247 im Landkreis, so berichtete Schulamtsdirektor Werner Löffler vom Staatlichen Schulamt. Das gleiche Verhältnis - 40 zu 60 - gilt auch für die Aufteilung auf Grundschulen (185) und Mittelschulen (240).
156 der 240 Mittelschüler besuchen acht Übergangsklassen. Von vier solchen Klassen in der Stadt Coburg hat die Rückertschule mit aktuell 74 Flüchtlingskindern den größten Anteil. Im Landkreis sind die Schulstandorte Ebersdorf (28), Neustadt/Am Moos, Rödental/Oeslau und Seßlach.
An der Mittelschule Am Lauterberg wird außerdem der "Mittwochskurs" angeboten. Hier werden 19 Mittelschüler von erfahrenen Lehrern intensiv in Deutsch unterrichtet. "Das läuft im dritten Jahr sehr erfolgreich", sagte Löffler. "Wir waren auch schon bei 50 Schülern."


Kaum zu bewältigen

An den beiden Coburger Berufsschulen, die ebenfalls Flüchtlinge unterrichten, ist die Lage noch angespannter. Derzeit müssten 162 Schüler aus dem Stadtgebiet und bis zu 110 aus dem Landkreis unterrichtet werden. "Wir müssten also insgesamt 272 Schüler versorgen. Das können wir nicht schaffen", sagte Schulleiter Rolf Sander.
"Momentan können wir in den Vorklassen nur 80 Leute aufnehmen." Das Hauptproblem: Die unterschiedliche Vorbildung und der Kenntnisstand in der deutschen Sprache. "Einige fangen bei Null an, andere könnte man schon ans Gymnasium oder die Realschule schicken", erläuterte Sander. Gemeinsam habe man sich fürs nächste Schuljahr ein "halbwegs funktionales System" überlegt: Alle Flüchtlinge, Grundschüler ausgenommen, sollen zum Test eingeladen werden. Je nach Bildungsstand im Schreiben, Lesen, Rechnen und im Bereich Sozialkompetenz können sie hinterher in vier bis sechs Gruppen eingeteilt werden.
Sander hatte dann auch gleich einen Vorschlag für den Schulleiter des Alexandrinums, Herbert Brunner: "Wir machen sechs Gruppen, Sie suchen sich eine aus und beschulen die am Gymnasium mit dem entsprechenden Budget."
Ein generelles Prüfungssystem für alle jungen Flüchtlinge, wie es Tageblatt-Redakteurin Christiane Lehmann ins Gespräch brachte, hielt Staatssekretär Eisenreich zwar grundsätzlich für sinnvoll, der richtige Ort dafür blieben aber die Schulen. "Dazu brauchen wir Kompetenzen vor Ort. Das können wir nicht in Übergangslagern machen."
Gregor Malinowski, der die Übergangsklassen an der Rückertschule betreut, pflichtete ihm in diesem Punkt bei. "Wir erleben die Schüler jeden Tag und sehen, ob jemand große Begabung hat oder mehr Zeit braucht."


Die Jüngeren haben's leichter

Je jünger die Schüler sind, desto einfacher sei es für sie, dem deutschen Unterricht zu folgen, brachte es Jasmin Müller-Alefeld, Rektorin der Grundschule Neuses, auf den Punkt. In der ersten Klasse lernten alle Kinder gemeinsam, die Buchstaben zu schreiben. Sie habe zwei Flüchtlingskinder in der 1. Klasse, "die haben fast schon den Anschluss". Damit es auch in der 2. bis 4. Klasse klappt, helfen "Mentor"-Sprachpaten. Sie hospitieren im Unterricht und können bei Bedarf mit den Kindern in einem extra Raum individuell üben. In Neuses stehen insgesamt acht Sprachpaten zur Verfügung.
Die Gymnasien beschulten den geringsten Teil der Flüchtlingskinder, berichtete Schulleiter Brunner. Seine Schule bekomme Flüchtlingskinder eher durch "glückliche Zufälle", bei denen er auf die "diagnostischen Fähigkeiten" seiner Kollegen angewiesen sei. Gregor Malinowski etwa, brachte im vergangenen Jahr gleich drei Schülerinnen zum Alexandrinum, die unbedingt "arbeiten und sich engagieren" wollten.
Problemlos ist das auch für die Gymnasien nicht zu bewältigen. "Uns trifft das in Bezug auf mehr Lehrer und mehr Stunden auch völlig unvorbereitet", betonte Brunner. Ein Budget, selbst ein kleines, wäre seiner Ansicht nach für die Gymnasien schon hilfreich. Das gab er auch dem Staatssekretär auf einem "Hausaufgabenzettel" mit, den am Ende der Veranstaltung jeder Diskussionsteilnehmer befüllen durfte.


Deutsch als Fremdsprache

Ganz oben steht da auch das Stichwort Ausbildung. Deutschlehrer gibt es sicher ausreichend, doch die wenigsten der "ausgelernten" Lehrer haben die Qualifikation, Deutsch als Fremdsprache unterrichten zu können. "Für Lehrer, die das Studium schon abgeschlossen haben, ist das Fortbildung", sagte der Staatssekretär. Wer jetzt studiere, könne aber gleich als Erweiterungsfach "Didaktik des Deutschen als Zweitsprache" studieren.
Dass durchaus Lehrer verfügbar sind, die auch den Willen zur Fortbildung mitbringen, schilderte eine junge Frau, die derzeit als Referendarin am Alexandrinum unterrichtet. Das Problem: "Stellen sind nicht vorhanden!" Ihr Vorschlag: Einen Teil dieser Lehrkräfte in eine Sondermaßnahme nehmen, damit sie Flüchtlinge ausbilden können. "Wir haben sehr viele top ausgebildete Lehrkräfte in Bayern", rief sie dem Staatssekretär zu. "Und wir sind absolut bereit, Deutsch als Fremdsprache dazu zu lernen."


Zehn Millionen Euro stehen bereit

Solche Sondermaßnahmen gebe es bereits, betonte Eisenreich. Gymnasiallehrern werde angeboten, sich an Mittelschulen oder Berufsschulen anstellen zu lassen. Dies bedeutet aber, dass selbst fertig ausgebildete Gymnasiallehrer noch einmal zwei Jahre Referendariat zusätzlich anhängen müssen, ehe sie eine Planstelle erhalten können.
Einen echten "Finanztipp" hatte der Staatssekretär dann auch noch für die Coburger dabei: "Wir haben einen Topf mit zehn Millionen Euro." Dieses Geld sei ganz flexibel einsetzbar, für Maßnahmen, für die noch keine bestimmten Strukturen vorgegeben sind. Eisenreich: "Bisher wurde noch nicht viel davon abgerufen. Also stellen Sie bitte Anträge!"



"Hausaufgaben" für Georg Eisenreich

Gymnasien sollten ein kleines Budget in den Fachbereichen Deutsch und Englisch bekommen. Außerdem muss die Ausbildung im Fach Deutsch als Fremdsprache gefördert werden. (Herbert Brunner)

Bitte genügend Gelder für Lehrkräfte zur Verfügung stellen, aber auch für die Verwaltung, denn der Aufwand dort ist sehr hoch (Rolf Sander).

Die freien Lehrpläne für Flüchtlingsklassen bitte aufrecht erhalten. Einen verbindlichen Lehrplan halten wir für bedenklich, weil es die Möglichkeiten einschränkt. (Rolf Sander)

Wir müssen gut aufpassen, dass wir die Balance halten zwischen Schülern, die Förderbedarf haben, und den Flüchtlingsgruppen. (Werner Löffler)

Die zusätzlichen, sehr wertvollen Lehrerstunden bitte weiterhin zur Verfügung stellen.
(Jasmin Müller-Alefeld)

Förderbedarf besteht auch über die Übergangsklasse hinaus. Ich plädiere dafür, dass in der Lehrerausbildung Gitarrenunterricht verpflichtend ist. (Gregor Malinowski)



Auf dem Podium diskutierten miteinander:

Georg Eisenreich, Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultur, Wissenschaft und Kunst.
Hausherr Herbert Brunner, Direktor des Gymnasiums Alexandrinum.
Gregor Malinowski, Lehrer an der Rückertschule Coburg.
Jasmin Müller-Alefeld, Schulleiterin an der Grundschule Neuses.
Rolf Sander, stellvertretender Schulleiter Berufliches Schulzentrum Coburg.
Schulamtsdirektor Werner Löffler, Staatliches Schulamt.