Wie gut passen Unterhaltung und Tiefgang zusammen? Diese Frage stellt sich beim Blick auf die Eröffnungspremiere des Landestheaters mit dem Musical "Next to Normal" ("Fast Normal"). Schauspieldirektor Matthias Straub inszeniert das mit Preisen bedachte Stück um eine "fast normale" Familie am Rande des Nervenzusammenbruchs. Im Interview gewährt der Regisseur Einblick in den Probenprozess unter Corona-Bedingungen.

Als Eröffnungs-Premiere im Großen Haus präsentiert das Landestheater ein in Deutschland wenig bekanntes Musical mit dem Titel "Next to Normal". Was hat den Ausschlag gegeben für die Wahl dieses Stückes? Der Titel, der in deutscher Übersetzung "Fast normal" bedeutet?

Matthias Straub: Ausschlag gegeben hat in erster Linie die Qualität des Werkes - und zwar in jeglicher Hinsicht. Die Musik ist in ihrer Vielfalt hervorragend komponiert und instrumentiert, und Tom Kitt hat zu Recht Tony Awards dafür erhalten. Das Buch von Brian Yorkey wurde mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet, was ich aus der Sicht auf die schauspielerischen Herausforderungen natürlich super spannend finde. Und all diese Vorschusslorbeeren lösen sich auf den Proben zu hundert Prozent ein. Es ist ein anspruchsvolles Kammerspiel mit viel psychologischem Unterbau, also ein Fressen für singende Schauspielerinnen oder sehr gut spielende Sänger, wie man will. Deshalb gehört dieses Musical auf die Bühne und wird das Coburger Publikum und sicherlich auch Menschen weit über die Stadtgrenzen hinaus in seinen Bann ziehen.

Auf Eröffnungs-Premieren lastet immer ein hoher Erwartungsdruck - in diesem Jahr ganz besonders nach dem langen Lockdown und angesichts der Tatsache, dass dies die letzte Spielzeit im Großen Haus vor Beginn der Generalsanierung ist. Wie gehen Sie als Regisseur ganz persönlich diesem Erwartungsdruck um?

Gerade nach dem Lockdown wird das Theater neu um Anerkennung in der Gesellschaft und die Gunst des Publikums kämpfen müssen. Das erhöht natürlich den Erwartungsdruck. Gleichzeitig gibt es diesen Druck bei jeder Premiere, ob zur Eröffnung oder im Lauf einer Spielzeit. Das Theater sollte mit jeder Premiere gerade in dieser Saison immer wieder neu punkten, um allen Kritikern zum Trotz zu beweisen, wie kreativ, vielfältig und wichtig unser Landestheater in Coburg ist. Auf die leichte Schulter nimmt das im Haus niemand, denn dieser Verantwortung sind sich alle Mitarbeiter bewusst. Ich gehe einmal in der Woche Fußball spielen, da lasse ich den ganzen Druck raus - zum Leidwesen meiner Mitspieler.

In zwei Sätzen zusammengefasst für jene Theaterfans, die dieses Musical nicht kennen: Worum geht es in "Next to Normal"?

Wir erleben eine "fast normale" mittelständische amerikanische Familie, deren Alltag dadurch bestimmt wird, dass bei der Mutter eine bipolare Störung diagnostiziert wurde. Ausgelöst wurde diese Störung maßgeblich durch ein traumatisches Erlebnis, von dem ich hier aber nicht zu viel verraten will, da es im Stück für einige Wendungen sorgt, die unsere Wahrnehmung ein bisschen auf den Kopf stellen. Also eine "fast normale" Familie am Rande des Nervenzusammenbruchs. Und diese Stimmungsschwankungen verlangen der Musik eine enorme Bandbreite ab, weshalb wir uns zwischen rockigen oder countryartigen Klängen und romantisch schwebenden lyrischen Momenten bewegen. Daher ist die Besetzung der Band mit Rhythmusgruppe sowie Violine und Cello sehr spannend und vielseitig.

Sie gelten in Coburg als Regisseur für die Blockbuster-Produktionen. Wie soll aus diesem Stück ein Blockbuster für Coburg werden?

Theater hat ja einen Bildungsauftrag. Dazu gehört aus meiner Sicht in hohem Maße auch die Menschen- oder Seelenbildung. An diesem Theaterabend wird das Publikum in erster Linie emotional abgeholt. Inhaltlich wirkt es zunächst befremdlich, aber es steht "Musical" drauf und es ist auch "Musical" drin. Das Thema wird humorvoll, lebendig und absolut nachvollziehbar behandelt. In dieser Hinsicht ziehe ich den Hut vor den Herren Autoren und Komponisten. Ich glaube, dass die Wirkung des Theaterabends der eines sentimentalen Kinofilms sehr nahe kommt. Das erlebt man in dieser Form wirklich nur bei einem Musical mit Anspruch und Raffinesse. Ich bin Fan!

Bei allen Lockerungen: Noch immer gelten Corona-Auflagen - auch hinter den Kulissen. Wie ist der Probenprozess unter diesen Vorzeichen verlaufen?

Auch dieser Aspekt war ein Argument für die Auswahl des Stoffes. Die Besetzung ist mit sechs Darstellerinnen und Darstellern und sechs Musikerinnen und Musikern so überschaubar gehalten, dass es ohne Probleme möglich war, Abstände auf der Bühne einzuhalten und die Hygieneanforderungen zu berücksichtigen. Und inzwischen sind wir ehrlich gesagt dran gewöhnt. Aber seit September lockern sich die Hygienebestimmungen, so dass wir wohl bald auf diese Rücksichtnahme verzichten können. Hoffen wir zumindest. Immer noch schielen wir täglich nach den Zahlen und Richtlinien. Das nervt, ist aber nicht zu ändern.

So startet das Landestheater Coburg in die neue Saison

"Next To normal" (Fast normal), Musik von Tom Kitt, Buch und Gesangstexte von Brian Yorkey, Deutsch von Titus Hoffmann - Samstag, 2. Oktober, 19.30 Uhr, Landestheater Coburg. - Weitere Termine 7., 16., 24. Oktober, 19.30 Uhr

Darsteller Gabe: Benjamin Hübner

Natalie: Lilian Prent

Henry: Lean Fargel

Doktor Madden, Doktor Fine:

Florian Graf

Diana: Kerstin Ibald

Dan: Christian Alexander Müller

Produktionsteam

Musikalische Leitung Roland Fister

Inszenierung Matthias Straub

Bühne Till Kuhnert

Kostüme Carola Volles

Sound Matthias Schuster

Choreografie Daniel Cîmpean

Dramaturgie Fabian Appelshäuser

Tickets Dank aktualisierter Coronabestimmungen sind neue Kartenkontingente für Aufführungen im Landestheater freigegeben. Dazu ist ein 3G-Nachweis am Einlass sowie das Tragen einer Maske beim Besuch der Veranstaltungen notwendig. Weitere Informationen online unter www.landestheater-coburg.de und an der Theaterkasse telefonisch 09561/898989 (per Mail: theaterkasse@landestheater.coburg.de).red