In den Regalen klaffen schon einige Lücken. Knapp die Hälfte der Schuhe, die sich noch vor Kurzem auf den dunkelbraunen Holzbrettern präsentierten, sind schon weg. Karl Mechtold hofft, dass er noch einige davon an seine treuen Kunden verkaufen kann, bis er am 31. Dezember sein Schuhfachgeschäft in der Georg-Langbein-Straße für immer schließen wird.

Das scheint wahrscheinlich. Alle paar Minuten klingelt das Telefon oder kommt ein Kunde zur Tür herein. Mechtold kennt sie alle persönlich sehr gut. Eine Kundin begrüßt er mit einer Umarmung. "Das gehört auch dazu", sagt er und lächelt dabei. Sie erkundigt sich nach Mechtolds Befinden und will gleich zwei paar Schuhe kaufen, solange sie das noch kann. "Die Verbindung zu unseren Kunden war immer ganz fantastisch", sagt der 77-Jährige stolz.

Dennoch gibt er nach 60 Jahren seinen Beruf und seinen Laden auf. "Es fällt einem schon schwer. Ein weinendes Auge ist da immer dabei. Schließlich endet mit ihm auch eine über hundertjährige Familientradition. Schon Mechtolds Großvater hatte vor dem Ersten Weltkrieg einen Schuhladen in der Rosenstraße 27 eröffnet. Mechtolds Vater übernahm diesen und bildete ab 1958 den Sohnemann zum Schuhmachermeister und Orthopäden aus. Elf Jahre später folgte der Umzug an den jetzigen Standort.

Den ersten Rückschlag erlitt der Neustadter Mitte der Achtziger. Er erkrankte an Asthma, konnte es in der staubigen Werkstatt nicht mehr aushalten. Also musste er die Orthopädie aufgeben. Fortan stellte er nur noch Einlagen, Zurichtungen und Gummistrümpfe her und kümmerte sich um den Schuhverkauf, zusammen mit seinen Verkäuferinnen und seiner Frau, die heuer verstarb. "Die war ganz verrückt nach dem Geschäft", erinnert sich Mechtold.

Dazu stand er oft hinter einer handbetriebenen Maschine, die er zum Weiten der Schuhe benutzt. Bei Lederschuhen funktioniere das sehr gut, erklärt er. Aber heute seien viele Treter aus Plastik, da habe man kaum eine Chance.

Nach der Grenzöffnung freute er sich über viele neue Kunden aus Südthüringen. Sogar Werbung habe er dort gemacht, sagt er. In den vergangenen Jahren sei das Geschäft jedoch rückläufig gewesen, erklärt er. Das Internet und die großen Schuhketten lockten die Kunden mit günstigen Preisen und bequemen Versandt. Warum ist er nicht schon früher in Rente gegangen? "Ich war immer sehr gern im Geschäft. Mit 65 oder 70 konnte ich noch nicht aufhören", sagt Mechtold etwas verwundert über die Frage.

Doch jetzt will er sich im Ruhestand vor allem seiner zweiten Leidenschaft widmen: der Musik. Seit 30 Jahren ist er Vorsitzender des Musizierkreises und spielt Cello: "Die Musik macht mir immer noch Spaß. Ich habe nicht vor, das aufzuhören."

Was aus dem Laden nun wird, weiß er noch nicht. Ein Nachfolger sei momentan noch nicht in Sicht. Und die Schuhe? Falls am Ende des Jahres noch welche übrig sind, möchte Mechtold sie an verschiedene Organisationen spenden.