Mohrenstraße, Mohren-Apotheke, Mohrenkopf, Mohren-Garde... in Coburg gehört der Mohr in vielfältiger Weise zum Alltag - seit Jahrhunderten, schließlich ist der Coburger Mohr Schutzpatron der Stadt. Doch immer wieder gibt es Stimmen, die den Begriff "Mohr" rassistisch finden und aus dem Sprachgebraucht getilgt sehen wollen. Anfang des Jahres flammte die Diskussion in Frankfurt am Main auf. Der städtische Ausländerbeirat hatte gefordert, der Stadtrat solle sich für die Umbenennung der "Mohren Apotheke" und "Zeil-Apotheke zum Mohren" einsetzen. Dass es das Wort "Mohr" nach wie vor in Firmenlogos, Speise- und Getränkebezeichnungen verwendet werde, ohne dass die geschichtliche Bedeutung bewusst sei, unterstütze die gedankenlose Verbreitung von Rassismuss, hatte der Ausländerbeirat in seinem Antrag geschrieben (siehe Infokasten).


Doktorarbeit über das Wappen

Einer, der sich intensiv mit dem Coburger Mohr beschäftigt hat, ist Stadtheimatpfleger Hubertus Habel. 2007 hat er über genau dieses Thema promoviert und hält den Coburger Mohr für denkbar ungeeignet, "eine Kolonialismus- beziehungsweise Diskriminierungsdebatte auf seinem Rücken" vom Zaun zu brechen.
Man müsse schon sehr genau hinsehen, wenn man es mit dem "Phänomen Schwarz in Deutschland" zu tun habe, sagt Habel - sowohl in gegenwärtiger wie auch in historischer Hinsicht. "Der Coburger Mohr hat mit Kolonialismus überhaupt nichts zu tun. Wenn man es auf den Punkt bringt, ist er eher ein ausdrückliches Phänomen der Hochachtung." Die Menschen sollten einfach akzeptieren, so findet Habel, dass die Figur einen christlichen Heiligen darstelle, der Maure war. Und weil man damals nicht gewusst habe, wie Mauren tatsächlich aussahen, sei der nordafrikanische Maure eben stereotyp als Afrikaner dargestellt worden.


Mit Füßen getreten?

Natürlich sei es nicht von der Hand zu weisen, dass dunkelhäutige Menschen empfindlich auf das Thema reagieren könnten. Er erinnere sich an eine Anekdote: Ein Coburger Gästeführer geriet einer Gruppe südafrikanischer Geistlicher gegenüber in Erklärungsnot, die sich maßlos darüber aufregten, dass man in Coburg den Kopf eines Afrikaners mit Füßen trete, erzählt Habel. "Er hatte immense Probleme, ihnen klar zu machen, dass es europa-, möglicherweise auch weltweit üblich ist, Stadtwappen auf Kanaldeckeln zu verewigen. In Coburg ist das eben der Mohr." Die Gäste hätten den Brauch dann zwar ansatzweise nachvollziehen können, so Habel. "Emotional verstehen oder tolerieren konnten sie es nicht."
Versuche, die Bezeichnung "Coburger Mohr", die Darstellung im Stadtwappen oder Namen wie "Mohren-Apotheke" als Diskriminierung von Afrikanern darzustellen, bezeichnet Habel als "historische Fastenspeisen". Die geschichtliche Untersuchung, wie er sie in seiner Dissertation vorgenommen hat, zeige ganz klar, dass es sich vielmehr "um einen Akt der Hochachtung" handle.
Um das mit einem Beispiel zu belegen, muss Habel ein wenig ausholen - bis ins 14. Jahrhundert, als die wettinischen Markgrafen von Meißen die Herrschaft über Coburg von den Hennebergern übernahmen. Aus dieser Zeit, um 1354, stammt der Coburger Pfennig, der auf der einen Seite den Meißener Löwen zeigt und auf der anderen sehr deutlich den Kopf eines Schwarzafrikaners. Die Wettiner hatten also den heiligen Mauritius übernommen, der schon damals Schutzpatron der Morizkirche gewesen sei, erläutert Habel.
Im 15. Jahrhundert taucht der Mohrenkopf dann im Siegel der Stadt auf, im 16. Jahrhundert erstmals im Wappen. Diese erste Form des Coburger Stadtwappens findet Habel sehr spannend. "Hier ist nämlich die Hierarchie zwischen dem Mohren und dem Meißener Löwen dargestellt." Zu sehen ist sie am Rathaus-Erker zur Ketschengasse hin. "Da steht der Mauritius mit Lanze und Schild in der Hand. Auf dem Schild sieht man deutlich, wie der Löwe den Kopf des Afrikaners, also des Mauritius hält - sprich, der Löwe ist in einer dienenden, untergeordneten Funktion gegenüber dem Mauritius."


Mohren-Kreuzung: Kein Zufall

Die Kombination Mauritius und Löwe findet sich übrigens auch an ganz prominenter Stelle wieder, wie Habel erklärt: Dass sich Mohren- und Löwenstraße kreuzen, sei kein Zufall, sondern ebenfalls dem Wappen geschuldet. Als die beiden Straßen nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Namen zurück erhielten (während der Nazi-Herrschaft hieß die Mohrenstraße "Straße der SA" und die Löwenstraße Ludendorfstraße), habe man vergessen, den Meißener Löwen zu rehabilitieren, sagt Habel. "Den gibt's seitdem nicht mehr als offizielles Stadtwappen."
Das ist heute nur noch der Coburger Mohr, der eben den heiligen Mauritius darstelle "und nicht irgendeinen Herrschaftsanspruch der Coburger über eine afrikanische Kolonie". Deswegen seien Angriffe oder Bemerkungen, dass die Verwendung des Begriffes Mohr diskriminierend sei, "letztlich absurd und bei historischer Betrachtung einfach unhaltbar", betont Habel.
Entscheidend für die heutige Form des Stadtwappens, das 1950 entstand, sei der von Bildhauer Edmund Meusel gestaltete Schlussstein an der Stadtapotheke in der Spitalgasse. "Das ist das in der Verordnung genannte Vorbild für den Coburger Mohren."


Wurzeln in der Heilkunde

Apropos, Apotheken mit dem "Mohr" im Namen, gibt es in über 70 deutschen Städten, zwei davon auch in Coburg - eine in der Mohrenstraße, die andere ist die Mohren-Apotheke in Creidlitz. Wies die Namensgebung im späten Mittelalter meist darauf hin, dass man Kräuter und Heilpflanzen aus dem Nahen Osten verwandte, wo man mit der Heilkunst schon weiter war als hierzulande, beziehe sich der Name der Coburger Mohren-Apotheke auf die Straße, wo sie zu finden ist, sagt Habel.
Der Vater der jetzigen Besitzerin habe seine Apotheke ursprünglich Löwenapotheke nennen wollen. "Die gab es aber schon", weiß Habel. "Also hat er den Straßennamen hergenommen. Damit ist die Mohren-Apotheke hier in Coburg eine Sonderblüte unter den Mohrenapotheken, weil sie sich aufs Stadtwappen und damit auf den spätmittelalterlichen Stadtheiligen bezieht und nicht auf Handelsbeziehungen."

Darum ging es in Frankfurt

Hintergrund Die Kommunale Ausländervertretung (KAV) der Stadt Frankfurt hält die Bezeichnung "Mohr" für rassistisch und will daher die Umbenennung der beiden "Mohren"-Apotheken in Frankfurt erreichen. Inzwischen ist entschieden, die Apotheken müssen ihren Namen nicht ändern. Der KAV-Antrag wurde vom Hauptausschuss im Römer abgelehnt. Den Apotheken-Inhabern sei kein "genereller Rassismusvorwurf" zu machen.