Der Coburger Marktplatz musste am Samstag für fast sieben Stunden komplett gesperrt werden. Zuvor war an der Tür des Rathauses eine ominöse Mülltüte entdeckt worden. Weil nicht ausgeschlossen werden konnte, dass sich darin eine Bombe befindet, musste ein Sprengstoffräumkommando anrücken, ehe am frühen Nachmittag endlich Entwarnung gegeben werden konnte (dazu auch "Chronologie der Ereignisse" am Ende des Textes).

Hinter der Tat steckt ganz offenbar ein 54-jähriger Coburger, der als "psychisch auffällig" gilt. Erst vor wenigen Wochen hatte er seinen Frust gegenüber verschiedenen Institutionen in der Stadt freien Lauf gelassen: Er beschmierte unter anderem das Justizgebäude, das Job-Center sowie das Gebäude des Coburger Tageblatts in der Hindenburgstraße mit Hakenkreuzen. An allen Tatorten wurden damals Bekennerschreiben hinterlassen, die zwar anonym verfasst waren, doch sehr eindeutig die "Handschrift" des besagten 54-Jährigen trugen, und zwar sowohl optisch als auch inhaltlich.

Plötzlich war er in Bayreuth

Und nun die Sache mit der vermeintlichen Bombe. Beschicker des Coburger Wochenmarkts hatten am frühen Samstagmorgen einen Mann vor dem Rathaus bemerkt, auf den die Beschreibung des 54-Jährigen passt. Was allerdings zusätzlich sehr mysteriös ist: Gegen 9 Uhr erschien jener Mann auf der Polizeidienststelle im gut 75 Kilometer entfernten Bayreuth. Er wollte dort selbst eine Anzeige erstatten, die aber nicht in Zusammenhang mit dem Einsatz auf dem Coburger Marktplatz stand.

Ärgerlich: Zu diesem Zeitpunkt wusste die Polizei in Coburg noch nicht, dass wohl erneut der "amtsbekannte" Mann hinter der Tüten-Aktion steckt. So verließ der 54-Jährige die Polizeidienststelle in Bayreuth wieder und ist seitdem verschwunden. Er halte sich wohl "irgendwo in Oberfranken" auf, wie es heißt. Zudem ist er dafür bekannt, häufig in seinem Auto zu übernachten. In den vergangenen Monaten hatte er das Fahrzeug dazu mehrmals auf dem Parkplatz eines Supermarkts in Coburg abgestellt.

Hilfe für Händler des Wochenmarkts?

Die Coburger Polizei ermittelt nunmehr wegen eines Vergehens der Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten.

CHRONOLOGIE DER EREIGNISSE

Samstag, 4 Uhr: Sandra Barthelmes aus Dietersdorf kommt auf den Coburger Marktplatz und beginnt mit dem Aufbau ihres Obst- und Gemüsestands.

Gegen 4.30 Uhr: Sandra Barthelmes wundert sich über ein Auto, das auf den Marktplatz gefahren kommt. "Der Fahrer hatte sehr laute Musik an", erinnert sie sich später im Gespräch mit dem Tageblatt, "es war gruselige Musik!" Außerdem sei ihr im Inneren des Fahrzeugs eine Art Weihnachtsbeleuchtung aufgefallen. Ansonsten schenkt die Händlerin dem Mann aber keine weitere Beachtung, denn sie ist noch immer mit dem Aufbau ihres großen Wochenmarktstands beschäftigt. Sie nimmt allerdings wahr, dass der Mann kurz aussteigt, sich vor dem Rathaus aufhält und dann auch noch für längere Zeit den Vorraum der Sparkasse aufsucht. Schließlich fährt er davon.

Gegen 7 Uhr: Der Wochenmarkt läuft.

Kurz vor 8 Uhr: Eine Mitarbeiterin der Stadt Coburg entdeckt an der Tür des Rathauses einen schwarzen Müllsack mit der Aufschrift "Achtung". Auf einem Begleitschreiben, das an der Tür klebt, befindet sich das Zeichen für Radioaktivität. Als die Mitarbeiterin erkennen kann, dass sich in der Tüte mehrere Behälter mit Flüssigkeiten sowie Kabel befinden, ruft sie die Polizei. Über die Integrierte Leitstelle werden auch Feuerwehr und Rettungsdienst alarmiert.

Gegen 8 Uhr: Befindet sich in dem Müllsack eine Bombe? Polizei und Feuerwehr entscheiden, dass sich Experten des Sprengstoffräumkommandos den Müllsack anschauen sollten. Deshalb wird die Technische Sondergruppe des Landeskriminalamts angefordert. Diese verfügt auch über die entsprechenden Geräte, um eine etwaige Bombe entschärfen zu können.

Kurz nach 8 Uhr: Ein Großteil des Marktplatzes wird gesperrt. Sowohl die Kunden als auch die Beschicker müssen den Wochenmarkt verlassen. Für die entsprechenden Durchsagen benutzt die Polizei ein Megafon.

8.30 Uhr: "Ich stand mit meinen Mitarbeitern in der Herrngasse", erzählt Sandra Barthelmes. Es gibt durchaus Hoffnung, dass der Spuk schnell vorbei ist.

Gegen 9 Uhr: Inzwischen ist der gesamte Marktplatz gesperrt. Obwohl an allen Seitengassen rot-weiße Absperrbänder angebracht werden, gibt es immer wieder Passanten, die die Lage nicht ernst nehmen: Sie schlupfen unter dem Absperrband hindurch und laufen trotzdem auf den Marktplatz.

Gegen 10 Uhr: Die Stadt Coburg schaltet die beiden Webcams, die den Marktplatz filmen, aus.

Gegen 11 Uhr: Inzwischen steht fest, dass die Untersuchung der ominösen Mülltüte doch etwas länger dauern wird. Die Stadt bietet den Beschickern des Wochenmarkts an, sich im Ämtergebäude in der Steingasse aufzuwärmen. Auch Sandra Barthelmes nimmt dieses Angebot dankend an. "Das BRK hat uns Kaffee gemacht, später gab es auch noch Würstchen."

Gegen 12 Uhr: Einsatzkräfte in Chemikalienschutzanzügen nehmen eine erste Untersuchung der Tüte vor. Auf der östlichen Seite des Marktplatzes (Hof-Apotheke) werden am Boden diverse Planen ausgebreitet, die der näheren Untersuchung dienen.

14.35 Uhr: Entwarnung! Die Spezialisten der Technischen Sondergruppe haben die Tüte überprüft und können vermelden, dass von deren Inhalt keine Gefahr ausgeht. Die Tüte samt der verdächtigen Gegenstände werden sichergestellt, um in einem zu erwartenden Strafverfahren gegen den Täter als Beweismittel dienen zu können.

14.40 Uhr: Die Sperrung des Marktplatzes wird aufgehoben. Die offizielle Zeit des Wochenmarkts ist vorbei. Doch die Stadt erlaubt den Beschickern, dass sie noch stehen bleiben und Ware verkaufen können.

Gegen 16 Uhr: Sandra Barthelmes hat mit am längsten ausgehalten. Doch jetzt baut auch sie ihren Stand ab. Im Gegensatz zu den Beschickern, die frischen Fisch oder Käse- und Milchspezialitäten verkaufen, hat Sandra Barthelmes insofern Glück im Unglück, weil sich ihre Ware problemlos noch ein einige Tage lagern lässt. Ärgerlich ist dieser Samstag aber natürlich dennoch. "Die wenigen Einnahmen, die ich hatte, gehen komplett für die Bezahlung meiner Mitarbeiter drauf." Trotzdem überwiegt bei ihr die Erleichterung, dass nichts passiert ist. Ihr Dank gilt in erster Linie allen Einsatzkräften von Feuerwehr, Polizei, BRK und Stadt Coburg. Zugleich kann sie nur den Kopf darüber schütteln, dass es immer wieder Passanten gab, die sich nicht an die Absperrungen hielten. Und richtig schlimm findet sie es, wenn in den sozialen Medien bereits darüber gespottet wird, dass es so viel Wirbel wegen eines letztlich harmlosen Müllsacks gab. "Ich finde auch, dass Sicherheit vorgeht", sagt sie.

Am Abend: Auf ihrer Facebook-Seite schreibt Sandra Barthelmes folgendes Fazit: "Blöder Tag für alle, trotzdem ein gutes Ende! Das ist viel wichtiger!"