Es mag viel geregnet haben an diesem dritten Tag der gemeinsamen Wanderung von Tageblatt und Radio Eins entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Doch bei den vielen Geschichten und Anekdoten, die Zeitzeugen am Wegesrand erzählten, ging den Redakteuren förmlich das Herz auf. Das Wetter? Nebensache. Der Mauerfall? Gefühlter Sonnenschein pur.

"Es war eine wunderbare Zeit", sagt Reinhold Meyer aus Görsdorf im Landkreis Sonneberg. "Ich fühle mich aber als Lautertaler", erklärt der heute 81-Jährige. Dazu muss man wissen: Das 60-Seelen-Dorf Görsdorf liegt direkt an der Grenze zu Lautertal im Landkreis Coburg. Bis 1941 ist Reinhold Meyer in Rottenbach, das inzwischen zu Lautertal gehört, in die Schule gegangen. Aber Krieg und deutsche Teilung sollten die Idylle in diesem Landstrich für lange Zeit schmerzhaft verändern. "Hier war für uns das Ende der Welt", beschreibt das Reinhold Meyer. Sogar mehrere hundert Meter Mauer errichtete die DDR bei Görsdorf.

Doch so froh, glücklich und dankbar Reinhold Meyer war, als die Mauer endlich fiel: "Später habe ich dafür gekämpft, dass hier zumindest noch ein kleines Stück Mauer stehen bleibt." Warum? "Die Menschen müssen doch später noch sehen können, was hier los war!"

Wenn Meyer über die Zeit vor 25 Jahren spricht, dann geschieht dies gestenreich und mit kräftiger Stimme. Das beeindruckt. Doch auch leise Töne gehen unter die Haut. Vor allem, wenn sie von einer Person kommen, die durchaus als resolut gilt. Gemeint ist Sibylle Abel, Bürgermeisterin der Stadt Sonneberg. Sie war am Mittwochmorgen spontan zu den wandernden Redakteuren dazu gestoßen.

Bürgermeisterin von Sonneberg: Sind mit Stacheldraht aufgewachsen
"Wir sind mit Stacheldraht aufgewachsen", erzählte Sibylle Abel nachdenklich. Vom Elternhaus in Hönbach aus war die Grenze ganz nah. "Wenn wir auf dem Balkon saßen, haben wir uns oft gefragt: Warum können wir nicht mal da rüber? Wir würden ja wieder zurückkommen." Doch erst im November 1989 wendete sich alles zum Guten. "Es war eine bewegende Zeit", sagt Abel - und gibt zu, dass auch das Reden über diese Zeit sie bis heute emotional sehr berührt.

Doch Sibylle Abel, ab 1990 zunächst Bürgermeisterin von Hönbach, das später nach Sonneberg eingemeindet wurde, wäre nicht Sibylle Abel, wenn sie dann nicht noch eine schöne Anekdote zu erzählen hätte. Und zwar begab es sich gleich zu Beginn ihrer Amtszeit: "Ein Puffbetreiber kam zu mir - aber ich habe ihm gesagt, dass wir so etwas in Hönbach nicht brauchen." Da habe der "Puffbetreiber" die Bürgermeisterin schräg angeguckt und gefragt: "Ach, haben Sie wohl Angst, dass ihr Mann da hingeht?" Sibylle Abel lacht, schüttelt den Kopf - und für die Redakteure geht es weiter in Richtung Wildenheid, Meilschnitz und Effelder. Bei Rückerswind steht im Wald die ehemalige Kaserne der Grenzsoldaten. Heute verbreitet hier niemand mehr Angst und Schrecken. Im Gegenteil: Drei putzige Alpakas grasen auf dem Gelände. So ändern sich die Zeiten.

"Eine Weltreise"
In Rückerswind erzählt Petra Georgy von "damals". "Wir hatten Verwandtschaft gleich nebenan in Neustadt. Ein einziges Mal durften wir sie besuchen - und das war eine Weltreise! Es ging ja nur bei Eisfeld rüber." Als die Mauer fiel, war die Euphorie groß, erinnert sich die zweifache Mutter und muss schmunzeln: "So, wie meine Oma mir früher vom Krieg erzählt hat, so erzähle ich meinen Kindern heute von der DDR."

Und was erzählt sie da: War die DDR ein "Unrechtsstaat" - oder war doch "nicht alles schlecht"? Petra Georgy spricht ganz offen: "Wir haben uns nicht alles gefallen lassen und hatten deshalb auch einige Schwierigkeiten in der DDR. Aber natürlich hängt man an seinem Zuhause. Deshalb wären wir auch nicht geflüchtet. Aber ich will die DDR nicht wieder haben!"

Auch Norbert Tessmer, mittlerweile OB von Coburg, ist froh, dass die DDR Geschichte ist. Als Polizist beim Bundesgrenzschutz hat er die innerdeutsche Grenze seit 1973 hautnah erlebt: "Wir haben gesehen, wie Minen ausgelegt wurden und wie Selbstschussanlagen errichtet wurden." Er sagt: "Noch am 8. November hatte ich nicht geglaubt, dass die Mauer fällt."

Doch dann ging alles ganz schnell. Kurz vor Weihnachten 1989 hatte Tessmer am Übergang Poppenhausen/Gleismuthausen Kontakt zum Grenzkommandanten der Nationalen Volksarmee. Auf Tessmers Vorschlag, sich an Heiligabend zu treffen, reagierte der zögerlich. "Aber ich bin am 24. Dezember um 22 Uhr einfach mit einem Bocksbeutel zur Grenze gelaufen und habe mit einem Feuerzeug auf mich aufmerksam gemacht." Und? Nach fünf Minuten kam der DDR-Soldat und hatte sogar ostdeutschen Weinbrand der Marke Goldkrone dabei. Ob all die Flaschen komplett geleert wurden, wird an dieser Stelle höflich verschwiegen. Nur so viel: An dieses Weihnachtsfest der Einheit denkt Tessmer noch heute gerne und schmunzelnd zurück.