Das Klassik-Open-Air im Coburger Rosengarten stand unter besonderen Vorzeichen. In Zeiten der Corona-Krise bedeutete das nicht nur den Verzicht auf das beliebte Picknick-Ambiente und die Beachtung von Hygiene- und Abstandsregeln. Der Abend brachte zudem die Begegnung des amtierenden und des langjährigen ehemaligen Generalmusikdirektors des Landestheaters - die Begegnung von Daniel Carter und Roland Kluttig.

Sie waren zehn Jahre GMD in Coburg, hatten in dieser Zeit von Ihrer Wohnung zum Klassik-Open-Air im Rosengarten rund 500 Meter Fußweg. Wie fühlt es sich nach Ihrem ersten Jahr in Graz an, als Gast wieder hier zu sein?

Roland Kluttig: Ich bin in einer Ferienwohnung direkt neben meiner alten Wohnung unterbracht - insofern hat sich eigentlich fast gar nichts geändert.

Bei Ihrer Entscheidung, sich als GMD am Landestheater zu bewerben, hatte der Name Roland Kluttig eine wichtige Rolle gespielt. Warum?

Daniel Carter: Die Ehefrau des ehemaligen Intendanten der Bamberger Symphoniker, Wolfgang Fink, den ich aus seiner Zeit beim Sydney Symphony Orchestra kenne, hatte mich darauf aufmerksam gemacht, dass sich das Coburger Orchester unter Roland Kluttigs Leitung sehr gut entwickelt habe.

Wie hat es sich bei den Proben angefühlt, nach einem Jahr wieder vor dem Coburger Orchester zu stehen?

R.K.: Das hat sich nicht so viel anders angefühlt. Das Problem sind die Abstände - das bin ich nicht gewohnt, weil wir in Österreich nicht mit diesen Abständen spielen. Das macht einen riesigen Unterschied, das ist eklatant. Die Homogenität ist sehr viel schwerer herzustellen.

Sie hatten das Philharmonische Orchester eigentlich nur bei den Probendirigaten 2019 in großer Besetzung dirigieren können. Wie erleben Sie das Orchester nun?

D. C.: Für dieses Konzert haben wir 46 Musiker auf dem Podium - das ist das größte Orchester seit langer Zeit, das ich dirigiere. Geschafft haben wir das nur mit Sonderbedingungen. Die Bühne ist größer als sonst, geprobt haben wir im Kongresshaus und nicht in unserem Probensaal im Hahnweg. Aber auch das ist noch nicht die komplette Orchesterbesetzung. Je mehr Musiker auf der Bühne sitzen, desto krasser ist es mit den Abständen. Bei 46 Musikern merkt man, es ist wie eine andere Postleitzahl dort hinten beim Schlagzeug. Das ist ziemlich krass.

In Österreich gelten im Kulturbetrieb andere Regeln als in Deutschland. Wie sehen diese Regeln aus?

R.K.: Die genauen Regeln stellen im Grunde die Häuser selbst auf. In Graz haben wir sehr, sehr viel mehr gespielt im Vergleich zu Deutschland. Wir haben den sogenannten 1-Meter-Abstand - egal, welches Instrument. Das ist aber nur ein wenig weiter auseinander als im Normalfall. Wir haben seit Anfang September mit einem sehr gut organisierten Testkonzept gearbeitet. Das hat eine überraschende Vielzahl von groß besetzten Aufführungen möglich gemacht.

Für Coburger Verhältnisse sind 46 Musizierende unter Corona-Bedingungen eine außergewöhnlich große, aber immer noch nicht die komplette Besetzung. Haben Sie das Philharmonische Orchester schon in kompletter Besetzung dirigiert?

D.C.: Bis jetzt noch immer nicht - aber ich habe immerhin schon mit jeder Musikerin und jedem Musiker gearbeitet - in wechselnden kleineren Besetzungen bei "Klassik am Sonntag" beispielsweise. Wann der erste Abend sein wird, an dem ich mit dem kompletten Orchester arbeiten werde, weiß ich noch immer nicht.

Wie fällt bei Ihnen die Bilanz für ein Corona-Jahr als Dirigent aus?

R.K.: Ein normales Jahr war das für mich nicht - auch wenn wir relative viele Aufführungen hatten. Es gab sehr viele Pausen, auch wir hatten einen Lockdown und eine lange Zeit ohne Publikum. Wir konnten aber in dieser Zeit große Aufnahmeprojekte realisieren. Was mir aber völlig fehlt ist der normale Kontakt zum Publikum, den man eigentlich in einem Jahr aufbauen kann.

D.C.: Alle meine Gastspiele in Australien wurden abgesagt. Letztes Jahr hätte ich einige wichtige Debüts gehabt - auch die sind alle ausgefallen. An der Deutschen Oper Berlin habe ich noch den "Ring" für Donald Runnicles vorbereitet. Auf das was wir in Coburg trotzdem geschafft haben, bin ich sehr stolz. Die Reihe "Klassik am Sonntag", die Roland Kluttig eingeführt hatte, und "Singbar" - das ist deutlich mehr, als viele andere Häuser gemacht haben. Wir haben außerdem ein Sinfoniekonzert aufgenommen, das wahrscheinlich ab Mitte Juli online zu erleben sein wird.

Werden die Veränderungen durch die Corona-Krise dauerhaft Spuren hinterlassen?

R.K.: Wir haben in der Krise verschiedene Internet- und Aufnahmeformate erprobt. Dabei ist durchaus Kreatives entstanden. Ich fände es gut, wenn davon einiges weiter betrieben wird. Die inflationäre Aufnahme und Sendung von Konzerten und Opern wird - glaube ich - nicht überleben.

D.C.: Opernaufnahmen sind sicherlich schöne Sachen, aber irgendwann wird der Markt einfach überflutet. In den mittleren und kleineren Theatern braucht das Publikum wirklich eine Verbindung zum Ensemble. Das entsteht durch Online-Videos nicht wirklich.

R.K.: Als wir wieder angefangen haben, live zu spielen, haben alle gemerkt, was das eigentlich bedeutet. So schlecht diese Zeit war: das mal so gespürt zu haben, was die Qualität einer Live-Aufführung ist, das ist eine nachhaltige Prägung.

D.C.: Bei einer Live-Vorstellung wird man durch nichts abgelenkt. "Genießen Sie den Luxus der Unerreichbarkeit" heißt es bei den Ansagen vor den Aufführungen im Landestheater.

Haben Sie für die nächste Saison einen bestimmten Wunsch - außer, dass die Corona-Krise endlich vorbei sein soll?

R.K.: Wirklich vorbei sein wird es nicht. Wir in Österreich planen aber die nächste Saison ganz normal. Ich werde mit der "Alpensinfonie" von Richard Strauss beginnen.

D.C.: Ich wünsche mir für unser Orchester, dass wir endlich mal als komplette Mannschaft zusammen spielen können. Es gibt einfach eine große Lust, endlich wieder in großer Besetzung gemeinsam zu musizieren. Ich hoffe, dass wir das irgendwann im Laufe der Spielzeit ermöglichen können.

Rund um das Coburger Klassiker-Open-Air und seine Dirigenten

Daniel Carter ist seit Februar offiziell Generalmusikdirektor des Landestheaters Coburg als Nachfolger Roland Kluttigs. Seit Herbst 2019 war er Kapellmeister an der Deutschen Oper Berlin und zuvor vier Spielzeiten Erster Kapellmeister am Theater Freiburg. Von 2013 bis 2015 war Daniel Carter, der Komposition und Klavier an der University of Melbourne studierte, an der Hamburgischen Staatsoper engagiert, zuerst als Korrepetitor und dann als Dirigent und Musikalischer Assistent der Generalmusikdirektorin Simone Young.

Roland Kluttig war seit Herbst 2010 bis Sommer 2020 Generalmusikdirektor am Landestheater Coburg. Im Herbst 2020 wechselte als Chefdirigent der Oper Graz und der Grazer Philharmoniker nach Österreich.