Der Mann besitzt anscheinend die eingebaute Erfolgsgarantie. Wenn Dieter Nuhr in Coburg gastiert, ist der Andrang groß. "Das Gastspiel ist ausverkauft", begrüßen Zettel an den Stuhlreihen die Besucher und fordern auf: "Bitte aufrücken". Der Hinweis ist durchaus berechtigt. Der Saal ist jedenfalls schon lange vor Beginn dicht gefüllt bis hinauf auf die Empore. Auch das Interesse am Devotionalienstand im Foyer mit bedruckten T-Shirts und ähnlichen Erinnerungsstücken ist schon beachtlich, bevor droben auf der Bühne die erste Pointe serviert wird.

Was aber treibt die Massen quer durch fast alle Altersschichten zu diesem wortgewandten Alleinunterhalter? Schmucklos und bis auf ein leuchtendes Tischchen fast leer das Podium, schmucklos grau das Outfit des Entertainers, der an diesem Abend mit einer unmissverständlichen Botschaft unterwegs ist: "Enttäuschung lässt sich vermeiden", verkündet Dieter Nuhr gleich am Anfang
- und offeriert nach einer Kunstpause das schlichte Rezept: "durch niedrige Erwartungen." Als Kronzeugen dieser These zitiert Nuhr sich selbst: "Ich habe keine Erwartungen mehr - seitdem geht's mir gut."

Heilsprediger, Weltenerklärer, lächelnder Zyniker, Comedian oder Kabarettist - wer ist dieser Dieter Nuhr denn tatsächlich? Er bringt sein Publikum ohne jeden Anlauf selbst bei eigentlich ernsten Themen zum Lachen. Im scheinbar harmlosen Plauderton macht er sich über die himmlischen Versprechungen lustig, die Selbstmordattentäter bei ihrem tödlichen Tun antreibt. Denn vielleicht, so Nuhrs tückische Frage, seien die versprochenen 72 Jungfrauen, die den Attentäter im Namen Mohammeds angeblich im Paradies erwarten, vielleicht ganz einfach nur ein Übersetzungsfehler. "Das Utopische auf das Machbare reduzieren" - so beschreibt Nuhr seine Empfehlung. Das klingt ein wenig wie das Vorwort aus dem Handbuch des modernen Kleinbürgers, der die Bibel längst mit dem Smartphone vertauscht hat.

Mögen sich andere Akteure auf dem weiten Feld zwischen Kabarett und Comedy als zornige Weltverbesserer in Szene setzen, als Revolutionäre des Wortes, die trotzig an das Gute im Menschen appellieren. Dieter Nuhr gibt den illusionslosen und dennoch gut gelaunten Realisten, der zugleich davor warnt, allzu eilfertig in den Chor der ewigen Nörgler einzustimmen, die ihre Depression schon an die Fünfjährigen weitergeben. Wer in Deutschland lebe, lebe schließlich auf einem zivilisatorischen Eiland, versichert Nuhr: "Wir sollten uns das Positive immer vor Augen führen."

Das könnte fast ein wenig nach munterer Banalität klingen. Davor freilich bewahrt Nuhr der wache Sinn für die absonderlichen Aspekte der Wirklichkeit. Mit seinen oftmals verblüffenden Assoziationen bringt Nuhr zusammen, was scheinbar gar nicht zusammen gehört. Nuhr verdichtet die vermeintlich alltägliche Wirklichkeit zur Pointe - und das Publikum dankt ihm mit ausdauerndem Beifall.