Wandern auf dem Lutherweg mit dem Ministerpräsident a. D. - das hätte am Montag viele gereizt. Indes: Günter Beckstein schaffte es nicht bis nach Heldritt, wo die Gruppe losmarschierte. Ein verspäteter Flieger von Berlin nach Nürnberg und ein Stau auf der Autobahn hielten ihn auf.

Also musste sich die Gruppe ohne den Schirmherrn des Lutherwegs auf den Weg nach Bad Rodach machen. Immerhin: Sie blieb trocken. Während in Bad Rodach ein Frühlingsschauer niederging, bekamen die rund 50 Wanderer kaum einen Tropfen ab und wurden schließlich am Bad Rodacher Wallgraben von Beckstein und Bürgermeister Tobias Ehrlicher (SPD) in Empfang genommen.

Beckstein, Vizepräsident der 11. Synode der Evangelisch-lutherischen Kirche Deutschlands, hat die Patenschaft über den bayerischen Teil des Lutherwegs übernommen, der die deutschen Lutherstätten miteinander verbindet. Dieter Stößlein, Pfarrer in Wiesenfeld und Leiter des Evangelischen Bildungswerks kümmere sich vorbildlich um den Lutherweg im Coburger Land, lobte Beckstein. Nun gelte es, die Fortsetzung zu den weiteren bayerischen Luther-Orten zu finden wie Rothenburg und Augsburg. Der Weg ermögliche Naturerlebnisse, sagte Beckstein. "Wir Lutheraner sind ja eher kopfgesteuert."

Beckstein war allerdings nicht in erster Linie zum Wandern ins Rodacher Land gekommen, sondern um am Abend aus seinem Buch "Die zehn Gebote" zu lesen. Er habe immer versucht, auch als Politiker als Christ zu leben, sagt Beckstein. "Aber ich gestehe, dass ich zur rechten Zeit gegen einige Gebote verstoßen habe und dagegen verstoße." Zum Beispiel das achte Gebot, meist "du sollst nicht lügen" genannt. Natürlich sagen Politiker bei vielen Gelegenheiten nicht die ganze Wahrheit oder dementieren sie gar, räumte der ehemalige Innenminister ein. Aber letztlich laute das Gebot "du sollst kein falsches Zeugnis reden wider deinen Nächsten". "Das schließt nach meiner Interpretation nicht aus, dass man manchmal ein bisschen unpräzise ist."

Andere Gebote sind eindeutig: "Du sollst nicht töten", lautet das fünfte. Doch auch daran konnte Beckstein sich nicht immer halten, wie er sagt. "Es gibt Konfliktsituationen, in denen man schuldig wird, egal, was man macht." So habe er wiederholt als Innenminister den Befehl zum "finalen Rettungsschuss" erteilen müssen, bei Geiselnahmen etwa. Aber: In der Politik gebe es selten ein Richtig oder Falsch, sondern nur die zweckmäßigere Lösung. "Das ist in der Demokratie für die Politik der richtige Weg." Freilich habe er in seiner aktiven Zeit manche Entscheidungen nicht so sorgfältig abgewogen, stellte Beckstein fest.

Die Zehn Gebote, sagt Beckstein, wirken bis in die moderne Gesellschaftsordnung: Die Würde des Menschen sei darin schon genauso manifestiert wie die soziale Marktwirtschaft - nicht stehlen, nicht begehren des Nächsten Hab und Gut.

Am häufigsten, so Beckstein, habe er gegen das Feiertagsgebot verstoßen: Hier eine Festrede, dort ein politischer Frühschoppen - und das Experiment eines "politikfreien Sonntags" sei auch schiefgegangen: "Da hatten wir dann immer unsere Präsidiumssitzungen."