Auf drei Etagen steht das alte Mahlwerk nebst Schüttelkasten, Keilriemenrädern und anderen für eine Mühle notwendigen Apparaturen. Überall haben sich Spinnweben gebildet, und Staub liegt auf den Maschinen. Nein, sagt Klaus Krumholz, Mehl werde hier wohl nicht wieder gemahlen. Sein Vater Werner, der die Mühle nach dem Krieg von der Familie Weiß übernommen hatte, habe 2011 den Strom abgeschaltet. Bis dahin sei täglich rund eine Tonne Mehl hergestellt und an Bäckereien im Neustadter Raum geliefert worden.

Die Geschichte der Wildenheider Mühle reicht bis 1516 zurück, als sie erstmals urkundlich erwähnt wurde. Im Neustädter Stadtarchiv ist das nachzulesen. Einst gespeist und angetrieben vom Wasser der Röden, das in den Mühlgraben umgeleitet worden war, hatte sie wohl über Jahrhunderte munter geklappert. Bis zu jenem Tag im September 1961, als auf dem Gebiet der damaligen DDR - nicht mehr als ein paar Meter entfernt vom Krumholz'schen Grundstück in Wildenheid - der Grenzzaun aufgebaut, die Todeszone eingerichtet und in diesem Zusammenhang das Abzweigwehr von der Röden zum Mühlgraben gesprengt worden war. Damit wurde die Mühle von einem auf den anderen Tag aufs Trockene gelegt.

Sein Vater war der letzte gelernte Müller von Wildenheid

Werner Krumholz war der letzte gelernte Müller von Wildenheid, erzählt Sohn Klaus. Der Mühlenbesitzer und -betreiber sei gezwungen gewesen, auf Stromantrieb umzuschalten. Teurer Strom, der eine monatliche finanzielle Mehrbelastung von 150 bis 200 DM mit sich brachte, abgesehen davon, dass mit der Grenzziehung zwei Drittel der Kundschaft im Sonneberger Raum weggefallen war. Das alles ist in einem Brief nachzulesen, den der Müller am 16. Januar 1962 an den Regierungspräsidenten von Oberfranken schrieb - mit der Bitte um einen wenigstens finanziellen Ausgleich. Leider ohne Erfolg.

Inzwischen feiert die deutsche Einheit ihren 30. Geburtstag. Für Klaus Krumholz hat das einen bitteren Beigeschmack. Seine Hoffnungen bei der Wiedervereinigung, die Mühle endlich wieder mit Wasser antreiben zu können, wurden nicht erfüllt. Vor ihm liegt ein dicker Aktenordner mit endlosem Briefverkehr, mit Bittschriften an Ministerpräsidenten, Minister, Institutionen, Landräte und Abgeordnete, doch endlich wieder das Abzweigwehr instandsetzen zu lassen.

Selbst mit Edmund Stoiber hat Krumholz telefoniert.

Stoiber, damals Ministerpräsident von Bayern, hatte anlässlich seines Besuchs der Oberfrankenausstellung 1993 telefonische Kontakte für Bürgeranliegen angeboten. Stoiber habe versprochen, sich beim nächsten Treffen mit dem damaligen Ministerpräsidenten Thüringens, Bernhard Vogel, für sein Anliegen einzusetzen, erzählt der Mühlenbesitzer. "Im Februar 1994 erhielten wir ein Antwortschreiben aus der bayerischen Staatskanzlei mit der lapidaren Antwort, dass sich bei der gemeinsamen Kabinettssitzung der beiden Staatsregierungen leider keine Möglichkeit ergeben habe, die Angelegenheit anzusprechen", sagt Krumholz.

Dabei wäre der Aufwand, um die Mühle wieder mit Wasser zu versorgen, nicht immens hoch gewesen, ist er überzeugt.

Ein Kostenvoranschlag vom Wasserwirtschaftsamt Suhl für die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes des Abzweigwehrs aus dem Jahr 1992 spreche von 50000 bis 80000 DM. "Es geht einfach um nichts, und da tut sich eben nichts", sagt Klaus Krumholz resigniert. Alle Schreiben, Telefonate und persönlichen Kontaktaufnahmen seien in den vergangenen Jahrzehnten "für die Katz" gewesen. Auch der letzte Brief 2017 an die Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben in Berlin habe mit der Antwort geendet, man sei dafür nicht zuständig.

Hochwasserschutz für Wildenheid könnte das endgültige Aus bedeuten

Klaus Krumholz betreibt noch einen Landhandel mit Futtermittelverkauf für Kleintiere. Das Mahlwerk steht seit 2011 still, ist aber - das versichert er - noch voll funktionstüchtig, auch wenn freilich die alten Holzrohre dann gereinigt werden müssten. "Es tut mir in der Seele weh, wenn ich daran denke, dass diese alte Tradition und dieses historisch sicher wertvolle Mahlwerk einfach zugrundegehen", sagt er und streichelt liebevoll über die alten Maschinen. Aber die Mühle wieder zu betreiben, das hat Krumholz ohnehin schon abgehakt. Wenn denn eines Tages das Wasser wieder fließen würde, dann würde er Strom erzeugen - ökologisch und sauber. Wie das dann mit dem geplanten Wasserrückhaltebecken für den Hochwasserschutz auf Wildenheider Gemarkung kompatibel sein könnte, weiß Krumholz auch nicht.