Die Veste Coburg als Weltkulturerbe? Wegen dem Luther, der 1530 für ein halbes Jahr hier war. - Och, des wär' doch hübsch. Das wäre doch noch ganz schmuck zusätzlich zum historischen Herzogs-Flair. Die begehrte Auszeichnung durch die Unesco bringt von der Bestätigung der lokalen Bedeutsamkeit und damit der Identität abgesehen anderenorts ordentliche touristische Zuwächse, also wirtschaftlichen Gewinn. Na, da holen wir uns doch des Bläbberle, wenns geht. Selbstverständlich hat der Stadtrat vor einem Jahr dazu gesagt: "Mach mer".


Ein findiger Lokal-Gag, mit einem klitzekleinen Zug von Anmaßung, wie er den Coburgern eigen ist? Einschließlich pikiertem Naserümpfen der oberfränkischen Nachbarstädte, wo doch "die Coborcher eh scho so viel" haben?


Moment mal. Nicht die Stadt Coburg stellt diesen Antrag bei der für Erziehung, Wissenschaft und Kultur zuständigen Unterorganisation der Vereinten Nationen mit Sitz in Paris. Dort wird offiziell die Bundesrepublik Deutschland aktiv, konkret das Auswärtige Amt.


2012 kam ein Anruf aus dem Kultusministerium mit dem Hinweis, Coburg hätte die Möglichkeit, sich um den Titel als Unesco-Weltkulturerbe zu bewerben, berichtet die für die Organisation zuständige Leiterin der Kulturabteilung, Michaela Hofmann. Die Veste könnte als Teil eines größeren, tatsächlich eindrucksvollen Konzeptes ins Blickfeld gerückt werden. In ein Blickfeld, wie es trotz aller Lutherverehrung und Stolz auf das historische Erbe so nicht im Bewusstsein der meisten Coburger sein dürfte. Das wird klar, wenn der Direktor der Kunstsammlungen auf der Veste, Klaus Weschenfelder, die Hintergründe erläutert.


Es wären dann 18 Stätten

Es geht nicht um die tatsächlich europaweit bedeutsamen Kunstsammlungen, um die Cranach-Bilder etwa. Die Veste an sich könnte als wichtiger Aspekt des Welterbes "Lutherstätten in Mitteldeutschland" anerkannt und damit dem Schutz der Kulturgüter der Menschheit anempfohlen werden.


Beginnen wir ganz am Anfang: In Eisleben und Wittenberg sind bereits sechs historische Stätten, etwa die Schlosskirche, das Luther- und das Melanchton-Haus, gemeinsam als Weltkulturerbe anerkannt. Sie stehen für den deutschen Anteil am historischen Prozess der Reformation.


Die Stiftung Luthergedenkstätten, zu der Weschenfelder Kontakt hält, solange er in Coburg ist, hat unterdessen ein weitergreifendes Konzept entwickelt, das die fundamentalen Umwälzungen im Kernland der Reformation im Gesamtzusammenhang darstellen soll. Gegenwärtig laufen die Vorbereitungen, damit das Auswärtige Amt am 1. Februar 2016 in Paris den Erweiterungsantrag zum bestehenden Welterbe stellen kann. An zwölf weiteren authentischen Orten soll der historische Weg der Reformation in Mitteldeutschland verdeutlicht werden. Der Weg wäre faktisch oder als virtuelle Reise für den Interessierten nachvollziehbar.


So soll das Augustiner Kloster in Erfurt, in das Luther 1505 eintrat, als zentraler spiritueller Ort herausgestellt werden. Schloss Hartenfels in Torgau, die neue Hauptresidenz der ernestinischen Linie der Wettiner, die seit Herzog Casimir Coburg zum Aufstieg verholfen hat, war das politische Zentrum der Reformation.


Ein Bollwerk an der Südgrenze

Und Coburg könnte den militärischen Aspekt der Reforma tion demonstrieren. "Die Veste Coburg ist die einzige Burg im Kernland der Reformation, an der die Wehrhaftigkeit, der militärische Aspekt abzulesen ist. Sie war quasi der Kampfhund der Reformation. An ihrer architektonischen Entwicklung ist nachvollziehbar, dass die Reforma tion kein Ponyhof war", wie es Klaus Weschenfelder flapsig auf den Punkt bringt. Sie wurde mit militärischen Mitteln durchgesetzt, so unter anderem im 30-jährigen Krieg (in dem es auch um viele weitere Aspekte ging).


Die Pulvertürme wurden errichtet, um die Veste gegen erwartete Auseinandersetzungen nach der Verbrennung von Jan Hus 1415 zu sichern. Nach dem Augsburger Reichstag von 1530 stehen die Zeichen auf Krieg; es war der letzte Versuch, die Einheit zu retten. Martin Luther, unter Reichsacht stehend, verbrachte derweil ein halbes Jahr auf der Veste. In den Folgejahren wird sie zur Landesfestung ausgebaut, die Hohe Bastei wird errichtet, um zu verhindern, dass Beschuss von der Brandensteinsebene ins Innere der Burg reicht. Im Zuge des 30-jährigen Krieges wird die Veste erneut verstärkt, als Bollwerk an der Südgrenze des reformierten Territoriums.


Im Innern der Veste sind unter anderem die Lutherstube und die Große Hofstube authentische Zeugnisse der Reforma tionsgeschichte, wenn sie auch nicht mehr im ursprünglichen Zustand erhalten sind.


Zur Architektur kommt die seit dem 19. Jahrhundert intensiv gepflegte Luther-Memoria. Ernst I. ließ ein Reformatoren-Zimmer einrichten. Schließlich haben die Ernestiner der Reformation zum Durchbruch verholfen, die Reformation ist ein wichtiger dynastischer Legitimationsaspekt für das Haus Coburg-Sachsen-Gotha.


Was bringt's vor Ort, vom erwarteten touristischen Gewinn abgesehen? "Wir haben über 1200 Exponate zum Bereich Luther, viele gar nicht ausgestellt, über hundert Grafiken, die Luthers Leben darstellen, Münzen und vieles andere", berichtet Weschenfelder. Diesen Schatz möchte er zumindest für den Internet-Zugriff aufarbeiten und attraktiv darstellen.


Weit darüber hinaus aber könnte der gesamte Prozess einen neuen Impuls im historischen Bewusstsein Coburgs und Oberfrankens setzen, ähnlich dem Erkenntnisgewinn, den das Gedenken an Herzog Casimir anlässlich seines 500. Geburtstages im letzten Jahr brachte.