Das habe sie eigentlich bei der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi noch nicht erlebt, freute sich Geschäftsführerin Doris Stadelmeyer vom Verdi-Bezirk Oberfranken/West am Freitag bei der Jubilarehrung des Verdi-Ortsverbandes Coburg. Da standen gleich vier verdiente Mitglieder auf der Liste, die seit 70 Jahren, also seit 1946, der Gewerkschaft die Treue halten. Es handele sich quasi um Gründungsmitglieder, denn im ersten Jahr nach Kriegsende und dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur hätten sich die Vorläufer von Verdi überhaupt erst einmal sortiert und gegründet oder wieder gegründet, sagte Stadelmeyer.

Zu diesen Gewerkschaftsurgesteinen gehört Franziska Klinnert. Als Franziska Schubert 1927 in Coburg geboren, begann die Jubilarin im Jahr 1943 ihre Ausbildung in der Stadtverwaltung "Ich bin damals von Stadtamtmann Alfred Sauerteig eingestellt worden", erinnert sich Klinnert im Gespräch mit der Presse.
Sauerteig war dann unmittelbar zu Kriegsende kommissarischer Oberbürgermeister und organisierte die Übergabe der Stadt an die US-amerikanischen Besatzungstruppen. "Als Lehrling arbeitete ich unter dem späteren Oberbürgermeister Karl-Heinz Höhn in der Stadtkämmerei", so Klinnert weiter. "Bis aufs Bauamt habe ich bis zu meinem Ruhestand eigentlich in fast allen städtischen Dienststellen gearbeitet." 1946 trat sie in die spätere "Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr" (ÖTV) ein, die dann im Jahr 2001 in der Gewerkschaft Verdi aufgegangen ist.

Seit 60 Jahren Gewerkschafter, also ein Diamantjubilar, ist Dieter Heinke. Er kommt ursprünglich von der einstigen Deutschen Postgewerkschaft (DPG). 1941 im schlesischen Neiße geboren, führte ihn das Kriegsende nach Coburg. Seit 1945 arbeitete er bei der Deutschen Bundespost, 1956 kam er zur DPG. Er sei bei der Post in vielfacher Funktion tätig gewesen. Viele ältere Coburger kennen ihn sicher noch von seiner Tätigkeit am Schalter im Hauptpostamt in der Hindenburgstraße oder in der "kleinen Post" in der Casimirstraße.

Verdi-Bezirksgeschäftsführerin Stadelmeyer betonte die Notwendigkeit gewerkschaftlichen Engagements für die Zukunft sowie das gesellschaftliche und soziale Klima im Lande. Gerade auch vor 70 Jahren seien viele Flüchtlinge aus dem Osten angekommen. Bayern habe bis 1950 einen Zuwachs von 1,8 Millionen Menschen, ein Plus von rund 30 Prozent, erlebt. "Auch damals gab es Hetzredner", sagte Stadelmeyer, "Politiker, die mit den Ängsten der Bevölkerung Schindluder trieben."

Stadelmeyer stellte aktuelle Erfolge der DGB-Gewerkschaften heraus. "Der Mindestlohn greift, er hat keineswegs Arbeitsplätze gekostet, sondern in großem Maßstab neue sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze geschaffen." Aber die zum Jahresbeginn geplante Erhöhung auf 8,84 Eueo sei eigentlich zu gering. "Hier müssen wir dran bleiben", sagte Stadelmeyer.

Dran bleiben heiße es auch bei den Internationalen Handelsabkommen CETA und TTIP. Stadelmeyer: "Ein Hoch auf die widerständige Wallonie!" Durch deren Einsatz sei erreicht worden, dass das Thema Investorschutzklagen noch einmal vor dem Europäischen Gerichtshof behandelt werde.

Die Verdi-Bezirksgeschäftsführerin warnte auch vor der Gefahr zunehmender Altersarmut. Wichtig sei eine wirklich paritätische Beitragsfinanzierung. Sie forderte auch Mut zu höheren Beiträgen. Ziel dürfe nicht eine Beitragsstabilität sein, sondern die Aussicht auf eine Rente, die den Lebensstandard sichere. Sie nannte die Organisation der gesetzlichen Rentenversicherung in Österreich und der Schweiz als beispielhafte Modelle.

Die Jubilarehrungen nahm Stadelmeyer zusammen mit dem stellvertretenden Coburger Verdi-Vorsitzenden Michael Blümlein und dem westoberfränkischen Verdi-Bezirksvorsitzenden Harald Kober vor.

70 Jahre Mitglied: Alfons Delto, Franziska Klinnert, Karl-Heinz Matthe und Wilfried Zeltner.

60 Jahre: Dieter Duda, Dieter Heinke, Peter Kohles und Reinhold Pottlach.

50 Jahre: Wolfgang Ehrlicher, Ronald Friedel, Erich Hartmann, Rolf Hess, Günter Klose, Wolfgang Mohr, Günter Reumann, Veronika Tauer, Alfons Woik.

40 Jahre: Jürgen Funk, Christian Rauschert, Manfred Rosenberg, Martina Schmidt, Helga Wenzel.

25 Jahre: Marion Alt, Medelleine Ammon, Rüdiger Braun, Angelika Greiner, Uwe Langbein, Heinz Rembor, Ulrich Scheller, Oliver Scholz, Brigitte Schreiegg, Reiner Sippel und Karin Woldrich.