Da ist die Frau, die von ihrer Rente nicht leben kann und dann auch noch wegen der paar Euro Mütterrente plötzlich keine Grundsicherung mehr bekommt. Oder die Coburgerin, die sich im Laden fast nur noch überlagerte Lebensmittel kauft, weil sie sich mehr nicht leisten kann. Das sind nur zwei Geschichten, die durch das Tageblatt öffentlich wurden. "Wir kennen das Problem und tragen uns mit dem Gedanken, eine Armuts- und Reichtumsberichterstattung für die Stadt einzuführen. Damit wir wissen, was konkret auf uns zukommt", sagt Dritter Bürgermeister Thomas Nowak (SPD).
Seit Jahren weist auch Sozialamtsleiter Peter Schubert darauf hin, dass die Zahl der Menschen in der Stadt steigt, die nicht mehr in der Lage sind, aus eigener Kraft ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.
Die Hilfe zum Lebensunterhalt bekommen diejenigen, die wegen einer Krankheit oder einer Behinderung nicht arbeiten können, aber auch keine Leistungen vom Jobcenter oder noch keine Grundsicherung im Alter bekommen. Sie gelten als vorübergehend erwerbsgemindert. Deren Zahl ist von 14 im Jahr 2008 auf 81 zum Jahresbeginn 2015 gestiegen.

281 000 Euro Kosten

Das ist die Personengruppe, die dann vermutlich Grundsicherung im Alter bekommt, weil ihre Rente nicht zum Leben reicht. Es trifft unter anderem Frauen, die nicht oder wenig berufstätig waren und demzufolge wenig Beiträge in die Rentenversicherung gezahlt haben. Auch wer das Rentenalter noch nicht erreicht hat und aus verschiedenen Gründen aus dem Erwerbsleben ausscheiden musste, bekommt die Grundsicherung, um das Existenzminimum zu sichern. Waren es 2008 in Coburg noch 274 Personen, die diese Grundsicherung bekommen haben, so sind es aktuell 452. Während den Aufwand der Hilfe zum Lebensunterhalt die Stadt in vollem Umfang bestreiten muss, trägt bei der Grundsicherung der Bund den größten Teil der Kosten. 2008 musste Coburg 48 654 Euro für die Hilfe zum Lebensunterhalt aufbringen, der Ansatz für 2015 liegt bereits bei 281 000 Euro.
Grund genug für die Stadt zu handeln. "Es geht hier in der Zukunft vor allem auch darum, bezahlbaren Wohnraum für diese Personengruppe zu schaffen. Denn betreutes Wohnen zum Beispiel kann mit den Sozialleistungen nicht finanziert werden", stellt Thomas Nowak fest. Erste Schritte, Wohnungen für sozial Schwache zu schaffen, sieht der Dritte Bürgermeister beim Projekt "Soziale Stadt Wüstenahorn". In der Fröbelstraße und im Lauersgraben werde Wohnraum zum Teil seni orengerecht oder für mobilitätseingeschränkte Menschen ausgebaut. Auch über neue Wohnformen, wie die kürzlich vom früheren Bremer Bürgermeister und Buchautor Henning Scherf vorgestellte Mehrgenerationen-WGs werde nachgedacht. "Da gibt es ja schon gute Erfahrungen in der Pettenkofer Straße." Das Awo-Projekt Wilna (Wir leben nicht allein) läuft seit 2009.

Senioren-WG in der Stadt?

Derzeit werde an einem neuen seniorenpolitischen Gesamtkonzept für Coburg gearbeitet, erläutert Thomas Nowak. Dort gehe es unter anderem auch um Quartierskonzepte. "Momentan sammeln wir zudem Informationen über die Kampagne ,Zu Hause daheim‘. Das ist eine Initiative der bayerischen Staatsregierung." Nägel mit Köpfen haben inzwischen 18 Coburger gemacht, die sich kürzlich getroffen und Interesse an einer Wohngemeinschaft gezeigt haben. Johanna Thomack, Leiterin des Awo-Mehrgenerationenhauses, war dabei. "Die Idee war bei der Lesung mit Henning Scherf entstanden. Jetzt haben sich Interessierte zum ersten Mal getroffen, um darüber zu sprechen, wie in Coburg eine Wohngemeinschaft realisiert werden könnte", erzählt sie. Es sei darüber nachgedacht worden, unter Umständen gemeinsam ein Haus zu erwerben und es barrierefrei zu sanieren.
Das nächste Treffen findet am Dienstag, 14. April, im Treff am Bürglaßschlösschen statt. Weitere Interessierte seien dazu willkommen, sagt Johanna Thomack.