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Heilgersdorf
Gebäude

Das Versailles in Miniaturausgabe steht in Heilgersdorf - und macht Sorgen

Seit 300 Jahren steht das Schloss im Mittelpunkt Heilgersdorfs, geografisch wie kulturell. Wie wird die Zukunft des baufälligen Denkmals aussehen?
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Drei Jahrhunderte Schloss Heilgersdorf: Um dieses Jubiläum zu feiern, lud die evangelische Kirchengemeinde am vergangenen Samstag zu einem Gottesdienst in den Schlosshof ein. Die große Resonanz zeigte, welche Bedeutung das Bauwerk für die Einheimischen hat.  Foto: Bettina Knauth
Drei Jahrhunderte Schloss Heilgersdorf: Um dieses Jubiläum zu feiern, lud die evangelische Kirchengemeinde am vergangenen Samstag zu einem Gottesdienst in den Schlosshof ein. Die große Resonanz zeigte, welche Bedeutung das Bauwerk für die Einheimischen hat. Foto: Bettina Knauth
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Es dient den Einheimischen als Wahrzeichen und Identifikationsmerkmal: das Heilgersdorfer Schloss. Am vergangenen Samstag feierten die Dorfbewohner mit Gästen den 300. Geburtstag des ortsprägenden Bauwerks mit einem Gottesdienst. "Ich bin stolz, ein solch schönes Bauwerk in unserem Stadtgebiet vorweisen zu können", betonte Bürgermeister Maximilian Neeb (FW) in seinem Grußwort.

Obwohl die Bausubstanz des Herrschaftssitzes "etwas in die Jahre gekommen" sei, gehe vom Schloss "noch immer eine Faszination aus", begann Jürgen Schramm seine Chronik. "Egal, ob ich oben vom Christenstein auf das imposante Gebäude mit den fast 100 Fenstern herabblicke oder beim Spaziergang ganz bewusst den Weg vom Backhaus durch den Schlosshof suche: Wenn ich den beeindruckenden Haupteingang mit der dreibogigen Loggia und der Balustrade sehe, dann erfüllt mich es mit Stolz, dass wir Heilgersdorfer ein Schloss haben."

Innen wurde es nicht fertiggestellt

Erbaut wurde das Schloss von 1717 bis 1719, doch fanden 1720 noch Restarbeiten statt, wie Kunsthistoriker Volker Rößner bei Recherchen festgestellt hat. Die letzte Rechnung von 1720 bezieht sich auf Sandsteinplatten für den Innenhof. Deshalb wurde das Jahr 2020 für die Jubiläumsfeier gewählt. Innen wurde das ursprünglich als Wasserschloss konzipierte Bauwerk nie fertiggestellt. Florina Margaretha von Veltheim, als deren Witwensitz es ihr Sohn Adam Heinrich Gottlob von Lichtenstein nach neuester Mode gebaut hatte, konnte sich hier nicht zur Ruhe setzen, nachdem sie ihrem Sohn die Herrschaft übergeben hatte. Sie wurde nach dem Tod ihrer Schwiegertochter in Lahm gebraucht, um ihre Enkelin aufzuziehen. Der Bau trage ganz und gar die Handschrift der Liebe des Sohnes zu seiner Mutter, zeigte sich Pfarrer Tobias Knötig in seiner Predigt überzeugt. Beeindruckt von der Pariser Architektur habe der Sohn der Anlage "Merkmale des Schlosses von Versailles in Miniaturausgabe" mitgegeben. Adam Heinrich Gottlob habe weder Kosten noch Mühen gescheut. Dabei gab es kaum Handwerker, die etwa ein Mansarddach bauen konnten. So schuf der Heilgersdorfer Zimmermann Engelhardt "eine einmalige Dachkonstruktion, die neben der Außenfassade bis heute den historisch wertvollsten Teil darstellt", so Knötig. Dass das Geschenk des Sohnes an die Mutter innen nie vollendet wurde, erwies sich später für die Heilgersdorfer Dorfgemeinschaft als Glücksfall. "So konnte es stets den unterschiedlichsten Zwecken dienen und bot so mancher Familie, so manchem Schutzsuchenden, so manchem Schüler oder Vereinskameraden einen guten Ort", sagte der Pfarrer.

Mit dem Gottesdienst wollten die Heilgersdorfer ihre Freude und Dankbarkeit zum Ausdruck bringen, dass sie dieses Bauwerk seit 300 Jahren in ihrem Dorf haben. Jeder Einzelne verbinde seine eigenen Erinnerungen und Erlebnisse mit dem Schloss. Zu den wunderschönen Momenten zählte Schramm seine eigene Trauung, die 1977 zu den letzten im hier beheimateten Heilgersdorfer Standesamt durchgeführten zählte. Er ging auch im Schloss zur Schule. Mit bis zu 40 Grundschülern teilte er sich den einen Klassenraum und blickte neidisch auf die "Großen" nebenan, "weil ein paar von ihnen als Läutbuben um 11 Uhr zur Kirche durften". Zum 23. Juli 1969 wurde die Schule mit 100 Schülern aufgelöst.

Neue Nutzungsmöglichkeiten gefunden

Die Stille, die dem Umzug der Schüler nach Seßlach folgte, wurde von Vereinen und Veranstaltungen vertrieben. "Das Schloss ist nicht nur geografisch der Mittelpunkt unseres Ortes, sondern auch kulturell", betonte Schramm. Festlichkeiten wie Kirchweihen, Schützenfeste, oder Silvesterfeiern, Konzerte oder Liederabende könnten in der Dorfgemeinschaft nur so gefeiert werden, "weil es unser Schloss und den Schlossplatz gibt". Gäbe es das Schloss in dieser Form in Zukunft nicht mehr, wären Heilgersdorf und seine Bürger ein ganzes Stück ärmer, betonte der Chronist. Deshalb schlossen die Anwesenden den Fortbestand des baufälligen Bauwerks in ihr Gebet mit ein. Dass das Identifikationsbauwerk weiterhin im Mittelpunkt von Heilgersdorf stehen wird, daran ließ Neeb keinen Zweifel: "Niemand wird dieses Schloss abreißen und etwas Neues hin bauen." Die Frage laute, wie es genutzt werden könne. "Mit der Erstellung eines Nutzungskonzeptes und dem Erhalt von Schloss Heilgersdorf wartet eine riesige Aufgabe auf uns alle." Die Lösung werde niemand auf dem Silbertablett servieren. Vielmehr gelte es, einen gemeinsamen Weg zu finden. Der Bürgermeister bat um Verständnis, dass er dem Wunsch nach einer verbindliche Aussage seitens der Stadt Seßlach nicht nachkommen könne. "Ein Zukunftsversprechen in der aktuellen Zeit zum Thema Schloss Heilgersdorf wäre nicht seriös." Sehr wohl wüssten der Stadtrat und die Stadtverwaltung, "dass dieses Thema bei den Heilgersdorfern ein sehr großes ist". Das sei angesichts der von Jürgen Schramm vorgestellten langen Historie auch mehr als verständlich. Laut Neeb liegen nun erste Zahlen vor. "Zum jetzigen Zeitpunkt sprechen wir von einem Investitionsvolumen von rund 4,5 Millionen Euro für eine Sanierung des Schlosses." Angesichts der großen Summe empfahl der Bürgermeister, den Finanzminister des Freistaates Bayern Albert Füracker mit in das Gebet einzuschließen: "Vielleicht könnte er dazu beitragen, dass die Zukunft zumindest in finanzieller Hinsicht ein bisschen leichter gemeistert werden kann."

Geschichte des Schlosses;

Maßgeblich verantwortlich für den Bau des Schlosses dürfte Adam Heinrich Gottlob von Lichtenstein gewesen sein. Er ließ es als Witwensitz für seine Mutter bauen. An den Rohbauarbeiten waren von 1717 bis 1719 der Seßlacher Hans Georg Salb als Baumeister, der Heilgersdorfer Hans Engelhardt als Zimmermann und Eyrichshofer Bildhauer Johann Christoph Hemmer (Fenster und Portale) beteiligt. Etwa 90 Jahre Das Schloss lang bewohnten die Herren von Lichtenstein das stattliche Gebäude. 1796 wurden dort 50 französische Kriegsgefangene einquartiert. Ein Jahr später war es Sitz des Lichtenstein'schen Forstamtes. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts blieb es im Besitz des Adelsgeschlechtes, wechselte dann häufig die Besitzer. Um die Jahrhundertwende bis kurz vor dem 2. Weltkrieg war es im Besitz der Gutsherren Werner aus Untermerzbach und Hornung aus Marbach.

1936 teilte die Landessiedlung fünf Liegenschaften mit den Wirtschaftsgebäuden unter den fünf Neusiedlern Gehrig, Lutsch, Popp, Bauer und Leutheuser auf. Das Schloss kam in den Besitz der Gemeinde Heilgersdorf, die darin Amts- und Schulräume, Lehrerwohnungen und nach dem Krieg Flüchtlingswohnungen einrichtete. Ab 1971 nutzte der Schützenverein die beiden Räume im Erdgeschoss als Schieß- und Wirtschaftsraum.

Als 1972 Heilgersdorf im Zuge der Gebietsreform zum Landkreis Coburg stieß, bezeichnete Fritz Mahnke (Autor von Geschichtsbüchern) das Schloss als "reizvollste Schöpfung im Coburger Landkreis". Gemeindeverwaltung und das Rote Kreuz nutzten die Räumlichkeiten, weitere Bewohner zogen ein. 1977 fanden die letzten Trauungen statt, denn zum 1. Mai 1978 kam Heilgersdorf zur Großgemeinde Seßlach. Aus dem unterfränkischen Bauwerk war ein oberfränkisches Schloss geworden. Im Zuge der Flurbereinigung (1978-1984) wurden der Platz als Mittelpunkt des Dorfes neu gestaltet und das Gebäude außen renoviert. Innen wurde das Schloss vom Schützenverein, als Wohn-, Wahl- oder Probenraum genutzt. Innen wie außen für Feste, Silvester- und Kirchweihfeiern, Gottesdienste, Konzerte und Liederabende. 2011 fand im Schlosshof die 650 Jahr-Feier Heilgersdorfs mit Festwochenende und Weihnachtsmarkt statt.