Zwölf Jahre lebte Gudrun Jöchner ihren Traum. In ihrem Hofcafé in Gemünda verwöhnte sie Gäste mit feinen Backwaren, Brotzeiten oder Speisen. Doch nun das: "Die Mohnbiene verabschiedet sich", verkündete Jöchner via Rundbrief vor knapp zwei Wochen an alle "Mohnbiene"-Fans. Ein Schreiben, das seine Adressaten ebenso überraschte wie die Leser des Seßlacher Amts- und Mitteilungsblattes, in dem sie das Ende ihres Herzensprojekts ebenfalls verkündete.

Nein, leicht ist der Betreiberin der Schritt wahrlich nicht gefallen. "Ich habe bis zuletzt auf eine positive Entwicklung gehofft", gesteht die gelernte Hauswirtschaftsmeisterin. Schon im Mai hatte sie auf den durch die Corona-Pandemie bedingten Abwärtstrend in ihrem Betrieb reagiert. Nachdem ihr Lockdown und Auflagen fast komplett die Einnahmen aus dem Hofcafé genommen hatten, kündigte Jöchner damals an, vorerst nur noch sonntags Kaffee und Kuchen anzubieten. Kurz zuvor war sie in ihren ursprünglich erlernten Beruf als Arzthelferin zurückgekehrt, was ihre Zeit zum Backen von Kuchen und Torten sehr einschränkte. "Es kann ja keiner absehen, wie lange und in welcher Form diese Auflagen anhalten", begründete sie ihren Schritt.

Neben dem Hofladen, den Jöchner seit über 25 Jahren mit ihrer Familie betreibt, hatte sich die Hauswirtschafterin vor zwölf Jahren mit dem Café ein zweites Standbein aufgebaut. Ein Projekt, in das sie sehr viel Herzblut investierte. Egal ob für Familienfeiern, Seniorentreffs oder Vereinsversammlungen, für Busreisen, Wandergruppen oder Spaziergänger galt die "Mohnbiene" als lohnenswerte Anlaufstelle. Durchschnittlich 13 Veranstaltungen pro Monat fanden noch im Jahr 2019 hier statt. "Das bedeutete zwar sehr viel Arbeit, aber es bescherte uns auch sehr viele schöne Erlebnisse und viel Freude", schildert sie rückblickend.

Im Laufe der Zeit bot Jöchner neben Kaffee und Kuchen auch Frühstücksbüfetts und Mittagstisch an. Mit ausländischen Spezialitäten servierte sie zu Ferienzeiten "Urlaub für Daheimgebliebene" oder verwöhnte ihre Gäste mit saisonalen Gerichten wie Spargel oder Matjes. Großer Beliebtheit erfreuten sich Naturführungen, nach denen die gesammelten Kräuter in der "Mohnbiene" zu leckerem Speisen verarbeitet wurden.

Auch Kultur servierte das Hofcafé reichlich, mit Musik und Lyrik, Kino oder "Lesungen auf dem Lande". Neben Autoren von Ewald Arenz und Ella Danz bis Friederike Schmöe und Helmut Vorndran lasen hier auch Lokalpolitiker wie die früheren Landräte Karl Zeitler oder Michael Busch aus ihren Lieblingsbüchern. "Dabei konnte man sie einmal von einer ganz anderen Seite kennenlernen", so Jöchner. Egal ob Konzerte, Film oder Bücher: Meist gab es zum Thema passende Speisen. Zu den Highlights zählt sie das Open-Air-Kino mit Hape Kerkelings "Ich bin dann mal weg", nach dem sich das Tapas-Büfett "bis nachts um eins hinzog" und das Konzert von Wolfgang Buck zum zehnjährigen Café-Jubiläum im Advent 2018.

Ob "Yoga für Frühaufsteher", Strickabende oder Wohlfühltage für Frauen: Immer wieder präsentierte Jöchner neue Ideen. Die Stadträtin und Seniorenbeauftragte gestaltete die Gesundheitstage im Coburger Rathaus mit, versorgte das Seßlacher Blutspende-Team mit Speisen oder bot der Diakoniestation Weitramsdorf-Seßlach Raum für Veranstaltungen.

"Heuer fand gar nichts statt"

Von heute auf morgen brachen all diese Einnahmen ersatzlos weg. Dabei äußert die 58-Jährige durchaus Verständnis für die Beschränkungen: "Diese waren durchaus berechtigt, um die Pandemie einzudämmen." Fest steht für sie aber auch, dass gerade kleinere Familienbetriebe ohne weitere Einnahmequellen die Corona-Krise kaum überleben werden. Rund ein Drittel der 245000 Betriebe, so schätzt es der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga), ist von der Insolvenz bedroht.

Gleichzeitig mit dem Umsatz im Café brachen Sohn Florian Jöchner die Einkünfte als freiberuflicher Musiker weg. Einnahmen, die sich sonst "im fünfstelligen Bereich bewegen", wie er sagt. Ohne Aussicht auf Auftritte mit seiner Band forcierte der gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann, der mit Frau Vicky und Töchterchen Finja ebenfalls auf dem Hofanwesen lebt, schon zu Beginn des Lockdowns seine 2019 begonnene Weiterbildung zum Finanzberater und Immobiliendarlehensvermittler. Nun wird der 37-Jährige mit seiner kleinen Familie die Räumlichkeiten der "Mohnbiene" zu Wohnung und Büro umbauen. "Leerstand ist Stillstand", kommentiert dies seine Mutter, "es tröstet mich, dass die Gebäude gleich einer neuen Nutzung zugeführt werden."

Wer noch Gutscheine fürs Hofcafé besitzt, so versichert Jöchner, kann diese gern im Hofladen einlösen. Das Geschäft, in dem auch Wurst- und Fleischwaren aus eigener Produktion verkauft werden, läuft weiter. "Das war mir wichtig", sagt sie. Mittlerweile betreiben Ehemann Gerhard und Schwiegertochter Vicky Jöchner den Laden. Am Schlachttag Donnerstag hat er auch durchgängig geöffnet, am Montag geschlossen.

Nicht mal ein richtiger Abschied

Am Ende kam das Aus für die Mohnbiene noch schneller als gedacht. Das im Rundbrief noch angekündigte Abschiedswochenende vom 6. bis 8. November kann infolge des nun verkündeten "Wellenbrecher-Shutdowns" nicht mehr stattfinden. "Ich bedauere es sehr, dass wir nicht richtig Abschied nehmen können", sagt Jöchner. Dabei waren extra drei Tage eingeplant, um das Finale trotz Corona-Auflagen mit süßen wie deftigen Speisen gebührend zu feiern. Viele Stammgäste hatten angekündigt, auf jeden Fall zum Abschied kommen zu wollen, berichtet sie. Und fügt hinzu: "Auf unsere Gäste war stets Verlass, auf die Gemünner sowieso."

Nun enden zwölf intensive Jahre Hofcafé ganz ruhig und ohne Gäste. "Es bleibt es uns nur übrig, zum Abschied ein leises Servus zu sagen", sagt Jöchner. Die Wehmut in ihrer Stimme ist deutlich zu spüren. Vor allem, als sie hinzufügt: "Ich dachte immer, dass ich das bis zur Rente machen kann."