Es war ein außergewöhnlicher Fall an der ersten großen Jugendkammer am Landgericht Coburg: Am 7. Dezember 2016 wurde der Fall eines 20-jährigen Mannes verhandelt, der nach Alkoholgenuss und exzessivem Computerspielen seinen Freund im Schlaf angriff und schwer verletzte.

Der junge Mann wähnte sich im Traum inmitten einer Kriegshandlung. Ein Psychiater attestierte ihm "totalen Realitätsverlust", eine Bewusstseinsveränderung und sprach von einem "pathologischen Rauschzustand". Täter und Opfer seien gleichermaßen fassungslos, wie es zu der Tat kommen konnte, teilte das Landgericht mit. Das Gericht verurteilte ihn zu einer Jugendstrafe auf Bewährung. Außerdem darf er keinen Alkohol mehr konsumieren und keine Computerspiele mehr spielen und besitzen.

"Manche Jugendliche sind gefährdeter als andere", sagt der Leiter der Suchtberatung der Diakonie, Jürgen Bauer. Er und seine vier Kollegen beraten und behandeln Suchtbetroffene aller Art - von Alkohol, Essstörungen über Drogen bis hin zur Computerspielsucht. Er weiß: "Wo eine hohe psychische Labilität oder Überempfindlichkeit vorhanden ist, wird es bedenklich." Dazu zählen auch Kinder suchtbetroffener Eltern. "Es gibt tatsächlich Nachweise dafür, dass bestimmte Computerspiele die Aggressionsschwelle senken", sagt Antje Schäfer.
Denn bei diesen Spielen werde Gewalt belohnt. Das gelte vor allem für Gewalt-, Kriegs- und Kampfspiele, die von Minderjährigen gespielt, aber aus gutem Grund erst ab 18 Jahren freigegeben seien. "Ein Realitätsverlust kommt jedoch nur in Einzelfällen vor, gepaart mit anderen Gründen wie psychologischen Vorerkrankungen oder Depressionen." Schäfer ist Diplompsychologin und leitet die Familien- und Erziehungsberatung der Diakonie in Coburg. Bei ihr holen sich Eltern Rat in Familiendingen. "Ist mein Kind spielsüchtig?", sei eine Frage, die sich Eltern vornehmlich männlicher Jugendlicher in diesem Zusammenhang stellten.


Spiele nicht "verteufeln"

Sowohl Schäfer als auch Bauer finden, dass Computerspiele im Allgemeinen nicht "verteufelt" werden sollten. Schäfer hat sich in die Materie eingearbeitet und bewusst selbst Spiele wie Counterstrike gespielt. Sie weiß deshalb genau, wie Jugendliche ticken. "Manche dieser Spiele sind eigentlich militärische Trainingsprogramme", erläutert sie. Das könne durchaus faszinierend sein und maßvolles Spielen als solches sei nicht verwerflich: Viele Spiele wie Rollenspiele förderten Kreativität, Kommunikation und Teamarbeit und trügen zur Identitätsfindung bei, weiß die Psychologin.

"Jugendliche verbringen auch mal ein komplettes Wochenende mit ihren Freunden beim Online-Spielen", meint auch Bauer, "deswegen sind sie noch lange nicht spielsüchtig." Jugendliche in der Pubertät wollten und müssten sich ausprobieren. "Früher waren Alkohol oder Drogen im Spiel, heute ist es das Internet. Das ist der Preis des Fortschrittes der Menschheit." Auch Rolf Grube vom Coburger Jugendamt, das straffällig gewordene Jugendliche vor Gericht betreut, stimmt dem zu: "Häufig handelt es sich um Durchgangsphasen." Bei den Fällen der Jugendgerichtshilfe im Zusammenhang mit Straftaten und exzessiver Computerspielsucht handelt es sich nur um wenige Einzelfälle, erläutert er.

Eltern sollten dennoch genau hinsehen, raten die Fachleute. Kritisch werde es, wenn der Jugendliche die Kontrolle über das Spiel verliert und nicht mehr aufhören kann, sich die Dauer und Intensität des Spiels steigert, Entzugserscheinungen wie innere Unruhe, Schlafstörungen oder Aggressivität auftreten oder soziale Kontakte, Schule und Beruf vernachlässigt werden. "Wenn der Spieler Körperpflege und Nahrungsaufnahme schleifen lässt, sollten alle Alarmglocken schrillen", sagt Schäfer.


Kinder beim Spiel begleiten

Deshalb gilt: Konsum in Maßen. Das kindliche Gehirn brauche Regenerationsphasen. Zudem sollten Eltern beobachten und ihre Kinder ein Stück weit in der virtuellen Welt begleiten. "Bis zur Pubertät kann man noch erziehen, danach geht es um Beziehung." Eltern sollten sich von ihren Kindern erklären lassen, was sie tun und warum sie beispielsweise nicht ad hoc aus einem Spiel aussteigen könnten. Pauschalisieren und abwerten - "Immer deine Ballerspiele!" - führten bei Jugendlichen zu Konfrontation und Abwehr.
Was die Erziehungsberechtigten allerdings berücksichtigen sollten: "Jugendliche sind überfordert, wenn sie ihre Spielzeit von sich aus begrenzen sollen." Hier sind die Eltern als Erzieher in der Pflicht. Nicht vergessen werden dürfe: "Computerspiele sind der einzige Ort, wo die Jugendlichen permanent Belohnungen erhalten", sagt die Fachfrau. Je älter ein Kind werde, desto schwieriger sei es, Alternativen zum Computer anzubieten und positive (Familien-)Erlebnisse außerhalb des Computers zu schaffen.. Deshalb: Kinder lieber öfters mal loben.