24 Jahre lang war Norbert Kastner Oberbürgermeister in Coburg. Der jüngste der Republik, seinerzeit, nachdem er sich in einer Stichwahl gegen Richard Dlouhy von der CSU durchgesetzt hatte. Seither musste er in keine Stichwahl mehr. Vier mal ist er angetreten. Eine fünfte Kandidatur lehnte er ab. Aus freien Stücken habe er das entschieden, sagt er.

Coburg hat sich in diesen 24 Jahren sichtbar verändert. Am augenfälligsten im Nordwesten, wo nun die B 4 auf die Autobahn trifft, die HUK-Coburg einen neuen Standort eröffnet hat, die HUK-Coburg-Arena fast jedes Wochenende tausende Fans aufnimmt. Die Lauterer Höhe war das umstrittenste Projekt in Kastners Laufbahn, das am meisten umkämpfte - und sie ist eins, über das Kastner sagt, dass er im Nachhinein froh sei über die heutige Entwicklung, die er ursprünglich so nicht wollte.

"Zu großmannsüchtig, zu großstädtisch" sei die Planung
für das Einkaufs- und Freizeitzentrum auf der Lauterer Höhe gewesen, das die Coburger im Jahr 2000 mit knapper Mehrheit ablehnten. Dabei wäre die Lauterer Höhe nur eine logische Folge der Entwicklung gewesen, die Anfang der 90er Jahre auf der Bertelsdorfer Höhe begann, auf der anderen Seite der Lauterer Straße. Dort baute die HUK. Hätte sie die Flächen in Coburg nicht bekommen, "wäre sie weg gewesen", sagt der OB über Coburgs größten Arbeitgeber und Gewerbesteuerzahler.

20 Jahre, dann ist's voll

Lange Zeit war die HUK auf der Bertelsdorfer Höhe allein. "Das dauert 20 Jahre, bis sich so ein Gebiet füllt." Was Kastner als Lehrsatz von Willibald Fehn übernahm, dem langjährigen Geschäftsführer der Wohnbau, sieht er durch die Praxis bestätigt. Nun ist unter anderem noch ein Baufeld frei für Einzelhandel. Aber weil dem OB und dem Finanzsenat die vorgeschlagene Gestaltung für den Supermarkt nicht gefiel, wurde der Verkauf gestoppt, sagt er.

Überhaupt: Schuhmärkte, Klamottenketten - das alles hätte Coburg auf der Lauterer Höhe haben können, hätten der OB und die zuständigen Senate das genehmigt. Aber weil man nicht sieht, was nicht genehmigt wird, und die Politiker nur für das kritisiert werden, was zu sehen ist, muss sich der OB in regelmäßigen Abständen anhören, er tue zu wenig für den innerstädtischen Einzelhandel. Kastner zuckt die Achseln: Diese Klagen, sagt er, höre jeder Oberbürgermeister, egal wo, egal, welcher Partei er angehört.

24 Jahre im Amt: Das schaffen nur wenige, auch, weil es die wenigsten mit weniger als 40 Jahren ins Amt schaffen. Kastner kam als kommunalpolitischer Neuling. "Da übernimmst du die Dinge erst mal so, wie du sie vorfindest", erinnert er sich an seinen Start ins Amt. Die Mitarbeiter im Büro, die Struktur der Verwaltung. "Die Mannschaft, die ich von Karl Heinz Höhn geerbt habe, war eine super Truppe. Ohne die hätte ich das auch nicht geschafft."

Froh um loyale Mitarbeiter

Kämmerer war Manfred Galda, Hochbauamtsleiter Gerhard Lindner, Grünflächenamtsleiter Gerhard Seiffert, "um nur einige zu nennen". Sie alle gingen erst im vergangenen Jahrzehnt in den Ruhestand. "Als 30-Jähriger hast du ja keine Ahnung. Wenn du da keine Amtsleiter hast, die mitmachen - loyale Mitarbeiter sind das A und O."

Kostensenkung stand von Anfang an auf dem Plan, und Kastner schaffte ein paar Dinge ab. Städtische Eigenbetriebe wurden in GmbHs umgewandelt, Jahresarbeitszeitkonten im Grünflächenamt eingeführt. Nur zwei Beispiele. "Wir sind die einzigen, die nicht nur umgegründet haben, sondern auch andere Tarifverträge anwenden", sagt er. Ganz konfliktfrei lief das nicht - es gab sogar Streiks der alten Stadtbusfahrer.

Aber inzwischen wirkt die Lage auf der Seite der städtischen Unternehmen beruhigt. SÜC-Geschäftsführer Götz-Ulrich Luttenberger wird in knapp einem Jahr in die Freizeitphase der Altersteilzeit wechseln; seinen Nachfolger wollte noch der alte SÜC-Aufsichtsrat unter Kastners Vorsitz auswählen. Überhaupt wirkte Kastner beim Gespräch Anfang April wie jemand, der noch weit von einem Ausstieg entfernt ist. Der Terminkalender bis obenhin voll, wie gewohnt, und noch ist er der oberste Chef der Verwaltung.

Nur inzwischen ohne Büro. Kastner hat über Ostern seine persönlichen Sachen aus dem Eckzimmer im ersten Stock des Rathauses geräumt, damit das Zimmer neu getüncht werden kann. Die letzten Tage wird er von der Regimentsstube aus die Geschäfte führen.

Eine seltsame Zwischenzeit ist da angebrochen, in der viele schon das Gespräch mit dem künftigen OB suchen und viele andere hoffen, dass der alte OB noch einige Dinge regeln wird.

Und dann die Sache mit der Ehrenbürgerwürde. Kastner selbst sagt nichts dazu, zumindest nicht öffentlich. Der Stadtrat sollte am Gründonnerstag in nichtöffentlicher Sitzung beschließen, dass Kastner zum Alt-OB und zum Ehrenbürger ernannt wird. Kastner ging hinaus - und sein Nachfolger Norbert Tessmer setzte den Punkt ab, zur Überraschung wohl der meisten Stadträte. Kastner erfuhr das erst, als er wieder in den Saal kam. Seither liegt ein Schatten über den letzten Amtstagen.

Wir haben den Noch-OB um einige Stellungnahmen gebeten.

Norbert Kastner über....


... die Lauterer Höhe: "Wir haben viele Anfragen, die wir nicht bedienen. Wir wollen die Lauterer Höhe nicht verramschen. Und wir heben uns wohltuend ab von ähnlichen Gebieten. Wir hatten auch viele Anfragen für Logistikzentren auf der Lauterer Höhe. Aber ein Logistikzentrum bedeutet bedeutet großen Flächenbedarf, wenig Arbeitsplätze, kaum Gewerbesteuer. Deshalb haben wir gesagt: Njet."

... die Stadtentwicklung: "Ich würde Dinge wie die Entwicklung der Bertelsdorfer Höhe für die HUK oder das Busdepot für Brose wieder ganz genauso machen. Aber solche Flächen wie auf der Bertelsdorfer und Lauterer Höhe haben wir heute nicht mehr. Coburg stößt im Sinne des Wortes an seine Grenzen. Was wir in der Stadt an freier Fläche haben, könnte man alles mit großflächigem Einzelhandel vollpflastern, wenn es nach den Anfragen geht."

... die Frage, wann der Spaß aufhört: "Es ist die Frage, wie sehr man bereit ist, etwas von sich herzugeben. Für mich war das Amt nie Lebensinhalt. Ich habe auch nie Wert auf das Dienstkennzeichen CO - 200 gelegt, das für Oberbürgermeister reserviert ist. Aber man steckt von Montag bis Sonntag in der Mühle. Ein Stück weit ist man als Oberbürgermeister öffentliches Eigentum. Da kommen nachts um halb zwei in der Kneipe die Leute und wollen etwas. Am Anfang findest du das klasse. Da bist du ja wichtig. Aber jetzt will ich mal mehr Ruhe. Und mehr Privatleben."

... seinen Rückzug: "Es war goldrichtig. Ich übergebe mein Amt wieder in SPD-Hände. Ich habe gesagt: Ich mache es nicht bis 66. 54 ist das richtige Alter, sich noch einmal neu zu orientieren. Alles hat seine Zeit. Und jetzt ist es genau gut."

... seine Zukunftspläne: "Das Beratungsgeschäft würde mich interessieren. Da gibt's auch Gespräche, denn bayernweit sind ja etliche Landräte und Oberbürgermeister ausgeschieden. Aber nach dem 30. April mache ich erst mal Urlaub."

... den Wahlkampf 2007/08. "Da hat mich wieder der sportliche Ehrgeiz gepackt. Vom Hof jagen lass' ich mich nicht!"

... persönliche Veränderungen: "Ich finde, ich bin dünnhäutiger geworden."  sb