Das Warten hat sich gelohnt. Nach mehr als acht Jahrzehnten kehrt Richard Wagners "Parsifal" zurück auf die Bühne nach Coburg und beschert dem Landestheater am Palmsonntag zumindest einen kräftigen Hauch Festspiel-Atmosphäre. Für "Parsifal" nehmen echte Wagnerianer weite Wege auf sich - von Berlin bis München, von Göttingen bis Leverkusen.


Zielstrebig umgesetztes Konzept

Und der ebenfalls aus vielen Teilen der Republik angereisten Kritikerschar kann Prinzipal Bodo Busse auf der Zielgeraden seiner Intendanz noch einmal nachdrücklich vor Ohren und Augen führen, wozu auch eine kleine Bühne mit einem klaren, zielstrebig umgesetzten ästhetischen Konzept in der Lage ist. Aufmerksamer Gast im Zuschauerraum: Busses designierter Nachfolger Bernhard F. Loges, zu diesem Premierenwochenende aus Düsseldorf angereist.


Bühnenbild mit Sogwirkung


Szenisch wie musikalisch braucht sich dieser Coburger "Parsifal" in keiner Weise zu verstecken. Gastregisseur Jakob Peters-Messer, schon mehrfach Garant für nachhaltige Premierenerfolge in Coburg, macht aus der Not einer kleinen Bühne eine Tugend und hat sich von Guido Petzold ein Bühnenbild mit Sogwirkung bauen lassen.
Peters-Messer erzählt diesen "Parsifal" ganz stringent aus der Perspektive der Titelfigur - als Sinnsuche, die den "reinen Tor" durch ein Endzeit-Szenarium führt.

Konsequent konzentriert sich die Regie auf diese Sinnsuche und lässt den ganzen Ballast der Rezeptionsgeschichte dieses alles andere als unproblematischen Bühnenweihfestspiels beiseite. Das funktioniert auch deshalb überzeugend, weil Guido Petzold sein Bühnenbild durch sein fantasievolles und stimmiges Lichtdesign nachdrücklich ergänzt. Sven Bindseils Kostüme fügen sich nahtlos ein in das Konzept.


Bravo-Rufe für Dirigent und Orchester


Wagner-Gesang muss keine monotone und ermüdende vokale Kraftmeierei sein. Auf der kleinen Coburger Bühne sind die Solisten in diesem "Parsifal" jederzeit bestens zu verstehen. Das ist das Verdienst von Coburgs Generalmusikdirektor Roland Kluttig, der schon zum 3. Akt gemeinsam mit seinem Orchester mit Bravo-Rufen empfangen wird.


GMD Roland Kluttig als Erfolgsgarant


Denn Kluttig ist der entscheidende Erfolgsgarant dieser ausdauernd umjubelten Premiere. Am Pult des bestens disponierten Philharmonischen Orchesters demonstriert Kluttig wieder einmal sein Gespür für die passenden Tempi. Kluttigs "Parsifal" ist in weiten Teilen ruhig fließend im Gestus, aber nie zerdehnt. Vor allem aber beweist er sein frappierendes Gespür für feinsinnig differenzierte Klangfarben und die stets bestens gewahrte Klangbalance im Orchestergraben wie auch zwischen Orchestergraben und Bühne.


Faszinierende Spannungsbögen


Beeindruckend, wie konzentriert das Philharmonische Orchester seine fein differenzierten gestalterischen Vorstellungen aufgreift und umsetzt, wie sich faszinierende Spannungsbögen entfalten.


Bestens einstudierte Chöre


Dem Orchester ebenbürtig sind die von Lorenzo Da Rio bestens einstudierten Chöre - der Chor und der verstärkte Extrachor des Landestheaters, die buchstäblich das ganze Haus zum Klingen bringen.


Der Weg er Erkenntnis


Reichlich Applaus verdient sich die Solistenschar. Roman Payer, vor einigen Jahren Ensemblemitglied des Landestheaters, zeigt sich bei seiner Rückkehr als Gast mit seinem lyrischen grundierten Tenor der Partie durchaus gewachsen. Einfühlsam führt ihn die Regie darstellerisch auf dem Weg von unbedarfter Jugendlichkeit zur verantwortungsbewussten Erkenntnis.


Darstellerisch wie musikalisch ein entscheidender Fixpunkt dieser Inszenierung ist der Gurnemanz von Michael Lion, der dieser Figur mit wohltimbriertem Bass ebenso einfühlsam wie eindringlich Kontur gibt. Eine nachdrückliche Bewerbung Lions für weitere Wagner-Rollen in Coburg.


Brillant: Michael Bachtadze in einer Doppelrolle. Mit schmerzlichem Wohllaut gestaltet er den leidenden Gralskönig Amfortas, mit präziser Schärfe dessen Gegenspieler Klingsor.


Innere Zerrissenheit


Die Sopranistin Tünde Szaboki, zum Spielzeit-Auftakt bereits als Leonore in Beethovens einziger Oper "Fidelio" zu Gast am Landestheater, kehrt als Kundry zurück nach Coburg. Die innere Zerrissenheit dieser Figur macht sie vor allem stimmlich überaus eindringlich nachvollziehbar.


Den siechen Titurel singt Felix Rathgeber mit mitleidloser Strenge. In kleineren Rollen bekommen viele weitere Solisten am Ende ihren verdienten Anteil am bemerkenswert ausdauernden Schlussbeifall. Coburgs neuer "Parsifal" - ein künstlerisches Ausrufezeichen, das weit über die Region hinaus Beachtung finden dürfte.




Sie bringen Richard Wagners "Parsifal" nach Coburg



Theater-Tipp "Parsifal" - Bühnenweihfestspiel von Richard Wagner, 13. April, 17 Uhr, 16., 23., 30. April, 16 Uhr, 15. Juni, 17 Uhr, 18., 25. Juni, 16 Uhr, Landestheater Coburg

Produktionsteam
Musikalische Leitung: Roland Kluttig
Inszenierung: Jakob Peters-Messer
Bühnenbild und Lichtgestaltung: Guido Petzold
Kostüme: Sven Bindseil
Choreinstudierung: Lorenzo Da Rio
Dramaturgie: Renate Liedtke

Besetzung
Amfortas: Michael Bachtadze
Titurel: Felix Rathgeber
Gurnemanz: Michael Lion
Parsifal: Roman Payer
Klingsor: Michael Bachtadze
Kundry: Tünde Szaboki
2. Gralsritter: Felix Rathgeber
1. Knappe: Nadja Merzyn
2. Knappe: Verena Usemann
3. Knappe: Dirk Mestmacher
4. Knappe: David Zimmer
Klingsors Zaubermädchen (1. Gruppe): Julia Da Rio, Anna Gütter, Verena Usemann
Klingsors Zaubermädchen (2. Gruppe): Ana Cvetkovic-Stojnic, Nadja Merzyn, Kora Pavelic
Alt-Solo Kora Pavelic

Chor und Extra-Chor des Landestheaters
Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg

"Parsifal" in Coburg Am 10. Mai 1883 und damit bereits im ersten Jahr nach der Uraufführung in Bayreuth wurden in einem Konzert in Coburg das Vorspiel und der Karfreitagszauber aus Parsifal gegeben.

Sponsor Brose Unternehmensgruppe



Begleitprogramm

Begleitend zur "Parsifal"-Neuinszenierung zeigt das Coburger Puppenmuseum die Sonderausstellung "Vorhang auf! Theaterkulissen der Coburger Malerfamilie Brückner" (bis 25. Juni). In diesem Rahmen ist auch in nachgebautes Modell des Bühnenbildes zur Bayreuther "Parsifal"-Uraufführung 1882 zu sehen.