Ich will glücklich leben. Ich will jeden Tag mein Leben spüren. Genauso schlicht und direkt formuliert, was auch so viel bedeutet wie: Darauf habe ich ein Recht. - Wenn das keine Botschaft ist, mit naiver Wucht vermittelt. Wer sagt, dass, was Anspruch und Kunst sind, immer nur kompliziert verbrämt daher kommen muss? Wenn ein Rührstück so charmant, so leicht und gewinnend inszeniert ist wie die erste große Schauspielproduktion des Landestheaters Coburg, dann lasst es uns einfach so nehmen, genießen und lächelnd hinaus in die länger werdenden Nächte gehen.

So tat es jedenfalls das Coburger Premierenpublikum am Freitag, nachdem es erst gar nicht mehr aufhören wollte zu applaudieren, zu danken für diese Bühnenrealisierung von Kay Pollaks Film "Wie im Himmel". Das haben Schauspielchef Matthias Straub und die Leiterin des Chores "Unerhört", Antoinetta Bafas geschafft. Und der vom ersten Moment an in märchenhaftem Gestus verzaubernde Bühnenraum von Till Kuhnert, der vom Premierenpublikum beim ersten Heben des Vorhanges mit erstauntem "Ohh" gewürdigt wurde: Es schneit unablässig über den glitzernden Hügeln vor blau leuchtender nordischer Nacht.

Musik öffnet die Herzen und verwandelt die Welt, lautet die Behauptung dieser fast schon einmal Oscar-prämierten Geschichte, wiederum ganz schlicht formuliert. Aber: Hat Luther eigentlich etwas anderes behauptet? Hat Bach aus einem anderen Grund gelebt und komponiert?

Jedenfalls unterstreicht An toi netta Bafas diese grandiose Idee demonstrativ und wirkungsvoll mit einem endlosen Strom von Melodien und Stimmungen, mitten im Geschehen sitzend am Flügel, viel Ludovico Einaudi, Bekanntes und Unbekanntes. Ihr Chor "Unerhört" singt zusammen mit den Solisten mitreißende Songs und stellt gekonnt in Solorollen wie als Ensemble den Chor des schwedischen Dorfes Ljusaker dar.

In dessen gar nicht idyllisches, sondern oft hartes, zum Teil grausames Leben wird der berühmte Dirigent Daniel Daréus gnadenlos verwickelt. Er schlägt zurück - mit der religiösen Überzeugung, dass Musik aus höherer Dimension kommt, mit der Macht der Musik, welche die zum Teil regelrecht von den sozialen Umständen versklavten Menschen dazu bringt, sich zu erheben.


Trösten und getröstet werden

Thorsten Köhler spielt den nie wirklich im Leben und schon gar nicht in der Liebe angekommenen Botschafter der Musik unter die Haut gehend hintergründig, fragil, tragisch, nie larmoyant. Anne Rieckhof zeigt die unschuldig wirkende, aber früh weise gewordene, unbeirrbare Lena. Ach, man möchte diese vordergründig munteren, doch am Leben leidenden Menschlein in die Arme nehmen und trösten - und durch sie getröstet werden. Denn das schafft diese wagemutige Gratwanderung hart am Rande des Kitsches von Mat thias Straub, die auf diesem künstlerischen Grat - ja eben, direkt ins Herz trifft:

Kerstin Hänel als Pfarrersfrau Inger, der von ihrem arrogant-bigotten, machtdefinierten Ehemann Stig (Stephan Mertl) Leben und Liebe verweigert werden. Silvia Willecke als von ihrem Mann geschlagene Gabriella mit kraftvoller Stimme in ihrem berühmten Song. Ingo Paulick als nerviger Arne, der aber ein unermüdlicher, die Gesellschaft zusammen haltender Macher ist. Die verquält fromme, aber zur Hinterhältigkeit fähige Siv in der Darstellung von Eva Marianne Berger. Benjamin Hübner als geistig behinderter Tore. Und nicht zuletzt Lukas van Rensburg, das nach seinem grandiosen Part im Musical "Big" erneut beeindruckende Coburger Künstlerkind.

Ich will glücklich leben. Trotzig, traurig und dann mutvoll fröhlich eingefordert, steht gar die großartige Behauptung am Ende des Stückes: Es gibt keinen Tod. Die Perspektive dieses märchenhaften Coburger Schauspiels mit Musik ist doch wirklich - erhebend.

Landestheater Coburg "Wie im Himmel", Schauspiel mit Musik nach dem Film von Kay Pollak. Dramatisierung und Inszenierung Matthias Straub. Bühnenbild Till Kuhnert. Kostüme Carola Volles. Choreinstudierung Antoinetta Bafas. Dramaturgie Denise Burkhardt.
Darsteller: Thorsten Köhler, Anne Rieckhof, Stephan Mertl, Kerstin Hänel, Ingo Paulick, Silvia Willecke, Eva Marianne Berge, Lukas van Rensburg/ Matthis Menzel, Oliver Baesler, Benjamin Hübner, Gabriela Künzler, Thomas Straus, Ralf Schütte/ Francesco Cagnetta, Christa Fedder/Susanne Sachse, Tanja Faber/Janina Ostermann und andere. "Chor Unerhört", Mitglieder des Musikvereins Stadt Rödental.

Weitere Termine 6., 7., 15., 21. Oktober, 19.30 Uhr im Großen Haus.