Hat er schon eine Lieblingsecke in der Morizkirche? Stefan Kirchberger lässt den Blick schweifen. Von der Orgel, die so schöne Musik macht, über die Kanzel, von der er gerne das Wort Gottes verkündet, bis zur Luther-Büste, die an die Predigt des Reformators an Ostern 1530 erinnert. Aber auch die steinerne Ritterfigur, die sich an einem der Aufgänge befindet, gefällt ihm gut. "Und schauen Sie doch mal dort oben die Fresken!" Ja, Stefan Kirchberger fühlt sich wohl in "seiner" neuen Kirche. Als zweiter Pfarrer von St. Moriz ist er automatisch auch einer von zwei Dekanen im evangelischen Dekanat Coburg.

Im Dezember war der Bundespräsident zu Besuch in St. Moriz, im Februar wurde ein Gottesdienst live vom Bayerischen Fernsehen übertragen und im Mai wird die Landesausstellung eröffnet. War Ihnen vor Ihrem Wechsel nach Coburg bewusst, in welch spannender Gemeinde Sie da bald tätig sein werden?
Stefan Kirchberger: Also langweilig wird mir nicht! Vor allem der Zug namens "Jubiläumsjahr Reformation" fährt in einem sehr hohen Tempo; ich bin erst nebenher gelaufen und jetzt mit ins Führerhaus gesprungen. Aber dort sind zum Glück bereits sehr viele Menschen, die sich schon lange damit beschäftigen. Ich arbeite da jetzt mit, und das macht mir große Freude.

Welche Bedeutung hat für Sie Martin Luther?
Ich merke immer mehr, je länger ich mich mit ihm beschäftige, welches Genie er war, vor allem sprachlich. Er hat die religiöse und auch die weltliche Sprache geprägt. Jedes Genie ist allerdings auch ein Mensch seiner jeweiligen Zeit. Luther war ein Befürworter der Todesstrafe, und er hatte antisemitische Ausfälle. Deshalb sage ich selbst über das Genie Martin Luther: Bestimmte Dinge hättest Du besser nicht gesagt oder geschrieben.

Trotzdem überwiegen bei Luther die positiven Seiten?
Ja. Er hat seine Theologie ganz auf den Mensch gewordenen Gott gerichtet. Es mag unverständliche Seiten an Gott geben - aber wenn wir an Gott festhalten wollen, müssen wir auf Jesus blicken. Das hilft übrigens auch in der seelsorgerlichen Arbeit. Denn es gibt nun mal auf manches keine Antwort. Aber die Frage ist nicht: Warum musste Jesus sterben? Sondern: Wie können wir Jesu Tod verstehen, und zwar so, dass er zu unserem Heil geschehen ist? Das ist eine unerschöpfliche Fragestellung. Und die haben wir Luther zu verdanken.

Sie geraten richtig ins Schwärmen, wenn Sie so von Luther reden!
Sagen wir mal so: In meinem Studium habe ich ihn zunächst pflichtbewusst zur Kenntnis genommen. Ich bin aber an diesen mittelalterlichen Menschen, der er auch war, nur schwer herangekommen. Aber jetzt entdecke ich ihn neu. Er war ein hervorragender Theologe!

Und jetzt predigen Sie in einer Kirche, in der an Ostern 1530 auch Luther gepredigt hat!
Es ist schon eine Ehre, so wie Luther in St. Moriz predigen zu dürfen. Aber mir wird das erst so nach und nach bewusst. Als wir für den Fernseh-Gottesdienst geprobt haben, habe ich in der Begrüßung erzählt, dass Luther einst in der Morizkirche gepredigt hat. Die Redakteurin vom Bayerischen Fernsehen meinte daraufhin, dass ich noch viel mehr Stolz in meine Stimme legen soll - ich war da wohl zu nüchtern. Aber ich wachse in diese Geschichte und in diese Tradition immer mehr hinein.

Sie kannten Coburg schon aus Ihrem Vikariat, waren zuletzt aber in Augsburg, also einer deutlich größeren Stadt, tätig. Wie empfinden Sie die Christen in Coburg?
Wir wurden gewarnt! (lacht) Uns wurde erzählt, die Coburger seien unkirchlich. Für sie gebe es nur Luther auf der Veste und den lieben Gott im Wald - punkt. Ich muss aber sagen: Ich erlebe es völlig anderes! Es gibt ein großes Interesse an kirchlichen Themen.

Woran machen Sie das fest?
Zunächst einmal gibt es sehr viele Menschen, die sich ehrenamtlich einbringen. Viele lassen sich auch von der Kirche einladen. Die Resonanz auf das Silvesterkonzert in St. Moriz fand ich zum Beispiel sagenhaft. Mein Eindruck: Die Menschen haben sowohl der Musik gelauscht, als auch Gebet und Segen gerne angenommen. Hinzu kommt, dass auch die sanierte Morizkirche etwas mit den Menschen macht - in Verbindung mit Kirchenmusik sowieso.

Also alles im besten Zustand - oder gibt es noch Verbesserungsbedarf?
Potenzial sehe ich noch in der Jugend- und Konfiarbeit. Das kann eine Quelle von Gemeindeaufbau sein.

Wie sieht die Arbeitsaufteilung zwischen Ihnen und Dekan Andreas Kleefeld aus? Oder, anders gefragt: Er engagiert sich sehr im Kampf gegen Rechtsextremismus - werden Sie das auch tun oder werden Sie andere Schwerpunkte setzen, jetzt etwa die Reformation?
Zwischen Andreas Kleefeld und mich passt kein Blatt Papier - das ist schon mal gut. Und so, wie wir beide für die Reformation sind, so sind wir beide gegen rechtsradikale Strömungen.

Wie ist das eigentlich: Als Dekan sind Sie der Vorgesetzte Ihrer Frau, die ebenfalls Pfarrerin in St. Moriz ist. Weil Ihre Frau aber die geschäftsführende Pfarrerin ist, ist sie in St. Moriz wiederum die Chefin von Ihnen.
Ja, die Konstellation ist lustig. Aber wir haben das anders geregelt: Für meine Frau ist als Dekan ausnahmsweise Andreas Kleefeld zuständig, und ich bin im Gegenzug für die Pfarrerinnen in Heiligkreuz zuständig.

Wie müssen wir uns das bei Ihnen privat vorstellen: Wenn es einen Pfarrer in der Familie gibt, sind viele Sonntage durch Arbeit blockiert. Bei zwei Pfarrern ist es aber ja fast jeder Sonntag.
Dass ich keine normalen Wochenenden haben werde, wusste ich schon, als ich mich entschieden habe, Pfarrer zu werden. Aber es ist schon so, dass unsere Sonntage meistens in der Kirche stattfinden. Denn egal, wer gerade an der Reihe ist: Wir besuchen uns meistens wechselseitig in unseren Gottesdiensten.

In dieser Woche hat die Fastenzeit begonnen - fasten Sie mit?
Ich habe schon gefastet, und ich werde auch wieder fasten - aber dieses Jahr nicht. Allerdings werde ich die Passionszeit sehr bewusst gestalten.

Wie dürfen wir uns das vorstellen?
Ich habe zu Weihnachten die Lutherkantaten von Bach geschenkt bekommen. Da werde ich mir in den nächsten Wochen vor allem die Passionskantaten anhören. Ich lese die biblischen Passionsgeschichten, ich meditiere die Lieder.

Und an Ostern wird gepredigt?
Ich halte den Gottesdienst am Karfreitag - meine Frau den in der Osternacht.


Zur Person

Lebenslauf Der heute 54-jährige Stefan Kirchberger ist in Augsburg aufgewachsen. Nach seinem Theologiestudium begann er als Vikar in Ahorn - seine Frau Silke in Rödental. Anschließend ging es nach Bayreuth; dort kamen auch die beiden Kinder des Ehepaars Kirchberger zur Welt. 2001 übernahm Stefan Kirchberger die Gemeinde Augsburg-Dreifaltigkeitskirche. Seit November 2016 ist er Pfarrer an St. Moriz und zugleich einer von zwei Dekanen im Dekanat Coburg. Seine Frau ist geschäftsführende Pfarrerin von St. Moriz.