Die überraschendsten Tanzmomente der Theatersaison kommen meist von den Jungen, den Tänzern selbst. Sonst oft exakt ausgerichtet in der Coburger Compagnie, zeigen sie mit ihren "First Steps" einmal im Jahr, welch oftmals ganz anders suchende Bilder und Bewegungsvorstellungen in ihnen stecken. "Shut Up And Dance" - Maul halten und tanzen, wenn wir das frank und frei so übersetzen wollen - ist lapidar in diesem Jahr die Reithallen-Produktion überschrieben, die das Premierenpublikum sehr begeisterte. In sieben Miniaturen schienen bei dieser einstündigen, abwechslungsreichen, konzentrierten Abfolge von Choreografien wunderbare Traumbilder und hintergründig gewebte Szenerien auf.
Dass Po-Sheng Yeh auch als Choreograf ein ganz besonderer Künstler ist, erleben wir in Coburg seit einigen Jahren immer wieder. Weshalb er ja mittlerweile auch, bei "Secret Affairs", mit eigenem Tanzstück auf die große Bühne des Landestheaters durfte.


Übersinnlich, feenhaft

Der Reithallen-Abend startet jetzt mit "Moonlight" gleich zum Frösteln schön. Zu Beethovens Mondscheinsonate erwacht ein feenhaftes Wesen, Chih-Lin Chan geradezu übersinnlich, im fließenden Weiß seines Gewandes. Die zarte Gestalt greift nach dem Licht, wird machtvoll gezogen, geweht, und bleibt doch gnadenlos verwurzelt, mit dem verlöschenden Licht wieder erstarrend zur baumhaften Form mit überhängendem Haar. Po-Sheng Yeh verfügt über Poesie, die erschauern lässt.
Selber tanzend verblüffte er dann noch einmal mit seinem witzigen Männlein-Weiblein-Stück "W + M =". Aus einem schwarzen Regenschirm ragt ein einzelnes (Männer-)Bein hervor. Der rote Stöckelschuh tippelt und zippelt und ziert sich und wird bald von einem zweiten Fuß mit weißer Socke umgarnt. Wo meinen Sie landen Stöckelschuh und weiße Socke?
Einen schmerzlichen Pas de deux der Erinnerung, des Verlustes, aus dem klassischen Ballett heraus gezeichnet, bieten Eun Kyung Chung und Federico Frigo in "Irreversible", das Chung zusammen mit Se-Yong Kim choreografiert hat. Eun Kyung Chung wird nochmals choreografisch aktiv mit dem fernöstlich folkloristisch inspirierten "Wilde Blumen". Die roten Röcke der drei Tänzerinnen wirbeln um geheimnisvolle Leuchtkugeln.


Golden fließend

Chih-Lin Chan lässt als Choreografin einen jungen Gott (Takashi Yamamoto) aus golden fließender, transparenter Stoff-Fülle auf die Erde kommen, geboren werden im schönen Körper, doch auch in großer Fraglichkeit. Wobei wir nicht nur in diesem kleinen Tanzstück auf in unseren Breitengraden eher unbekannte, faszinierende Musik stoßen, hier von Nobuyuki Nakajima.
Takashi Yamamoto seinerseits lässt Chih-Lin Chan und Natalie Holzinger sich auf die Ausdrucksmöglichkeiten isoliert bewegter Körperteile konzentrieren: Einfallsreich und ebenfalls sehr eindrücklich.
Zum Abschluss treten in Jaume Costas "Intricate Relations" drei Männer und drei Frauen in komplizierte Beziehungen. Formal spannend gezeichnet, mündet das Stück in einem Pas de deux, in dem zwei Männer, Federico Frigo und Jaume Costa, die typischen Hebefiguren des klassischen Pas de deuxs tanzen. Raffiniert irritierend.
Nach so viel bildgewaltiger Schöpferkraft werfen sich die jungen Choreografen und Tänzer in einer Zugabe in die unbekümmerte Ausgelassenheit ihrer Jugend, in die modischen Tanzstile der aktuellen Videoclips.

Die Produktion First Steps - Shut up and dance. Neue choreografische Miniaturen von und mit dem Ballett Coburg. Choreografien, Bühnenbild und Kostüme von Chih-Lin Chan, Eun Kyung Chung, Se-Yong Kim, Takashi Yamamoto, Jaume Costa und Po-Sheng Yeh.
Es tanzen Chih-Lin Chan, Eun Kyung Chung, Natalie Holzinger, Yuria Nakahata, Federico Frigo, Jaume Costa, Takashi Yamamoto, Po-Sheng Yeh in verschiedener Konstellation.

Weitere Vorstellungen 20., 21. Januar, 4., 5., 6. März, 20 Uhr im Theater in der Reithalle.