Es ist eine Zeitreise - aber eine im ICE. Zumindest für die rund 50 Journalisten und Gäste, die am 4. Mai einen ersten Blick in die Landesausstellung auf der Veste Coburg tun durften. Dass sie sich teilweise um noch herumliegendes Werkzeug oder offene Vitrinen herumschlängeln mussten, war da das kleinere Problem. Es hätte mehr Zeit gebraucht, um alles zu betrachten. "Ritter, Bauern, Lutheraner" lautet der Titel, um deutlich zu machen, dass man nicht die Lebensgeschichte Martin Luthers erzählen will, sondern eher, wie es dazu kommen konnte und welche Folgen sie im Alltag hatte.

Wo beginnen? Peter Wolf, stellvertretender Chef des Hauses der Bayerischen Geschichte und Leiter der Ausstellung, stellt an den Anfang die Gesellschaft im frühen 16. Jahrhundert. Zwar gab es noch die Rede von den Ständen - Adel, Klerus, Bauern - doch in diese starre Ordnung war längst Bewegung geraten. Am Anfang stehen auch mit die kostbarsten Stücke, die Wolf für die Ausstellung akquirieren konnte: Ein "Rennzeug" aus dem Kunsthistorischen Museum Wien, für den Laien eine eher seltsam geformte Rüstung, aber für die damalige Zeit "ein Ferrari", wie Wolf sagt. Die "Betenden Kleriker" daneben lieferte der Louvre, den großen Stich vom Triumphzug Herzog Maximilians steuerte der Gastgeber bei: Die Kunstsammlungen der Veste Coburg stellen nicht nur die Räume für die Landesausstellung zur Verfügung, sondern auch zahlreiche Stücke aus ihrem Fundus.

Es ist ja alles vieles da - schließlich verbrachte Martin Luther fast ein halbes Jahr auf der Veste, weil er 1530 hier in Sicherheit und einigermaßen komfortabel den Augsburger Reichstag abwartete. Wie er warten und lediglich in Briefen Einfluss auf das "hochpolitische Geschehen" (Wolf) in Augsburg nehmen konnte, haben die Ausstellungsmacher aufwendig und einfach zugleich umgesetzt: In Luthers Wohnzimmer auf der Veste werden Ausschnitte aus seinen Briefen auf eine Glaswand projiziert. Luther schrieb an seine Vertreter in Augsburg, an Freunde, an seine Frau, seinen Sohn, übersetzte, formulierte Traktate. Wer alle Zitate lesen will, braucht freilich Zeit und Muße. Ob es die geben wird bei erwarteten 100.000 Besuchern bis zum Ausstellungsende am 5. November? Allerdings kann sich Klaus Weschenfelder, Direktor der Kunstsammlungen vorstellen, diese Wand dauerhaft zu behalten. "Wenn es technisch möglich ist."

Jedenfalls gibt es mehr zu sehen, als bei den 45 Minuten Presserundgang gezeigt werden kann. Auf 75 Minuten sind die Führungen veranschlagt, und da sind schon über 1300 gebucht. Von der Beschreibung der spätmittelalterlichen Gesellschaft geht es über zu den Umbrüchen,die gerade zu wirken beginnen: Städte haben an Macht und Ansehen gewonnen, die alten Rittersleut' sind eigentlich überflüssig geworden, Amerika ist entdeckt, neue Ideen wie der Humanismus halten Einzug. In all das platzt Martin Luther mit seinem "Sermon von Ablass und Gnade". "Das war Luthers erster Bestseller, und er stößt Veränderungen an", sagt Peter Wolf.

Das HdBG hat einigen Aufwand betrieben, um die erzählte Geschichte effektvoll zu inszenieren. Vieles ist, wie gesagt, vorhanden: Die Rittergestalten zu Pferd zum Beispiel stehen ohnehin in der Dauerausstellung der Kunstsammlungen, haben aber nun eine Stadtansicht als Hintergrund bekommen. Der Hedwigsbecher, den Luther tatsächlich besessen haben soll, hat sonst seinen Platz im Lutherzimmer und ist nun umquartiert. Luthers Bett hingegen wurde schon vor 100 Jahren aus der Ausstellung in der Veste geräumt. Luther hat es nämlich nie genutzt, weil es erst später gefertigt wurde. Nun dient es als Beispiel dafür, wie schnell sich zur neuen Religion auch die Lutherverehrung gesellte - schon früh galt die Veste Coburg als eine bedeutende Lutherstätte. Herzog Ernst I. ließ Anfang des 19. Jahrhunderts sogar ein Reformatorenzimmer einrichten.

Als Lutherstätte könnte die Veste im Juli ins Unesco-Welterbe aufgenommen werden. Die Veste befindet sich auf der Vorschlagsliste für die mitteldeutschen Lutherstätten. Davon haben einige schon Welterbestatus, wie die Schlosskirche Wittenberg oder das Sterbehaus in Eisleben, nun sollen weitere dazu kommen. Die Reformation hat jedenfalls seit 500 Jahren ihre Auswirkungen. Die katholische Kirche reagierte mit der Gegenreformation, der Liedertisch aus Amberg erzählt davon, wie eine Region innerhalb von drei Generationen mehrmals ihre Religion änderte: Zunächst auf Ratsbeschluss von katholisch zu protestantisch, dann verlangte der Kurfürst das Bekenntnis zum Calvinismus, und irgendwann wurde ein Landesherr wieder katholisch.

Natürlich kann die Ausstellung nicht die komplette Geschichte erzählen. Fürs Nürnberger Religionsgespräch war kein Platz, wohl aber für die Grumbach'schen Händel (1566/67). Denn die hatten Folgen für Coburg, und die sind in einer weiteren Ausstellungsstätte noch deutlich sichtbar: Das Epitaph in der Morizkirche erinnert an Fürst Johann Friedrich den Mittleren (1529 bis 1595), der infolge der Grumbach'schen Händel in Gefangenschaft starb. Auch die Morizkirche, wo Luther 1530 mehrmals predigte, ist in die Ausstellung eingebunden.

"Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan", schrieb Luther. Um die Freiheit geht es am Ende der Ausstellung - ein letzter Anstoß zum Nachdenken. Zumindest beim Coburger Dekan Stefan Kirchberger hat er gewirkt: "Ich bin begeistert, wie viele Perspektiven die Ausstellung auf die Reformationsgeschichte wirft." Wo die Möglichkeit des Perspektivenwechsels bestehe, würden auch Freiheiten erwachsen.


Organisatorisches zur Landesausstellung

Geöffnet Ab Dienstag, 9. Mai, bis 5. November, täglich 9 bis 18 Uhr.

Orte Veste Coburg, Coburger Stadtkirche St. Moriz; Hinweistafeln auf Luther in Coburg auf dem Weg von der Veste zur Stadt durch den Hofgarten. Führungen in der Veste täglich um 11 und 15 Uhr, in St. Moriz um 10 und 14 Uhr.

Barrieren Die Ausstellung ist nicht barrierefrei, teilweise sind die Durchgänge sehr schmal. Bei der Veste handelt es sich im Grunde immer noch um eine alte Burg.

Tickets Erwachsene 12 Euro, ermäßigt 10 Euro, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren 2 Euro, Familien 24 Euro.

Anreise Empfohlen wird, in der Innenstadt am Anger sowie in den Parkhäusern Zinkenwehr und Goethestraße zu parken. Dort ist für 10 Euro ein Parkticket erhältlich, das den ganzen Tag gilt und für eine Familie den Bustransfer zur Veste und zurück beinhaltet.

Transfer Der Fußweg von der Stadt zur Veste führt stetig bergauf und dauert für geübte Spaziergänger rund 20 Minuten. Die Buslinie 5 und der Veste-Express bringen Besucher komfortabler zur Veste.