Kinder haben gute Sozialprognosen, wenn ihre Rechte gewahrt werden. Was passiert aber, wenn Kinder nicht genug zu essen bekommen und am gesellschaftlichen Leben nicht teilnehmen können, weil das Geld dazu fehlt? Professor Claudia Lohrenscheit von der Hochschule Coburg ist Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats der National Coalition für die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland und weiß, welchen Einfluss Kinderarmut darauf hat.

Welche Auswirkungen hat Armut auf Kinderseelen?

Claudia Lohrenscheit: In einem reichen Land wie Deutschland leben mehr Kinder und Jugendliche in Armut, als sich die meisten von uns bewusst machen. Betroffen sind vor allem Kinder mit sogenanntem Migrationshintergrund, Kinder von Alleinerziehenden sowie Kinder aus Familien, die staatliche Zuwendungen aufgrund zu großer bürokratischer Hürden nicht in Anspruch nehmen (können).

Jedes fünfte Kind (21 Prozent) lebt über einen Zeitraum von mindestens fünf Jahren dauerhaft oder wiederkehrend in einer Armutslage, und weitere zehn Prozent machen temporäre Armutserfahrungen.

Hier bedeutet dies nicht, dass die existenziellen Grundbedürfnisse (Nahrung, Wohnung, Kleidung, Bildung) nicht gesichert sind, aber für die betroffenen Kinder, Jugendlichen und ihre Familien hat Armut weitreichende Folgen: Sie nehmen an weniger Freizeitaktivitäten teil, haben weniger Freunde, werden ausgegrenzt und trauen sich seltener hohe Bildungsabschlüsse zu. Armut ist mit Scham verbunden: Lieber versteckt ein Kind seine sozialen Verhältnisse, als die Armut der Familie zu zeigen.

Auch die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen nimmt Schaden. Armut und mangelnde Bildung der Eltern führen dazu, dass sich Kinder und Jugendliche ungesünder ernähren, weniger bewegen, seltener in Sportvereinen aktiv und damit häufiger übergewichtig sind als Gleichaltrige aus sozial bessergestellten Familien. Dazu tragen maßgeblich zuckerhaltige Lebensmittel und Getränke bei, die von Kindern und Jugendlichen aus sozioökonomisch schlechtergestellten Familien besonders stark konsumiert werden. Hierdurch leiden auch das Selbstwertgefühl und das Selbstvertrauen der Kinder und Jugendlichen.

Kann Armut für Kinder auch motivierend sein, und kann sie sich auf die Resilienz (Widerstandsfähigkeit) im späteren Leben durchaus positiv auswirken? Oder wie sehen die Sozialprognosen für diese Kinder aus?

Was soll motivierend an Armut sein? Kinder sind hier nicht anders als Erwachsene, und die würden wir vermutlich auch nicht fragen, ob sie Armut motivierend finden. Die Sozialprognosen für Kinder sind immer dann gut, wenn ihre Kinderrechte, also Schutzrechte genauso wie Förder- und Teilhaberechte, geachtet werden, und das Kindeswohl zu einem der obersten Prinzipien staatlichen Handelns zählt.

Leider hat die scheidende Bundesregierung es nicht geschafft, Kindeswohl und Kinderrechte im Grundgesetz zu verankern, obwohl sie bereits wiederholt vom Kinderrechtsausschuss der Vereinten Nationen und dem Netzwerk Kinderrechte in Deutschland (mit mehr als 100 Mitgliedsorganisationen) dazu aufgefordert wurde.

Wie beurteilen Sie den Unterschied zwischen arm an Geld und arm an Zuwendung?

Hier gibt es keinen kausalen Zusammenhang, wenn wir von Kindern und ihren Familien ausgehen. Vielmehr wird andersherum "ein Schuh daraus"; also wenn wir das staatliche Handeln in den Blick nehmen. Die Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung machen genauso wie die Bildungsberichte deutlich, dass die staatlichen Programme und Maßnahmen umso wirkungsloser sind, je ärmer und benachteiligter Kinder und ihre Familien sind. Auch die Corona-Pandemie hat deutlich gezeigt, dass Kinder aus armen Haushalten genauso abgehängt wurden wie Kinder in Heimen oder Unterkünften für geflüchtete Menschen.

Die Pandemie wirkte wie ein Verstärker in ohnehin schon prekären Situationen. Hier wäre es dringend geboten, die Mittel und Ressourcen für die Bildung und Betreuung von Kindern und Jugendlichen so umzuschichten, dass diejenigen erreicht werden, die sie dringend benötigen.

Die Fragen stellte Christiane Lehmann