Es gibt Leute, die achten das Genre des Fantasy-Films generell als gering, jene in Millionen von schnell bewegten Bildern platzenden Fantasien, die unsere fest gesetzten Sichtweisen der Welt ignorieren, im Kontrast zu unseren sonst bestimmenden, so nüchtern, logisch und scheinbar rational beleuchtenden Vorgehensweisen. Fantasien, die auf die dunkle Seite unserer Geisteswelten führen.

Was sagen diese Leute zu jenen Horrorszenarien, die vor 400 bis 500 Jahren entstanden sind und jetzt schön konzentriert in der Steinernen Kemenate auf der Veste Coburg grinsen und züngeln und verschlingen? Was heute mit modernen technischen Mitteln, nach wie vor aber oft unglaublichem Aufwand, meisterhaft in Szene gesetzt wird, wurde im 16. Jahrhundert mit dem damals modernen neu en Medium der Druckgrafik minutiös und in höchster Kunst in einzelne Bilder gebannt. Ganz besonders gerne sogar, lustvoll auf die dunkle Seite der Renaissance kriechend, wie die jetzt versammelten "Bizarrerien" vorzugsweise aus der italienischen Druckgrafik des 16. Jahrhunderts überschrieben sind.

Die neue Ausstellung in den Kunstsammlungen bringt etwa 70 Bilder, die in einer einzigen Ansicht so viel mitteilen, dass sie für den, der sich von ihnen packen lassen mag, ihrerseits ganze Filme erzählen. Allerdings ist die Motivsprache für uns heute nicht mehr in allem verständlich.

Sie bedrängen den Betrachter

Die kann man sich aber bei Führungen oder im Katalog erklären lassen, den Christiane Wiebel-Roth verfasst hat. Die Leiterin des reichen Coburger Kupferstichkabinetts verabschiedet sich nach 25 Jahren mit dieser Ausstellung in den Ruhestand. Sie hat mit ihrer kunstgeschichtlichen Forschung Zusammenhänge und Entwicklungen herausgearbeitet, die unseren Blick von dem lichten, am antiken Schönheitsideal orientierten Aufbruch der Renaissance auf die unvermeidliche Kehrseite lenken. Je mehr Licht in einer Epoche, desto tiefer auch das Dunkel der Psyche. So ist der Mensch nun mal.

Besteigen wir also die Zeitmaschine: Köpfe grotesker Viecher, dicht ineinander gelegt, geschlungen. Dämonen, rüsselig, stachelig, hässlich, spinnenbeinig, nach dem Betrachter greifend. Wesen zwischen Tier- und Pflanzenwelt alle vertrauten Ordnungskategorien hämisch überkriechend. Gar nicht possierlich, und nicht von ungefähr gerne auch in eben diesen Formen unsere heutigen Fantasy-Schöpfungen prägend.

Dürers "Ritter, Tod und Teufel", diese Kombination ist uns noch einigermaßen vertraut. Sogar Christus haben diverse Künstler in die Vorhölle geschickt. Aber: Kunstvoll um schlafende Babys drapierte Totenschädel. Die sich sprunghaft entwickelnden Wissenschaft stochert im menschlichen Leib; den vielen Skeletten und Muskelmännern ohne Haut ist der Schrecken des Ungeheu erlichen anzusehen, das die Menschen damals im Umbruch zur Neuzeit erfasste. Skurriler Weise interessiert auch bei der Vergegenwärtigung der absonderlichsten Dämonen deren Anatomie bis ins Detail. Was sie durchaus noch bedrängender macht.Und dann die berüchtigten Hexenzüge. Da besitzen die Kunstsammlungen sogar eine große Druckplatte. Der ganze Motiv-Komplex ist gierig durchdrungen von sexuellen Fanta sien.

Spätestens hier fragt man sich: Wie krank waren die denn damals? Wir wissen ja, dass derlei Grafiken nicht als Spaß gemeint waren. Im Gegensatz zu dieser alles umwälzenden Epoche haben wir heute immerhin das psychische Instrumentarium, die Horror- und Monsterfantasien aus Literatur und Film anzuschauen und gleichzeitig weit wegzurücken.

Muss extra betont werden, dass für diese Visualisierung des Bösen auf der Veste wieder einmal die hochwertigsten Exponate zur Verfügung stehen? Dürer sowieso, Martin Schongauer, Andrea Mantegna, Agostino Veneziano, die anatomischen Werke des Andrea Vesalius, zu den bedeutenden eigenen Beständen Leihgaben aus Berlin und der Albertina in Wien. - Ob mit oder ohne kunsthistorisches Interesse: Die neue Ausstellung auf der Veste ist in jeder Beziehung - fantastisch.

Kunstsammlungen der Veste Coburg: Die dunkle Seite der Renaissance - Bizarrerien im Kontext der italienischen Druckgrafik des 16. Jahrhunderts. Bis 13. September, täglich von 9.30 bis 17 Uhr. -
Zur Ausstellung ist eine von Christiane Wiebel verfasste Begleitpublikation mit den Abbildungen aller Exponate erschienen, in der die Objekte erläutert und in einen größeren Kontext gestellt werden. Preis: 18 Euro.