Über den Coburger Mohr wird mitunter sehr leidenschaftlich diskutiert. Die Kritiker ("Die Darstellung ist rassistisch!") und die Befürworter ("Der Mohr hat Tradition!") waren sich am Mittwoch aber plötzlich in einem Punkt einig: Dass die grundsätzliche Entscheidung über Stadtwappen der jeweiligen Kommune überlassen bleibt, wird als richtig erachtet. Doch das war's dann auch schon wieder mit den Gemeinsamkeiten. So wünscht sich die Grünen-Stadträtin Ina Sinterhauf jetzt einen "ergebnisoffenen Dialog" - im Idealfall im Rahmen mehrerer Veranstaltungen, bei denen das Thema aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und behandelt wird. Aus dem Rathaus hingegen ist zu hören, dass die Stadtspitze keinerlei Handlungsbedarf sieht. Zumal eine Entscheidung über das Wappen sowieso vom Stadtrat gefällt werden müsste.

Nicht nur Coburg im Visier

Auslöser für die neuerliche Diskussion ist eine neuerliche Petition. Zur Erinnerung: Im Frühjahr hatten zwei junge Frauen bereits mit einer ersten Petition ganz konkret den Coburger Mohr ins Visier genommen. Diesmal jedoch ging es grundsätzlich darum, dass in Bayern alle Wappen geändert werden sollen, die eine Mohren-Darstellung enthalten. Aber: Der Innenausschuss des Landtags erklärte sich am Mittwoch als dafür nicht zuständig. Deshalb wurde die Petition auch einstimmig als "erledigt" abgehakt. Martin Runge (Grüne) als Vorsitzender des Innenausschusses appellierte allerdings an die betroffenen Kommunen, einen "offenen Diskurs" zu führen.

"Wir müssen darüber reden", findet auch Runges Coburger Parteifreundin Ina Sinterhauf. Im Gespräch mit dem Tageblatt äußert die Stadträtin den Wunsch nach einem "achtsamen Dialog" - wohlwissend, dass genau dies bei dem mittlerweile emotional sehr aufgeladenen Thema schwierig werden könnte. Zur Beruhigung der Gemüter sagt Ina Sinterhauf deshalb auch: "Mauritius selbst steht ja gar nicht infrage!" Sie persönlich habe allerdings sowohl ein Problem mit dem Begriff "Mohr" als auch mit der konkreten Darstellung des Coburger Stadtheiligen mit Ohrring und dicker Lippe. Diese Darstellung alleine mit Tradition zu begründen, hält Ina Sinterhauf für eine "fragwürdige Argumentation". Mit Tradition alleine könne nämlich gar nichts legitimiert werden.

Weiße Mehrheitsgesellschaft

Und was ist dem weiteren Argument der Mohr-Verteidiger, wonach es derzeit doch viel wichtigere Themen gebe? "Ich kann verstehen, dass viele Leute keine Lust auf eine solche Diskussion haben", sagt Ina Sinterhauf, "dennoch sollten wir diese Diskussion führen!" So gibt die Grünen-Stadträtin zu bedenken, dass die bisherige Diskussion fast ausschließlich von der "weißen Mehrheitsgesellschaft" geführt werde. Was aber "people of colour" (Bezeichnung für nicht-weiße Menschen) beim Anblicken des Coburger Stadtwappens empfinden, könnten weiße Menschen gar nicht beurteilen. Deshalb schlägt Ina Sinterhauf vor, sich sehr wohl noch einmal eingehend mit dem Thema zu beschäftigen. Für eine mögliche Veranstaltungsreihe - nach überstandener Corona-Pandemie, versteht sich - sollte man sich aber unbedingt Zeit nehmen, vielleicht sogar verteilt über ein ganzes Jahr. Wichtig sei, "achtsam" vorzugehen. "Eine gespaltene Gesellschaft wie in den USA brauchen wir nicht!"

Zumindest Letzteres würde Louay Yassin bestimmt sofort unterschreiben. Was die anderen Argumente von Ina Sinterhauf betrifft, geht der Pressesprecher der Stadt Coburg aber eher auf Distanz. "Die Stadt steht zu ihrem Wappen!" Im Folgenden legt Yassin großen Wert auf die Unterscheidung zwischen der "Stadtspitze" beziehungsweise der Stadtverwaltung einerseits sowie dem Stadtrat als politischem Entscheidungsorgan andererseits.

Stadt erhält Protokoll zugeschickt

So sagt Yassin im Gespräch mit dem Tageblatt: "Die Stadtspitze hat kein Interesse, am Wappen etwas zu ändern." Und: "Auch im Stadtrat ist keine Mehrheit ersichtlich, die das Coburger Stadtwappen abändern möchte." Ebenso sei ihm - bislang - von keiner Minderheit im Stadtrat eine Eingabe dazu bekannt.

In der Sitzung des Innenausschusses des bayerischen Landtags hatte am Mittwoch der Würzburger CSU-Abgeordnete Manfred Ländner ein Plädoyer für den Mohren gehalten und dabei vor allem mit der jahrhundertealten Tradition argumentiert. "In vielen Wappen wird ein Mensch dunkler Hautfarbe abgebildet unter Bezugnahme auf den Heiligen Mauritius", sagte er. Und dieser Mauritius sei oft bereits seit der Zeit um 1200/1300 in fränkischen Wappen.

Und wie geht's jetzt formal weiter? Ein Protokoll zur Sitzung des Innenausschusses wird - inklusive der Stellungnahmen zur Debatte - in den nächsten Tagen all jenen Kommunen zugestellt, die namentlich in der Petition erwähnt wurden. Außer der Stadt Coburg waren dies noch die Landkreise Freising und Garmisch-Partenkirchen.