Jetzt, wenn es draußen kalt und trüb, dunkel und ungemütlich ist, zelebrieren viele Familien den Advent und stellen sich auf die Weihnachtszeit ein - die wohl schönste und heimeligste Zeit des Jahres. Da wird allerlei Lichterschmuck, Dekorationsmaterial und sonstiger Tand von den Dachböden oder aus den Kellern hervorgeholt. Schon Tage vor dem 1. Advent sieht man in vielen Fenstern Engel, Kerzen und Sterne leuchten. Immer mehr funkelt es so an jeder Ecke. Vor den Haustüren werden Adventsgestecke platziert, Lichterketten angebracht und auch allerhand Figuren aufgestellt. Da gibt es auch viel Kitschiges zu sehen.

Die Familien strengen sich an, ihre Wohnungen besonders hübsch für den Advent zu schmücken: dekorative Tischdecken, Windlichter, Schalen mit Äpfeln und Nüssen, Adventskränze und Adventsgestecke gehören dazu. Wenn dann am 1. Advent die erste Kerze angezündet wird und Weihnachtsmelodien zu hören sind, gibt es vielleicht schon einen ersten Glühwein und Kinderpunsch mit selbst gebackenen Plätzchen und Lebkuchen. Für die Kinder ist natürlich der Nikolaustag, der 6. Dezember, welcher dieses Jahr auf einen Sonntag und den 2. Advent fällt, von Bedeutung. Da klopft so manches Kinderherz!

Wehe, es wurde einer beim Dengeln vergessen!

Vor langer Zeit, wohl bis Ende des 19. Jahrhunderts, gehörte zu den Neustadter Weihnachtsfreuden auch das Dengeln, auch Pfeffern genannt. Nach diesem alten - wohl ursprünglich germanischen Brauch - zogen die Kinder mit Ruten, die mit bunten Wollfäden, buntem Glanzpapier und Papierschnitzeln geschmückt waren, von Haus zu Haus - am 3. Weihnachtsfeiertag die Buben und am Neujahrstag die Mädchen. Mit diesen Ruten oder Gerten berührten sie die Erwachsenen und sagten ihren Dengelvers auf oder sangen ihr Pfefferliedchen. "Gedengelt" oder "gepfeffert" wurden Großeltern, Paten, Onkel und Tanten und alle anderen entfernteren Verwandten, die noch etwas auf die Verwandtschaft gaben, die "bucklige Verwandtschaft" eben. All diese wurden an diesen Tagen abgeklopft. Auch bei nahen Freunden der Eltern wurde gedengelt. Beim Dengeln schlugen die Buben alles, was Röcke und Zöpfe trug, die Mädchen alles, was Hosen anhatte, mit der bunten Gerte leicht auf die für Hiebe geeignetste Stelle des Körpers. Dabei sang man ein "Dengelliedchen" oder sprach einen "Dengelvers".

Dann bekamen die Buben und Mädchen ein paar Äpfel und Nüsse, ein Stückchen Stollen oder auch die beliebten "Biebonüssla". Das waren große Pfefferkuchen, die lauter kleine runde Buckelchen hatten. Und nur ganz selten erhielt man einen "Talo", zumindest einen "Nickel". Das Dengeln hatte aber nicht den Charakter einer Bettelei, im Gegenteil, es galt als Aufmerksamkeit für die "Gedengelten". Wehe, wenn jemand aus der Verwandtschaft zu dengeln vergessen wurde. Das wurde dann ein ganzes Jahr nachgetragen. Es ist natürlich auch vorgekommen, dass dieser schöne alte Brauch ausgenutzt wurde, und die Kinder zum Dengeln geschickt wurden, damit ihr Vater auch ein "paar Pfennige Biergeld" hatte.

Immer lustiger, immer durstiger

Zu den Altneustadter Weihnachtsbräuchen muss auch der nach zwei Abstinenztagen von den Männern lang ersehnte Wirtshausbesuch am 3. Weihnachtsfeiertag gerechnet werden. Das war ein Tag, der ausschließlich ihnen gehörte. Wenn einer an diesem Tag mit einem kleinen Brändchen nach Hause kam, blieb gewöhnlich auch die größte Xanthippe sprachlos. Selbst die bravsten Ehemänner waren an diesem Tag angesäuselt und kamen leicht schwankend nach Hause.

Da ging's aber auch hoch her in den Wirtschaften! Schon um 9 Uhr waren die runden Tische besetzt. Und immer enger wurde die Runde, und immer schöner und immer lustiger und immer durstiger und darum wieder immer lustiger. Die tollsten Dinge wurden dabei ausgefressen. Da hat man einem Mehl in die Tasche geschüttet und Bier dazu, da ließ einer eine Knackwurst am Tisch herumgehen, die er seinem Nachbarn aus der inneren Rocktasche stibitzt hatte, da wurde so manchem heimlich ein Schnaps ins Bier geschüttet, da explodierte eine Zigarre, da wurde gehetzt und geschürt und die Kampfhähne wurden so lange angefeuert, bis sie ins Raufen kamen. Da wurden "Altneustadter Schelmenstreiche" erzählt und neue ausgeheckt. Besonders schön sollen diese Tage immer bei der Merch'n-Laura am Glockenberg, beim "Putz", beim Geuss, beim "Werner", beim Bräukarl und im Bergschloss gewesen sein. Den Vogel aber schoss die "Kröckelei" ab, wenn der Wurstsuppenklub dort seinen 3. Feiertag feierte. Da war es schöner als im Varieté und Theater, wenn gegen 9 Uhr der Weihnachtsbaum versteigert wurde. Was bei den Versteigerungen an Sondergeschenken alles ausgeheckt wurde, das zeugte von echtem Humor.

Die Episode mit dem Kaninchen

Eine der schönsten Episoden war es immer, wenn der Liens-Karl, dieser Mann mit dem goldenen Herzen und dem lustigen Lächeln, den "Dorns-Tupper" aufpeitschte und ihn zu den bissigsten Bemerkungen reizte. Einmal hat man den "Dorns-Tupper" aber ganz schön in Rage gebracht. Da hat man einen Stallhasen im Sack versteigert und als man eine schöne Summe einkassiert hatte, den "Tupper" so lange gereizt, bis er auch einmal "papp" sagte und einen Nickel zurechtlegte. Darauf hatte der "Pulsers Ernst", der Gründer und die Seele des Wurstsuppenklubs, bloß gewartet. Schwupp, hatte der "Tupper" den Zuschlag. Misstrauisch wie er war, sagte er: "Do wörschta wahscheinlich a Katz neigopackt ham, Pulso!" Aber wie strahlte sein rotbäckiges Gesicht, als der Pulser ein Prachtexemplar von Silberkaninchen an den Läufen herausholte. "Su enn hou ich schöndo dohemm. A Weibla. Wenns a Mannla war, do te its grad passn." Der Pulser konstatierte mit Kennerblick und Bedauern, dass es auch "a Weibla" sei. "Owo fo deina lumpign ze i Pfennig kahsta net ar noch Aaschprüch gschtell!" Nun, der "Tupper" war auch mit dem Weibchen zufrieden und trug es freudestrahlend nach Haus.

Nach fünf Minuten kam er wieder - noch roter als sonst in seinem alten Gesicht. Sein Pelzkäppchen, das ihm nie vom Kopf kam, stand Sturm. Seine Augen funkelten wild und ein Sturzbach der auserlesensten Neustadter Redensarten prasselte auf die Wirtshausgesellschaft nieder. "Ihr Schpitzbum!", "Ihr Lumpnbanda!" - das waren die zahmsten darunter. "Mein Nickl will ich widdo! Ihr Säuhünd! Ihr habt mo mein Hous erscht gschtuohln!"

Dieser 3. Weihnachtsfeiertag - das war der hohe Tag des Neustadter Humors!