Die Gardinen müssen gewaschen werden. Aber ich kann nicht mehr auf die Leiter steigen. Die Betten müssten auch überzogen werden, aber ich hab die Kraft nicht. Ich müsste einkaufen. Aber trau' mich nicht mehr Auto zu fahren. Ich bin allein und keiner besucht mich.

Wer zu dieser Einsicht kommt, muss nicht daran verzweifeln. Er kann sich Hilfe holen. Lilo Lachmann hat das getan. Die 85-Jährige rief in ihrer Gemeinde an und schilderte ihre Situation. Wenige Tage später stand Martina Schober vor ihrer Tür. Die engagierte Seniorin gehört zum Helferkreis des Awo Mehr Generationenhauses in Coburg. Sie hörte sich die Sorgen und Nöte an und nahm Kontakt mit Michaela Wöhner auf - ebenso wie sie, zertifizierte Helferin. Das war vor etwa zwei Jahren. Seitdem kommt Michaela Wöhner mindestens einmal pro Woche für ein oder zwei Stunden zu Lilo Lachmann und unterstützt sie im Haushalt. "Aber oft plaudern wir auch und trinken Kaffee", sagt die 55-Jährige, im Hauptberuf Museumspädagogin. Lilo Lachmann lächelt sie dabei an.

Auch Martina Schober kümmert sich regelmäßig. Sie geht für Lilo Lachmann einkaufen, fährt sie zum Arzt und hält den Kontakt mit dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK). "Da ist es wichtig, die älteren Leute nicht allein zu lassen", sagt die couragierte Ehrenamtliche. Der medizinische Dienst ist für die Einstufung in den richtigen Pflegegrad zuständig. Noch hat Lilo Lachmann Pflegestufe 1, doch ihr fällt es zunehmend schwieriger ihren Alltag zu bewältigen.

125 Euro hat die Seniorin monatlich für Alltags- und hauswirtschaftliche Hilfen zur Unterstützung zur Verfügung. Deshalb kann sie auch die Aufwandspauschale, die ihre Helferinnen bekommen, davon bezahlen. Möglich ist das, weil der Helferkreis der Awo dafür anerkannt ist.

Geschulte Kräfte

Wer sich eine Putzfrau leistet, muss das aus eigener Tasche bezahlen - es sei denn, auch die kommt von einer zertifizierten Einrichtung oder Agentur.

Was aber nun heißt zertifizierte Helferin? Der Helferkreis der Fachstelle für pflegende Angehörige ist ein staatlich anerkanntes niedrigschwelliges Angebot. Ihren Sitz hat die Fachstelle im Awo Mehr Generationen Haus in Coburg, Oberer Bürglaß 3. Die Fachstelle bildet Helfer*innen kostenlos aus. Nach der Ausbildung, die 40 Unterrichtseinheiten umfasst vermittelt die Fachstelle die Helfer*innen in Familien, die ältere Menschen pflegen zur Entlastung der pflegenden Angehörigen oder auch an alleinstehende hilfebedürftige Menschen.Die Hilfe richtet sich nach den individuellen Bedürfnissen der Betroffenen. Angeboten werden stundenweise Betreuung von Menschen mit Demenz, Begleitung zu Spaziergängen oder auch Motivation zu bestimmten Tätigkeiten, Vertretung der Angehörigen, wenn sie verhindert sind. Körperpflege wird nicht übernommen.

Neu ist , dass seit Juni 2020 auch haushaltsnahe Dienstleistungen vermittelt werden. Die Helfer*innen übernehmen Einkäufe, begleiten zum Arzt oder übernehmen oder assistieren bei allen Tätigkeiten im Haushalt, wie Wäsche waschen, Kochen oder Reinigungsarbeiten. "Ein Putz- oder Trödeltrupp sind wir aber nicht", macht Martina Schober deutlich. Es sei schon vorgekommen, dass eine Familie angerufen habe und wollte, dass der Keller der Oma entrümpelt wird. "So was machen wir nicht!"

Aber es geht auch anders. Eine nette Geschichte erzählt Kristin Herbst, die die hauswirtschaftlichen Module bei der Helferschulung übernimmt: "Ein älterer Herr, dessen Tochter nicht in Coburg wohnt wollte, dass eine Helferin zu ihrem Papa geht und immer mal nach dem Rechten schaut. Ein paar Handgriffe im Haushalt erledigt, mit ihm einkaufen geht. Der Senior war davon gar nicht begeistert und wollte das erst nicht bis die Helferin mal ein selbst gekochtes Essen oder einen Kuchen mitgebracht hat. Und schon war das Eis gebrochen und die Helferin ein gern gesehener Gast."

Die Aufwandsentschädigung für die Helfer*innen können die Versicherten über die Leistungen der Pflegekasse abrechnen.

Immer mehr fragen nach

"Wir suchen aktuell neue ehrenamtliche Mitarbeiter*innen, die vor allem auch Interesse daran haben eben diese haushaltsnahen Dienstleistungen zu übernehmen", sagt die Leiterin Johanna Thomack. "Die Nachfrage wird immer größer. Immer mehr Menschen brauchen Unterstützung - vor allem im Haushalt", betont sie. Aber nicht jeder wolle auch im Haushalt mithelfen. Was auch ein gutes Recht sei. Schließlich handelt es sich um ein freiwilliges, ehrenamtliches Angebot von Seiten der Helfer*innen. Das heißt sie entscheiden frei wo und wie häufig sie eingesetzt werden wollen. Es ist keine Anstellung, sondern die Helfer*innen bekommen eine Aufwandsentschädigung pro Stunde, die einen Betrag von 200 Euro monatlich nicht übersteigen sollte. "Wir bieten für unsere Helfer*innen regelmäßig Fortbildungsangebote an und sind als Ansprechpartnerinnen immer unterstützend da", betont die Leiterin des Mehrgenerationenhauses. Die Helfer*innen sind bei ihren Einsätzen unfall- und haftpflichtversichert.

Martina Schober weiß aus Erfahrung, dass viele Menschen sich davor scheuen Hilfe anzunehmen. "Doch wer möglichst lange daheim in seinen eigenen vier Wänden bleiben möchte, muss das akzeptieren", betont sie. Auch ihr ist die Decke daheim auf den Kopf gefallen. "Mir war langweilig, da bin ich aktiv geworden", erzählt sie. Bereut hat sie das nicht. Anderen zu helfen, sich zu kümmern, mache einen selbst froh. Da stimmt auch Michaela Wöhner zu. "Es tut einfach der Seele gut." Sagt sie und schenkt Lilo Lachmann Kaffee nach. Die alte Dame strahlt. "Ich war viel allein. Und wenn's draußen dunkel wurde, hat das aufs Gemüt gedrückt", erinnert sie sich. Sie ist froh, dass sie all ihren Mut zusammen genommen hat und sich Hilfe geholt hat. Aus Hilfe ist sogar so etwas wie Freundschaft geworden.

Bloß, wenn es um die hohe Anzahl ihrer Stühle im Esszimmer geht, die Martina Schober gern etwas dezimieren würde, damit der Rollator besser durchkommt, wird's kritisch. "Ich brauch meine Stühle", sagt Lilo Lachmann bestimmt. "Weihnachten sind wir mit den Nachbarn immer viele Leute hier."

Wer helfen möchte

Kontakt Interessent*innen können sich in der Fachstelle des Awo Mehr Generationenhauses melden. Telefon 09561 7053812 oder per mail mgh.coburg@awo-omf.de.

Herzensmensch Eine, die aus ihrem Ehrenamt eine Berufung gemacht hat, ist Claudia Heimstädt aus Weitramsdforf. Zum 1. September hat sie ihr eigenes kleines Unternehmen "Herzensmensch" gegründet. Die gelernte Altenpflegerin möchte Menschen bei allen Alltagsaufgaben begleiten und unterstützen. Sie arbeitet eng mit der Awo Coburg zusammen und sieht sich nicht als Konkurrenz. Erreichbar ist Claudia Heimstädt mobil unter 0151-17602601 oder per Mail: heimstaedt.claudia@web.de